„Wir wissen es einfach noch nicht“

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Christian Vogelbein, Elena Schrader

Mit Arbeitssoziologin Nicole Mayer-Ahuja auf der Suche nach ein bisschen Arbeit 4.0

Nicole Mayer-Ahuja, Direktorin des SOFI (Soziologisches Forschungsinstitut e. V.) und Professorin am Institut für Soziologie an der Universität in Göttingen, versucht im Interview mit faktor, den Begriff Arbeit 4.0 greifbar zu machen und zu entschärfen.

Frau Mayer-Ahuja, bringen Sie bitte etwas Licht ins Dunkel: Arbeit 4.0, was heißt das eigentlich?

Die Idee hat mit der vierten industriellen Revolution zu tun. Nach der Dampfmaschine im 19. Jahrhundert, der Fließbandproduktion Anfang des 20. Jahrhunderts und dem Aufkommen der Computer in den 1970er- und 1980er-Jahren, soll die vierte Revolution jetzt die Digitalisierung sein. Es geht um die Frage: Wenn wir Computer benutzen, beruflich und privat, was verändert sich eigentlich?

Aber warum der Begriff Arbeit 4.0? War diese Spezifizierung notwendig? Spezifizierung ist insofern notwendig, als dass neue technische Erfindungen immer auch Auswirkungen auf unsere Arbeit haben. Wenn wir beispielsweise über das ,Internet der Dinge‘ reden, über Maschinen, die sich miteinander vernetzen, dann gibt es nun mal Diskussionen um Arbeitsplätze, die bestehen bleiben, und andere, die wegfallen. Oder auch darüber, wie sich die Qualität von Arbeit verändert. Die Veränderungen beschränken sich ja nicht nur auf die Fabrikhalle, sondern es geht um intelligente Kühlschränke, digitalen Einkauf … Somit ist nicht nur ein Teil der Wirtschaft betroffen – sondern die ganze Gesellschaft.

Ist es denn so weit, dass Arbeit 4.0 bereits konkret ist …?

Da gibt es leider keine Antwort – schade, die hätten wir auch gerne. Die ganze Diskussion über Industrie 4.0 und damit auch über Arbeit 4.0 ist scheinbar sehr plötzlich über uns gekommen. Wir befinden uns jetzt in der interessanten Situation, dass viele Unternehmen den Eindruck haben, das sei ein neuer Kernbereich. Aber wenn Sie dort nach dem Stand der Dinge fragen, haben die meisten Unternehmen schlichtweg noch keine Erfahrung. Und so herrschen wegen Abwesenheit von Fakten mitunter auch Angst und Verunsicherung, einfach weil die Führungskräfte nicht wissen, was das fürs eigene Geschäft bedeutet.

Gibt es schon Studien dazu, wie die aktuelle Lage in kleinen und mittelständischen Unternehmen ist?

Ein Doktorand von mir hat versucht, das herauszufinden. Er war bei allen möglichen Industrie- und Handelskammern, Gewerkschaften und Unternehmen, auch hier in der Region, und bekam überall die gleiche Antwort: Die finden das alles sehr interessant – „aber kommen Sie mal in drei Jahren wieder“.

Dennoch: Zurzeit kommt überall das Thema Digitalisierung auf den Tisch, als wäre sie über Nacht gekommen, oder?

Das stimmt. Die aktuelle Wahrnehmung ist einfach so: Die Arbeitswelt verändert sich, und es hat irgendwas mit Computern zu tun. Aber nicht flächendeckend, und wir wissen immer noch nicht richtig, was technisch wirklich möglich ist. Wenn Sie also jetzt Schätzungen lesen wie ,Das kostet uns so und so viele Arbeitsplätze‘, ist das ehrlich gesagt nicht sehr seriös.

Und wo setzt die Forschung an, wenn es noch gar nichts Fassbares gibt?

