Die Pinsel-Profis

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Seit 100 Jahren produziert das Familienunternehmen Wistoba ,streichfähige‘ Produkte in Barbis.

„Eines Tages kam ich mit [..] dem damaligen Besitzer des Sägewerkes [..] ins Gespräch, und er sagte mir, ich könne gleich am nächsten Montag bei ihm anfangen. Es war kein guter Anfang, denn am Freitag der gleichen Woche hatte ich einen schweren Unfall. Ich kam in die Kreissäge und verlor drei Finger meiner rechten Hand“, beschreibt Wilhelm Stollberg in seinen Memoiren den Unfall, der sich vor inzwischen 101 Jahren ereignete.

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Unter wahnsinnigen Schmerzen schleppt er sich von Barbis nach Bad Lauterberg zu seinem Hausarzt, der ihm eine Genesungszeit von mindestens einem halben Jahr prognostiziert – natürlich ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht an eine Rettung der abgetrennten Finger zu denken. Das Leben von Wilhelm Stollberg scheint in Trümmern zu liegen. Dieses ohnehin traumatische Erlebnis droht für den damals 19­-Jährigen zu Zeiten des Ersten Weltkrieges das Ende seiner Berufslaufbahn zu sein. Doch der gelernte Borstenzurichter und Pinselmacher lässt sich von diesem Schicksalsschlag ebenso wenig unterkriegen, wie von der schwierigen Lage auf dem Arbeitsmarkt während der Kriegsjahre. Nur sieben Wochen nach dem Unfall sieht sich der motivierte Facharbeiter schon in der Lage, die Gelegenheit beim Schopfe zu packen, wieder für seinen Ausbildungsbetrieb, der ihn einige Monate zuvor wegen Rohstoffmangels entlassen hatte, tätig zu sein:

„Ich habe also mit meiner verletzten Hand wieder als Borstenzurichter gearbeitet und genauso viel verdient wie diejenigen, die ihre zehn Finger hatten“, sagt er und beurteilt die Grundsituation rückblickend positiv.

Doch die Chemie zwischen ihm und dem Werksmeister, seinem ehemaligen Lehrmeister, stimmt nicht. Das Verhältnis entwickelt sich so schlecht, dass er an seinem 20. Geburtstag die Kündigung erhält. Glücklicherweise konnte er in den Jahren zuvor 200 Reichsmark ansparen – genug, um sich nur 14 Tage später, am 1. Dezember 1917, selbständig zu machen. Er fertigt im Elternhaus zunächst eine eigene Werkbank und stellt dann – gemeinsam mit seinen Eltern – Besen und Bürsten her. Sein Startkapital investiert er in Holz für die benötigten Stiele sowie in Schweineborsten und Pferdehaar. Mit seinen verbliebenen sieben Fingern entwickelt er erstaunlich schnell eine beeindruckende Geschicklichkeit. Da ihm auch das Geschäftliche zu liegen scheint, wächst sein junges Unternehmen schnell: 1921 beschäftigt er bereits 15 Mitarbeiter und die räumlichen Kapazitäten im Zentrum von Barbis stoßen an ihre Grenzen.

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Stollberg schaut sich nach neuen Perspektiven um und wird beim Landwirt Eduard Cornelius fündig. Dieser bietet ihm einen Teil seines bereits stillgelegten Bauernhofs an. Im Gegenzug wird Cornelius zum Compagnon. Eine Offene Handelsgesellschaft unter der Firmierung ,Wistoba­Pinselfabrik, Inh. Wilhelm Stollberg und Eduard Cornelius‘ wird ins Handelsregister eingetragen – wobei sich der Firmenname Wistoba aus den Anfangsbuchstaben Stollbergs und des Standortes Barbis zusammensetzt. Mit Fachpersonal für den kaufmännischen und den handwerklichen Bereich, zum Teil vom früheren Arbeitgeber rekrutiert, professionalisieren Stollberg und Cornelius den Betrieb. Ende der 1920er ­Jahre verdienen bereits 50 Angestellte ihren Lebensunterhalt bei Wistoba, als sich Wilhelm Stollberg entschließt, den Mitinhaber Eduard Cornelius auszuzahlen und das Unternehmen fortan allein zu führen.

In den Wirren der Wirtschaftskrise und des Zweiten Weltkrieges kann Wistoba trotz des schwierigen wirtschaftlichen Umfeldes fortbestehen. Doch kurz vor Ende des Krieges gerät der Firmenchef in die Gefangenschaft der Alliierten, aus der er aber bereits im November 1946 entlassen wird. Er findet sein Unternehmen nahezu unangetastet vor und nimmt den Geschäftsbetrieb schnell wieder auf. Sofort kommen ihm die einst sorgsam gepflegten Geschäftsbeziehungen wieder zugute. Die vielen Stammkunden schätzen und bestellen die Qualitätsware aus Barbis gerne. Da Stollberg schon immer auf den Großhandel gesetzt hatte, stimmen auch die Absatzmengen, und Wistoba kann wieder zu alter Stärke zurückfinden.

Auch wenn sich Stollberg und die Pinselindustrie nicht als Gewinner des Wirtschaftswunders der 1950er ­Jahre einstufen, gelingt es dem geschäftstüchtigen Pinselfachmann, Wistoba zu einem der größten Bad Lauterberger Betriebe mit mehr als 200 Mitarbeitern zu vergrößern. Sein strategisches Denkvermögen macht sich bezahlt: Schon früh setzt er auf eine Organisierung der Hersteller in seiner Branche und wird Gründungsmitglied zunächst des deutschen und später des europäischen Pinsel­ und Bürstenverbandes. Zudem bindet er seinen Sohn Friedrich Wilhelm bereits in frühen Jahren in das operative Geschäft ein und lässt ihn bei befreundeten Unternehmen in Deutschland und in Schweden hospitieren. Eine Bildungsreise in Sachen Pinselfertigung in die USA schloss sich später an.

