Zwischen den Stühlen

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefanie Waske

Vom Bauhaus bis zur Gegenwart – Axel Bruchhäuser, Vordenker, Inhaber und Gestalter der Möbelmanufaktur Tecta in Lauenförde erzählt die Geschichte hinter den Werken.

Missverständnisse vor dem ersten Treffen sind selten gut. Ein Sammler? Das sei er nicht, betont Axel Bruchhäuser. Dennoch hat der Unternehmer Meilensteine der klassischen Moderne zusammengetragen – Möbel, Zeichnungen und Dokumente von der Zeit des Bauhauses bis zur Gegenwart. Neben seiner Möbelmanufaktur Tecta im Weserort Lauenförde hat er ein privates Museum mit mehr als 3.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche erbaut.

Das Museum of Modern Art in New York hat bereits Stücke von ihm ausgeliehen, aktuell das Kunstmuseum in Wolfsburg. Wie geht das, ohne zu sammeln? Wer Bruchhäuser begegnet, muss lernen, den Blickwinkel zu ändern. Dies vermittelt schon der Eingang ins Unternehmen: Langgezogene Rampen führen in schrägen Winkeln auf die Tür zu, nicht zwei praktische Stufen. So wird der Besucher aus seinem gewohnten Gang gebracht. Bald nach dem Klingeln steht Bruchhäuser kerzengerade im Türrahmen. Der 73­-Jährige strahlt in seinem dunkelblauen Pullover, dem leuchtend blau ­karierten Hemd und mit der weißen, fast durchscheinenden Brille Eleganz aus. Die Literatur verrät: Bruchhäuser kann flechten und schweißen, entwirft selbst und arbeitet mit Entwerfern zusammen. Eine außergewöhnliche Mischung. Doch wie entstand seine Begeisterung für die Kunst der Moderne?

1943 kam Bruchhäuser als Sohn eines Polstermöbel­ Fabrikanten in Güstrow auf die Welt. Mit 14 Jahren baute er den ersten eigenen Stuhl. Er nutzte Materialien, die Tecta heute noch täglich verwendet: Er flocht den Sitz aus  Naturrohr und bog das Gestell aus Stahlrohr.

„Fühlen, wie das Material denkt“ – der Grundsatz ist ihm bis heute wichtig.

Auf das Bauhaus, der einst in Weimar gegründeten Ausbildungsstätte, die Kunst und Technik zu einer neuen Einheit verbinden wollte, sei er in Kunstbüchern gestoßen.

„Ich fand das schön.“

Gefühl und Intuition hätten ihm den Weg gewiesen. Bruchhäuser studierte zunächst Maschinenbau in Dresden und stieg 1969 in den Familienbetrieb ein. Wenn der Unternehmer über diese Zeit spricht, klingt seine Stimme gepresster, und sein Gesicht wirkt an gespannt. DDR ­Funktionäre hätten für seine Ideen moderner Möbel kein Verständnis gehabt, ihn als ,elitär‘ beschimpft. 1972 verwandelten diese den privatwirtschaftlichen Möbelbetrieb in einen staatlichen. Im selben Jahr konnte Bruchhäuser in die Bundesrepublik reisen, sein Vater parallel nach Schweden. Offiziell waren sie für die Polsterindustrie der DDR unterwegs. Sie nutzten die Chance und blieben im Westen. Als „Fügung“ und „unglaubliche Chance“ bezeichnet Bruchhäuser heute die Flucht.

Vater und Sohn erinnerten sich an den Lauenförder Architekten Hans Könecke. Der war bereits in Güstrow ihr Kunde gewesen, wollte im Osten einige seiner Möbel herstellen lassen. Nun reisten sie zu ihm in das 2.600­Einwohner­ Örtchen in Niedersachsen, blieben und übernahmen schließlich dessen Unternehmen Tecta.

„Das Wertvollste, das die Demokratie uns geben hat, war, unsere Träume zu verwirklichen“, sagt Bruchhäuser.

Neben Köneckes gradlinigen Entwürfen aus Stahlrohr, Leinwand und Leder wollte er nun Bauhaus­ Entwürfe mit Lizenz bauen. Ganz besonders interessierte Bruchhäuser der ,hinterbeinlose Stuhl‘, der in den 1920er­ Jahren entstanden war. Die meisten sprechen heute vom Freischwinger. Bruchhäuser schüttelt den Kopf.