Es geht vor allem darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, was möglich ist. Wonach wir also suchen, sind Pilotprojekte in der ,Industrie 4.0‘. Unternehmen, in denen die Vernetzung schon funktioniert, die bereits ,cyber- physische Systeme‘ einsetzen oder in denen diese zumindest schon getestet werden: Computersysteme, die simulieren, wie die Produktion in Zukunft funktionieren könnte. Sie kennen sicherlich diese typischen Industrie- 4.0-Comiczeichnungen: Die ganze Fabrikhalle ohne Menschen, aber voller Maschinen, die sich untereinander abstimmen, wo beispielsweise über dem Drucker eine Sprechblase steht: „Ich brauche neues Papier!“ Und dann greift eine Roboterhand im Papierlager auf das Papier zu, das dann automatisch zum Drucker transportiert wird.

Da stößt man unweigerlich auf die Frage: Braucht der Mensch den Menschen? Wo ist die Grenze der technologischen Machbarkeit?

Naja, es kann sicher helfen, wenn man in Pflegeheimen für die schweren Arbeiten, wie das Tragen oder Umlagern von Personen, Maschinen einsetzt. Aber dass man das, was wir an Betreuung und menschlicher Zuwendung brauchen, vielleicht von Robotern mit freundlichen Gesichtern machen lässt – dazu fehlt mir im Moment einfach die Vorstellungskraft.

Muss der Mensch überhaupt noch arbeiten?

Es gab ja schon Rationalisierungsschübe, neue Technik, die immer mehr menschliche Arbeitskraft ersetzt hat. Autowerke in den 1960ern haben noch viel mit jungen, ungelernten Leuten gearbeitet. Heute sind das fast ausschließlich Menschen mit hoher Qualifikation, mit Facharbeiterausbildung, die vor allem Maschinen bedienen. Und die Halle wirkt ziemlich leer, wenn viele Roboter im Einsatz sind. Aber es wurde schon in den 1970ern und 1980ern festgestellt, dass durch Rationalisierung Arbeit nicht pauschal wegfällt. Es wurden damals mehr Systemregulierer gebraucht: Arbeiter, die nicht nur ihre Facharbeiterqualifikationen haben mussten, sondern zusätzlich auch technische Qualifikationen. Man kann zwar vieles technologisieren, aber man braucht immer noch Menschen, die die Maschinen einstellen und – wenn was klemmt – Gewährleistungsarbeit leisten.

Aber heute sind wir doch noch einen Schritt weiter. Wie sieht es heute aus?

Da finden wir ganz irritierende Diagnosen. Viele Kollegen waren sich damals sicher, dass Arbeit für gering qualifizierte Beschäftigte in Deutschland überhaupt keine Zukunft hätte. Doch noch immer gibt es industrielle Einfacharbeit, die eigentlich nicht mehr existieren sollte, aber weiterhin existiert, weil Maschinen oft ganz einfach zu teuer sind. Ich habe einen Vortrag gehört, da ging es um eine Fabrik, in der wirklich teure Maschinen einfach nutzlos im Nebenraum standen, weil die Arbeitskraft in ländlichen Regionen so billig ist, dass man gar keinen Anstoß hat, mit neuen Maschinen zu experimentieren.

Mindestlohnarbeiter statt der Maschine?

Das kennen wir doch bereits aus anderen Ländern. Ich würde also nicht sagen, dass die gering qualifizierten Arbeiten auf jeden Fall verschwinden. Man muss sich verschiedene Bereiche genau anschauen. Tatsächlich haben wir nicht nur den Industriebereich, der sich verändert, sondern den ganzen Bereich der gering qualifizierten Dienstleistungen. Industrie 4.0 ist zum Beispiel bei Mc Donalds oder im Einzelhandel noch gar nicht richtig angekommen, und gerade da wird auf billige Arbeitskraft gesetzt. Klar ist, in dem Maße, wie Qualifikationsanforderungen sich erhöhen, werden diejenigen, die dem nicht gerecht werden, immer schlechtere Verhandlungsbedingungen haben und immer schlechter bezahlt.

