Zwischen den Welten

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Piller-Prokurist Thomas Psyk ist hin- und hergerissen zwischen Hardegsen und Shanghai.

Sein Wortschatz umfasst 150 bis 200 Begriffe.

„Das reicht gelegentlich sogar für einen Witz“, erzählt Thomas Psyk und steht damit zu seinen sprachlichen Defiziten in der neuen Umgebung.

Eine manchmal nicht ganz einfache Situation für den Südniedersachsen. Denn der sonst so sprachgewandte Chefeinkäufer und Prokurist des Moringer Unternehmens Piller kann genau auf diesen Charakterzug bei seinem aktuellen Großprojekt nur sehr eingeschränkt bauen. Über den im vergangenen Frühjahr verstorbenen Hans-Dietrich Genscher kursierte während seiner höchst aktiven Diplomatenzeit das Gerücht, er sei sich bei seinen unzähligen Flugreisen hoch über den Ozeanen mehrfach selbst begegnet. Thomas Psyk ist das bisher noch nicht passiert – aber er wäre ein weiterer heißer Kandidat für eine solche Begegnung: Der 51-Jährige baut seit 2014 in Shanghai einen neuen Standort für Piller, den Technologieführer auf den Gebieten Hochleistungsgebläse und Kompressoren, auf. Neunmal flog der Hardegser allein in 2015 nach China, um seinen einjährigen Aufenthalt vorzubereiten.
Unzählige Details – privater wie geschäftlicher Natur – mussten während dieser Zeit geklärt werden. Nicht ganz unwichtig war beispielsweise, wo er und seine Frau Michaela, die beim fernöstlichen Einsatz mit von der Partie ist, während des Auslandseinsatzes wohnen sollten. Es fand sich eine Wohnung in einem von 30 Wohntürmen mit 30  Stockwerken und jeweils zwei Wohneinheiten pro Etage. In den nicht gerade niedrigen Mietpreis der 200 Quadratmeterwohnung fließen auch Fahrstuhl, Flure vor der Wohnung und Mauern ein. Mithilfe  eines schwedischen Möbelhauses richteten die Psyks ihr neues Heim ein, bevor sie im Januar endgültig einzogen. Kreativität, Beratung von den neuen, in deutschen Clubs kennengelernten ,Leidensgenossen‘ und vor allem viel Ausdauer bei den Besorgungsfahrten haben für die nötige Atmosphäre gesorgt – in diesem

„Kokon zum Wohlfühlen mit europäischem Touch“, berichtet Psyk.

Überhaupt sei der überwältigende Straßenverkehr in Shanghai so ein Thema.

„Es ist wichtig, die Hackordnung zu verinnerlichen: Zunächst kommen die beladenen, dann die weniger beladenen Lkw, dann Busse, Pkw und Mofas – und wenn die alle durch sind, dann können die Fußgänger versuchen, heil über die Straße zu kommen“, erklärt Psyk die ,gnadenlosen‘ chinesischen Verkehrsregeln.

Fürs Vorankommen viel Zeit einzuplanen, gehört zu den wichtigsten Lektionen, die der gebürtige Braunschweiger lernen musste. Auch wenn er sich die Schriftzeichen für ,Straße‘, die Zahlen ,eins bis drei‘ und ,China – Reich der Mitte‘ eingeprägt hat, fiel ihm als Landei in dieser gigantischen Umgebung die Orientierung auf eigene Faust anfangs doch ziemlich schwer. Wichtigstes Hilfsmittel seit Ankunft bis heute ist die App ,Smartshanghai‘, die ihn auf Englisch sicher durch die Metropole lotst und mit deren Displayanzeigen die einheimischen Taxifahrer das gewünschte Ziel finden. Für das Geschäftsleben reicht dieser digitale Helfer aber verständlicherweise nicht aus.

