©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

100 Jahre Bauhaus – um Spuren dieser Zeit zu entdecken, müssen wir nicht weit reisen. Jenseits der Bauhaus-Zentren lassen sich auch in der Region viele Zeugnisse dieser prägenden Epoche finden.

Bauhaus, Bauhaus, Bauhaus – egal, wohin man schaut und hört, ob im Fernsehen, im Radio, in den Buchläden oder in Zeitschriften und Zeitungen: Niemand kann sich dem Jubiläum zum 100. Geburtstag und dieser genausolang währenden Faszination entziehen – und schon gar nicht in Südniedersachen. 1919, kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges, eröffnete Walter Gropius (1883­1969) in Weimar das Staatliche Bauhaus, eine Schule, die Lehre völlig neu definierte und in welcher Kunst und Handwerk zu einer nie dagewesenen Einheit verschmolzen. Es gab keine akademischen Zugangsvoraussetzungen.

Was zählte war allein die Begabung der Menschen, unabhängig von ihrem Schulabschluss, ihrer Staatszugehörigkeit und – revolutionär – auch unabhängig von ihrem Geschlecht. Im ersten Sommersemester des Jahres 1919, das auch gleichzeitig die Geburtsstunde des Frauenwahlrechts darstellte, standen den 79 männlichen Bewerbern 84 weibliche gegenüber. Was zählte war einzig und allein der Bauhaus­ Gedanke. 1919 wurde dieser zum Ausgangspunkt einer neuen Epoche.

Das Schulgebäude des zweiten Standortes in Dessau erinnert an eine frühe Arbeit von Gropius. Die Suche nach dem Ursprung jedoch führt nach Südniedersachsen, nach Alfeld. Bereits 1911 hatte der Firmengründer des Fagus­Werks, Carl Benscheidt, eine Vision, die der 53­Jährige in seinem frisch gegründeten Schuhleistenunternehmen verwirklichen wollte. Er traf auf Walter Gropius, der zu diesem Zeitpunkt noch ein völlig unbekannter Architekt, aber ein Bruder im Geiste war. „Der Arbeit müssen Paläste errichtet werden, die dem Fabrikarbeiter, dem Sklaven der modernen Industrie arbeit, nicht nur Licht, Luft und Reinlichkeit geben, sondern ihn noch etwas spüren lassen von der Würde der gemeinsamen großen Idee, die das Ganze treibt“, so ein Zitat von Gropius aus dieser Zeit. Kämpferisch und von großen Visionen getragen. „Sicher war es sehr mutig von meinem Ururgroßvater, mit dem damals unbekannten Gropius zusammenzuarbeiten, zumal keine belastbaren Referenzen vorlagen“, erzählt der heutige Geschäftsführer des Fagus­Werks Kai Greten. Und so heißt dem folgend auch die Sonderausstellung, die im Werk in Alfeld bis zum November dieses Jahres lebendige Einb licke und zusätzlich ein Rahmenprogramm mit Musik und Lesungen bieten wird: ‚MUT – die Provinz und das Bauhaus‘ .

Um auf den Spuren des Bauhauses in Südniedersachsen zu wandeln, bietet sich Alfeld auch als optimaler Startpunkt an, denn das von Gropius 1911 entworfene Fabrikgebäude des Fagus­Werks gilt als ein Ursprungsbau der Moderne und wurde 2011 zum UNESCO­ Weltkulturerbe erklärt. Ein lebendiges Denkmal, denn noch heute werden hier Schuhleisten produziert. Nach über 100 Jahren unterstützt seine Funktionalität, die zeitlose Eleganz und die Leichtigkeit der Konstruktion wie einst moderne Betriebsabläufe. Ein Beweis dafür, wie weit Gropius seiner Zeit voraus gewesen ist. Das Reduzieren auf das Wesentliche, klare Formgebung und ein Design, das vom Menschen, den Nutzern, ausgehend gedacht wird – diese Leitgedanken scheinen der Gegenwart entnommen und stammen doch aus einem anderen Jahrhundert. „Dass Menschen sich auf Augenhöhe begegnen, ist ein wichtiger Ansatz im Bauhaus“, so Greten. „Das Schaffen von besten Arbeitsbedingungen hört ja nicht bei der Bürobeleuchtung oder dem Bürostuhl auf. Es geht vielmehr um einen respektvollen, motivierenden und vertrauensvollen Umgang mit­- und untereinander.“