„Entweder schwingt es oder nicht.“

Das Wort ,frei‘ sei überflüssig. Er ist genau, nicht nur bei Stühlen. Daher bevorzugt er wegen der auskragenden Konstruktion die Bezeichnung Kragstuhl.

„Mich interessierte, aus welchem Gedanken heraus der Kragstuhl entstanden ist“, erzählt der Unternehmer.

So machte er sich auf eine jahrelange Suche nach der Urform. Dazu musste er den niederländischen Architekten Mart Stam ausfindig machen, der als dessen Erfinder im Jahr 1926 gilt. Gut 50 Jahre später hatte er sich in die Schweiz zurückgezogen, wechselte häufig den Wohnort und änderte die Schreibweise seines Namens. Vier Jahre forschte Bruchhäuser nach seiner Adresse. Stam soll über den geduldigen Sucher aus Deutschland, der ihn 1977 in Hilterfingen am Thuner See aufstöberte, äußerst überrascht gewesen sein. Er berichtete ihm, wie er für seine Frau aus Gasrohren und Muffen den Prototypen baute.

„Mich störte der geschlossene Kubus vierbeiniger Stühle, die sich Berliner Schrebergärtner aus alten Gasrohren bauten. Ich wollte den Raum sprengen“, schrieb er Bruchhäuser.

Schwingen konnte der Prototyp nicht. Dafür sorgte der Architekt Ludwig Mies van der Rohe. Ohne Absicht, wie Bruchhäuser bemerkt. Dieser habe Stams Entwurf „so hässlich mit den Muffen“ gefunden und die Ecken in einen eleganten Bogen aufgelöst. An das Schwingen des neuen Sitzmöbels habe sich van der Rohe erst gewöhnen müssen. Was, wenn das Herz aus dem Takt geriete? Dabei passte das Schwingen zur Aufbruchstimmung der Epoche. El Lissitzky, der russische avantgardistische Künstler, schrieb 1926:

„Unsere Architektur rollt, schwimmt, fliegt. Es kommt das Schweben, Schwingen.“

Von ihm hängen Zeichnungen im langgezogenen weißen Flur bei Tecta, der die Werkstätten zum Nähen, Flechten, Schweißen, die Schlosserei und die Büros verbindet. Schienen durchziehen den Boden, sodass die Mitarbeiter auf Transportwagen Material und Möbel bewegen können. Bodentiefe Glasfenster durchbrechen die lange Flucht, geben den Blick in den herbstlichen Innenhof frei. Bruchhäuser geht es vor allem um die Bilder, Modelle und Zeichnungen an den Wänden.

„Jedes Werk hat eine besondere Bewandtnis“, betont er.

Nicht nur das Museum, auch die Produktionsgebäude verwahrten gestalterische Schätze. Lissitzkys Serie ,Sieg über die Sonne‘ beispielsweise. Bruchhäuser erzählt die Geschichte hinter dem Werk: Von dem Künstler, Architekten, Typografen und Entwerfer wollte er einst Möbel bauen. Eine kühne Idee. Zu den Stühlen und Tischen gab es nur Zeichnungen; sie waren nie zuvor hergestellt worden. Zudem war Lissitzky bereits 1941 in der Sowjetunion gestorben. Wieder gelang es Bruchhäuser, die richtige Adresse ausfindig zu machen: Dessen Witwe, gebürtige Deutsche, lebte in der sibirischen Verbannung. Sie gab die ersten Hinweise, wie ihr Mann sich die Möbel vorgestellt hatte. Ihr Sohn und ihre Hündin durften schließlich in die Bundesrepublik ausreisen und fanden Unterkunft in Lauenförde. Dort ging der einst von Lissitzky für die Hygiene­ Ausstellung 1930 in Dresden konzipierte Sessel 58 Jahre danach in Serie. Erlebt und erarbeitet, nicht gesammelt sei all dies, will Bruchhäuser deutlich machen. Aktuell katalogisiert der 73­-Jährige die Werke des Architekten Stefan Wewerka, mit dem er viele Jahre zusammenarbeitete. Die meisten Briefwechsel und Dokumente verwahrter in Schubläden im Büro.