Zwar verfügt Psyk, der in den vergangenen 14 Jahren von Südniedersachsen aus die Einkaufsabteilung von Piller zu einer international agierenden Geschäftseinheit ausgebaut hat, bereits über die Erfahrung aus mehreren Chinareisen, doch in Shanghai stehen dem Diplom-Kaufmann und früheren Unternehmensberater trotzdem seine chinesische Assistentin Antonia und deren Vertreter Hao Pan zur Seite. Nur mit dieser unverzichtbaren Hilfe konnte er die Verhandlungen für den neuen Standort führen, den Um- und Ausbau der gekauften neuen Halle überwachen und den zwölfköpfigen Mitarbeiterstamm für das neue Büro aussuchen und einstellen.
Und so entsteht seit 2015 die neue Montagestätte im deutsch-chinesischen Industriepark, wo inzwischen auch bereits die ersten Kundenaufträge abgewickelt wurden. Das technische Knowhow verbleibt in Moringen, wo die Produktion mittelfristig von den neuen Aufträgen in China profitiert und somit die Standortsicherheit steigt.

„Die Geschwindigkeit, mit der die Chinesen rund um die Uhr bauen, ist verblüffend. Privat kostet es einen aber häufig den Schlaf, wenn nachts Häuser abgerissen werden und Maschinen dröhnen“, erzählt der Geschäftsmann und gibt zu, dass er sich manches Mal zwischen den Welten hin- und hergerissen fühlt.

Häufig amüsiert er sich über die unter geometrischen Gesichtspunkten kreative Verlegung von Stromkabeln oder ähnliche Arbeitsergebnisse, die den DIN-Normen widersprechen. Weniger amüsant hingegen empfand er die Umstände, die zu einer Bauverzögerung um zwei bis drei Monate führten. Die Explosion im Hafen von Tianjin im August, die 700 Menschen das Leben kostete und über die weltweit berichtet wurde, hatte eine Verlängerung der Genehmigungsverfahren zur Folge. Doch da sich sein Team schnell als sehr schlagkräftig herausstellte, konnten diese Probleme kompensiert werden. Mit solcher Sicherheit im Rücken konnte sich Psyk in diesem Jahr parallel noch um ein zweites Großprojekt des Unternehmens kümmern: In Moringen entstand zur selben Zeit ein neues Verwaltungsgebäude, das im Herbst eingeweiht wurde und für dessen reibungslose Errichtung ebenfalls der Einkaufsleiter verantwortlich war.

„Das bedeutete weiteres Hin und Her, weitere Flüge“, erzählt Psyk. „Doch es hatte auch Vorteile. Vor allem der Flug zur Halbzeit meines Chinajahres tat sehr gut. Nach sechs Monaten war es einfach genug Stadt.“

Denn letztendlich hält er seine ruhigere Heimat nach wie vor für lebensfreundlicher.

Den mutigen Schritt auf die andere Hälfte der Erdkugel bereut das südniedersächsische Ehepaar trotzdem nicht. Die intensiven kulturellen Einblicke, die auch mehrfach an die familiären und befreundeten Besucher aus Deutschland weitervermittelt werden konnten, und neue berufliche Erfahrungen werden dauerhaft in Erinnerung bleiben. Insbesondere das landestypische gemeinschaftliche Essen schätzen die Psyks sehr – das übrigens mit dem in Deutschland verkauften „chinesischen, in Sauce ertränktem Essen“ wenig zu tun hat. Auf die Frage, wo Thomas Psyk seinen Altersruhesitz sieht, ist der Globetrotter, der bereits als Kind mit seinen Eltern auf einem Bananendampfer nach Panama reiste, unschlüssig:

„Ich weiß es nicht. Aber ich mag es gern warm.“

Auch wenn Hardegsen sicher nicht zu den heißesten Ecken der Welt gehört – auf ihre endgültige Rückkehr an diesen Ort am Ende des Jahres freuen sich die Psyks in jedem Fall, und wie jedes Mal aus dem selben Grund: Endlich wieder unverchlortes Wasser aus dem Hahn.