Auch Axel Bruchhäuser, Miteigentümer von TECTA in Lauenförde, ist beseelt vom Bauhaus­Gedanken. Er stieß in seiner Jugend durch Kunstbücher auf das Bauhaus. Als studierter Maschinenbauer und Sohn eines Möbelunternehmers war es dennoch ein langer Weg, bis er 1972 aus Ostdeutschland nach Südniedersachsen flüchtete und nun seit 45 Jahren Original­Bauhaus­-Möbel produziert: Ob Gropius‘ Entwürfe des Sessels für das Direktorenzimmer in Weimar von 1920 oder der schwingende Kragstuhl aus dem Jahr 1927 von Ludwig Mies van der Rohe (Direktor des Bauhauses von 1930 bis zu seiner Auflösung am 20. Juli 1933) – hier in Lauenförde werden nicht nur weiterhin Klassiker produziert, im angrenzenden Kragstuhlmuseum ist zudem eine beachtliche Sammlung der Stuhlklassiker zu sehen. Seit 1978 trägt Bruchhäuser Exponate zusammen. Wie stark sich der 1943 geborene Unternehmer dem Bauhaus­-Gedanken verbunden fühlt, zeigt sich etwa, wenn er auf die Frage antwortet, warum er das Bauhaus immer noch für aktuell erachtet: „Weil“, und dann zitiert er Mies van der Rohe, „nur eine Idee die Kraft hat, sich so weit zu verbreiten.“

Am Bauhaus zu studieren, bedeutete damals Leben, künstlerisches Leben. Die Schrecken des Ersten Weltkrieges waren überstanden, und die Schüler am Bauhaus wollten Veränderung und Freiheit. Alles schien möglich. „Am Bauhaus gab es eine unglaubliche Freiheit. Man konnte machen, was man wollte“, erinnert sich der ehemalige Bauhaus­-Schüler Alec Armstrong in einem Interview. Bestehende Schranken zwischen Kultur, Architektur, Malerei, Kunst und Handwerk sollten eingerissen werden. ‚Alles ist eins‘ – hieß es.

Von dieser Idee getragen, entwarf Wilhelm Wagenfeld 1924 die sogenannte ‚Bauhaus­-Leuchte‘, die in unterschiedlichen Versionen bis heute produziert wird. Für die Porzellanmanufaktur Fürstenberg entstanden so 1934 einige Entwürfe von ihm unter der Maxime: „Alles Brauchbare muss schön sein, anders erfüllen die Dinge nicht ihren Sinn.“ Der Purismus und die Originalität zeigen sich in schlichten Vasen und dem Klassiker­ ‚Service 639‘, die Fürstenberg fest in seinem Sortiment verankert hat. Und es scheint müßig, es auch hier wiederholen zu müssen, und dennoch: Die Entwürfe stehen in der Tradition eines zeitlosen Designs und einer formbewussten Schönheit.