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Mit diesen Kenntnissen ausgestattet, übernimmt sein 39­-jähriger Sohn im Jahr 1969 die Führung von Wistoba. Auch er engagiert sich in den Branchenverbänden. Und während sein Vater Produkte von höchster handwerklicher Qualität in Manufaktur produzierte, erkennt er die Zeichen der Zeit und begegnet der wachsenden asiatischen Konkurrenz mit Automation und Rationalität in der Fertigung. Oft kommen dabei selbst konstruierte Maschinen zum Einsatz. Im Fokus steht dabei immer, dem Kundenkreis treu zu bleiben und weiterhin auf hochwertige Produkte für professionelle Anwender und den Großhandel zu setzen.

Der richtige Weg, denn der Wistoba­Geschäftsführer registriert, wie sich die Zahl der Produzenten und Familienunternehmen immer weiter verringert und wie sich der Markt auf immer weniger Großfabrikanten konzentriert.

„Versuche, über Discounter an die Endverbraucher zu verkaufen, verliefen zwar in den 1980er­ Jahren vordergründig erfolgreich, doch die daraus resultierenden längeren Lieferzeiten für unsere Stammkunden waren auf die Dauer nicht akzeptabel“, sagt Thorsten W. Stollberg, der das Unternehmen heute in dritter Generation führt, und blickt auf den durchaus lukrativen, aber dennoch nicht nachhaltigen Ausflug in den Privatanwenderbereich zurück. Gemeinsam mit seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Arndt Wilhelm setzt der 56-­jährige Betriebswirt weiterhin auf Topqualität für den Großhandel.

Beide führen das Unternehmen seit dem Jahr 2000 und sehen klare Unterschiede zu den Herausforderungen an ihren Großvater und Vater.

„Die Pinselindustrie bot schon immer ein schwieriges Umfeld“, erklärt Arndt­ Wilhelm Stollberg. „Unser Großvater musste zwei Kriege und die damit verbundenen Rohstoffengpässe überwinden und gleichzeitig das Unternehmen aufbauen.“

Sein Vater musste sich durch Modernisierung gegen den deutschen und asiatischen Wettbewerb behaupten.

„Heute sehen wir unsere Aufgabe darin, ein Nischenprodukt auf technisch höchstem Niveau zu produzieren, dieses modern zu vermarkten und den Standort und unsere Unabhängigkeit zu bewahren“, sagt der Geschäftsführer und fasst damit die sich wandelnden Prioritäten zusammen.

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Der Erfolg scheint den Barbiser Borstenexperten recht zu geben: Sie sind in ihrer Branche eines der letzten deutschen Familienunternehmen, das sich gegen die immer größeren Produzenten behauptet. Bei allen sich wandelnden Anforderungen bleibt das Erfolgsrezept dasselbe: Mit Topqualität behauptet Wistoba seinen Markt und verliert sich nicht in Preiskämpfen mit der Billigkonkurrenz aus Fernost. Zwar werden Rohstoffe heute auch aus Asien zugekauft, doch die Verarbeitung findet in einer immer auf dem neuesten technischen Stand gehaltenen Produktion mit zum größten Teil selbst ausgebildetem Fachpersonal hier in Deutschland statt. Die Produktionsstätte ist inzwischen im Gewerbegebiet von Bad Lauterberg-­Barbis ansässig, und jährlich werden große Summen in den Standort investiert.

Über 2.500 Artikel in verschiedenen Varianten stellt der deutsche Marktführer Wistoba mit 80 Mitarbeitern her. Um dies auch in Zukunft gewährleisten zu können, hoffen die Stollbergs der dritten Generation wie ihre Väter auf eine Nachfolge aus dem Familienkreis – immerhin vier Kinder haben die beiden Brüder – und bauen auf eine gute Vernetzung ihres Unternehmens: Branchenintern führt der für den Vertrieb zuständige Thorsten W. Stollberg sowohl den deutschen als auch den europäischen Verband als Vorsitzender. Regional gehört er seit 2009 dem Lions Club an. Der für die Produktion zuständige Diplom­ Ingenieur Arndt-Wilhelm engagiert sich hingegen im Rotary Club und hat in diesem Jahr den Vorsitz inne. Dies alles geschieht ganz im Sinne des Gründers, der schon immer forderte, über den Tellerrand zu schauen. Mit Stolz kann er sich heute auf die Jubiläumsfestlichkeiten zum 100. Geburtstag seines Unternehmens freuen: Im Kreis der aktuellen und ehemaligen Mitarbeiter werden die Inhaber am 31. August, dem Geburtstag ihres 2008 verstorbenen Vaters, eine lange und erfolgreiche Unternehmensgeschichte feiern.

Wistoba heute
Wistoba produziert 2.500 verschiedene Produkte, jährlich 6,5 Millionen Pinsel in diversen Varianten. Die hochwertigen Malerpinsel (Feinhaarpinsel, Ringpinsel, Deckenbürsten, Farbroller u. v. m.) werden auch nach Kundenwunsch gefertigt und produziert – im Bereich Private Label, für verschiedene Anwendungen im Lack- und Farbengroßhandel sowie für Großkunden und Kollegenfirmen weltweit. Dabei ist sich die Wistoba Pinselfabrik seiner ökologischen Verantwortung bewusst: Fast alle Hölzer, die bei Wistoba verarbeitet werden, tragen das FSC-Logo (Forest Steward ship Council), das weltweite Standards für eine umweltfreundliche, sozial vorteilhafte und wirtschaftlich tragfähige Forstwirtschaft garantiert. www.wistoba.de