„Das Archiv des Unternehmens.“

Doch wohin mit den zugehörigen Möbeln? Dem nachgebauten Gasrohr­Stuhl von Stam? Dem Prototypen von Lissitzky? Ab 1977 fanden sie im wenige Kilometer entfernten Beverungen eine Schaufläche: In der mittelalterlichen Burg aus Sandstein mit Blick auf die Weser entstand das Tecta­ Kragstuhlmuseum. Zuerst nur auf einer  Etage, später waren es vier. Dann gerieten Bruchhäuser und die Verwaltung des Ortes in einen Streit, ob auf dem Dach der Burg Stühle stehen dürften. Die sahen aus, als wollten sie tanzen: Mal knickten die Beine zur Seite, mal stand einer Kopf. Märchenhaft sollte es aussehen, ein Hinweis auf die Brüder Grimm. Beide Seiten konnten sich nicht einigen. Bruchhäuser beschloss, auf dem Firmengelände in Lauenförde ein neues Museum zu bauen. Er bat den britischen Architekten Peter Smithson um einen Entwurf. Der hatte seit 1993 mit seiner Frau Alison vor allem für Tecta gearbeitet: das Unternehmen mit Bauten aus Glas erweitert, das Privathaus von Bruchhäuser zu einem Gesamtkunstwerk, dem Hexenhaus, umgebaut. Möbel für die Lauenförder Manufaktur entworfen.

„Ich werde darüber nachdenken“, habe Peter Smithson seelenruhig geantwortet.

Ohne zu glauben, dass die drei große Hallen je gebaut würden. Sie wurden es: Über die Nachricht konnte sich Smithson noch freuen, vor der Einweihung starb er. Heute bilden drei große Hallen das Museum, ein Pavillon dient als Empfang. Sie alle haben eine Glasfassade und leuchtend rote Metallstreben. Das ,Spinnengewebe‘, wie es Smithson genannt hat, soll eine ,humorvolle Annäherung an niederdeutsches Fachwerk‘ sein – ohne Ziegel versteht sich. Die Kultur und Geschichte des Ortes einzubeziehen, war ihm wichtig. Ebenso der leere Raum zwischen den Gebäuden, die Landschaft mit ihren Bäumen und Tieren. Wer das Museum besucht, kann daher nicht nur die Entwicklung des ,hinterbeinlosen Stuhls‘ entdecken. Oder die mehr als einhundert Originale des französischen Architekten und Ingenieurs Jean Prouvé und vieles mehr. Der Besucher sieht ebenso, wie das gelb­rote Laub der Bäume auf die Wiesen fällt oder ein Mann auf seinem nervösen Pferd vorbeireitet. Drinnen und draußen lösen sich auf. Architekt und Bauherr teilten eine Vision: Mensch, Technik und Natur sollten wieder in Einklang kommen. Bereits der preußische Baumeister Karl Friedrich Schinkel habe vom ,industrialisierten Gartenreich‘ geträumt, erinnert Bruchhäuser. Zumindest in Lauenförde, meint er, sei dies nun gelungen. Smithson Ideen scheinen in Bruchhäusers Erinnerung lebendiger denn je. Und noch eines ist ihm wichtig:

„Der liebevolle Umgang mit den Dingen.“

Wie sich der zeige? Dazu nimmt der Tecta ­Geschäftsführer vorsichtig ein rotes Holzpferd mit schwarzer Mähne von seinem Schreibtisch. Es ist ein Geschenk von Sergius Ruegenberg, dem Mitarbeiter von Mies van der Rohe. Bruchhäuser hat noch ein Scharnier an den Hinterbeinen angebracht, sodass das Pferd seine Hinterbeine nach oben schwenken und ausschlagen kann. Wie das Niedersachsenpferd, erklärt er. Liebevolle Details mit einem Augenzwinkern.

„Gegen Oberflächlichkeit und Hässlichkeit ein Zeichen setzen“, darum gehe es ihm, sagt Bruchhäuser.

Das Unternehmen führt er mittlerweile zusammen mit seinem Neffen Christian Drescher.

„Bewahren, weiterentwickeln, produzieren“, das bleibe auch in Zukunft das Ziel.

So werden wohl weitere Stücke von neuen Entwerfern ihren Weg in das Museum finden. Werden sich ansammeln, für den Besucher beschriftet und erklärt. Nur gesammelt werden sie nicht.