Egal, wohin man sich wenden mag, man kommt an Walter Gropius nicht vorbei. Er pflegte Kontakte, förderte seine Schüler und Weggefährten, und was er anfasste, wurde zum Klassiker. Von der Idee eines zeitlosen Designs angelockt, zeigen in den 1920er­Jahren die Adler­-Werke in Frankfurt am Main ebenfalls Interesse an einer Zusammenarbeit mit Gropius. Er erhielt den Auftrag, das Aussehen der neuen Fahrzeuge Standard 6 und 8 zu veredeln. Wirtschaftlich erwies sich diese Zusammenarbeit nicht als sonderlich erfolgreich. Um es auf den Punkt zu bringen: Das Ganze war ein Flop. Es wurden lediglich drei Limousinen und etwa 20 Cabriolets gebaut. Leider ist keines der Gropius­ Fahrzeugmodelle erhalten geblieben. Adler gewann durch diese Zusammenarbeit jedoch beträchtliche öffentliche Aufmerksamkeit. Die mondäne Schönheit der Automobile jener Ära ist außer in der MUT-­Ausstellung auch im Motorrad­ und Automobil-­Museum PS.Speicher in Einbeck zu bewundern. Das von Gropius ebenfalls neu designte Signet, ein martialischer Adler, zierte ab 1932 alle Fahrzeuge.

Lucy Hillebrand (1906-­1997) hingegen ist ein Beispiel dafür, dass es möglich war, auch ohne den direkten Einfluss des Bauhaus­-Gründers eine erfolgreiche ‚Bauhäuslerin‘ zu werden. Sie habe am Gedankengut des Bauhauses mitgearbeitet, schrieb sie 1958, war selbst aber nie eine ‚Bauhäuslerin‘ gewesen. Stattdessen studierte sie an der Kunstgewerbeschule in Offenbach am Main und an der Werkkunstschule in Köln als Meisterschülerin bei Dominikus Böhm. Die Frankfurter Tankstelle aus dem Jahr 1930 gehört zu den wichtigsten Beispielen der klassischen Moderne. Die Architektin kam 1945 nach Göttingen und eröffnet hier ihr Büro. Ihr Werk umfasst unter anderem viele Entwürfe für Jugendzentren, Schulen und für das Albert­-Schweizer-­Kinderdorf in Uslar von 1970.

So lassen sich noch viele Lebenswege rund ums Bauhaus in Südniedersachsen aufzeigen. Paul Klopfer (1876-­1967), ein lebenslanger Freund und Weggefährte von Gropius, lehrte bis 1922 am Bauhaus und leitete danach in Holzminden die Baugewerkeschule. Hermann Blomeier (1907-­1982) war Architekt und Schüler von Klopfer in dessen Schule in Holzminden, bevor er von Südniedersachsen aus auf Anraten seines Lehrers Klopfer am Bauhaus in Dessau studierte. 1932 erhielt er sein Diplom für eine Jugendherberge auf Wangerooge. Oder Thilo Maatsch (1900­-1983): Er war ebenfalls aus Holzminden und lehrte dort als Volksschullehrer, war zudem Grafiker, Maler und Bildhauer. Die Schulferien nutzte er, um am Bauhaus zu studieren. Bekannt wurde er vor allem durch seine geometrisch­abstrakten Kompositionen, in denen sich jegliche Raum­- und Tiefenwirkung auflöst.

Bauhaus lebt. 100 Jahre nach seiner Gründung haben klare Formen, funktionale Gebrauchsgegenstände und geradlinige Architektur längst ihren festen Platz in der Gegenwart eingenommen, sodass man sich fragen könnte: Was war denn so besonders am Bauhaus? Waren die nicht alle einfach nur verrückt? Vielleicht waren es einige. Um kreativ zu sein, braucht es den Mut, anders zu denken – da hilft es schon, ein wenig verrückt zu sein. Aber die Idee, die dahinterstand, die Idee, die bis zum heutigen Tage überlebt hat, die bleibt einzigartig in der Geschichte. Und darum lohnt es sich, dem Bauhaus­-Gedanken einmal nachzuspüren und tatsächlich auf Spurensuche zu gehen. Auf die Neugierigen warten erstaunlich modern anmutende Lebens-­ und Gestaltungsprinzipien. Bauhaus 100 ist mehr als ein einfaches Jubiläumsjahr.