Im Grunde werden also vor allem kompetente Facharbeiter gebraucht. Aber man kann ja nicht aus jedem einen Spezialisten machen. Wer nur einen Hauptschulabschluss und keine Berufsausbildung hat, bekommt ein Problem.

Das hat man ja jetzt schon.

Stimmt. Muss vielleicht auch das Schulsystem auf diese Situation reagieren?

Ja. Ein großer Teil der Leute, die ohne Abschluss oder mit Hauptschulabschluss dastehen, drohen tatsächlich nicht mehr in berufliche Systeme eingegliedert zu werden. In diesem Bereich des Arbeitsmarktes werden sehr wahrscheinlich immer weniger Jobs zur Verfügung stehen.

Braucht es dann vielleicht ein Bildungssystem 4.0, das das liefert, was der Markt braucht?

Stellt sich die Frage: Was braucht der Markt?

Fachkräfte.

Genau. Stichwort Akademisierung. Wir haben ein extrem selektives Schulsystem. Mit unserem dreigliedrigen System sorgen wir eigentlich dafür, dass alle, die bestimmte Dinge nicht von zu Hause mitbekommen, weniger Chancen haben, sich weiterzuentwickeln. Ich glaube, man könnte über Arbeit 4.0 aber auch ganz anders diskutieren. Zum Beispiel in Bezug auf den demografischen Wandel. Es könnten durch die Technologisierung ganz neue Arbeitsplätze geschaffen werden, die beispielsweise für ältere Menschen ideal sind. Wenn das gewollt ist. Technische Machbarkeit ist das eine. Die Umsetzung das andere. Ich habe momentan denEindruck, dass wir in diesem Zusammenhang in nächster Zeit viel über das Thema Pflege hören werden, einen Bereich, in dem es großen Fachkräftemangel gibt.

Häufig wird das Thema ,Digitalisierung‘ eher negativ betrachtet. Aber es birgt doch auch Chancen und Möglichkeiten – oder?

Ja sicher. Und wenn Sie mit Leuten aus der Technik reden, die die technischen Seiten der Vernetzung sehen – die sind von den neuen Möglichkeiten total begeistert. Die reden dann aber auch nicht über Arbeit, die reden über Technik. Hier kommt die euphorische Stimmung in erster Linie vonseiten der Wirtschaft, da man sich vorstellt, dass dadurch viel effizienter gearbeitet werden kann. Man verweist dann gern auf neue Chancen für Beschäftigte, die Möglichkeit, Arbeit und Leben flexibler zu gestalten. Natürlich verspricht man sich davon auch mehr Profite. Arbeitskraft ist teuer, und in dem Moment, wo ich rationalisieren kann, steigen auch die Konkurrenzvorteile gegenüber dem Ausland. Was wir im Moment vor allen Dingen sehen, ist eine Veränderung von Unternehmensstrukturen. Wir haben schon seit 30 Jahren die Tendenz, dass sich Unternehmen ihrem Kerngeschäft widmen und Tätigkeiten, die nicht dazu gehören, auslagern. An Subunternehmer, an Werkvertragsnehmer. Man kann Arbeit noch kleinteiliger und weltweit verlagern. Das wird sich durch die Digitalisierung fortlaufend verstärken.

Müssen sich Geschäftsführer, Fach- und Führungskräfte ganz anderen Anforderungen stellen?

Ja, das auf jeden Fall. Das ist die sogenannte Schnittstellenproblematik. Wenn man seine Produktion plötzlich nicht mehr auf drei Abteilungen verteilt hat, sondern auf 2.000 sogenannte Crowdworker – die von überall aus, nur nicht in der Firma arbeiten –, müssen sich Führungskräfte fragen: Wie sorge ich dafür, dass die Teile am Ende überhaupt noch zusammenpassen, und wie entscheide ich, inwiefern eine solche Arbeitsverteilung Sinn ergibt?

Muss sich Arbeit 4.0 an der Gesellschaft orientieren? Und wie kommt die Gesellschaft mit Arbeit 4.0 klar?

Die Frage ist, wer ist in diesem Zusammenhang ‚die Gesellschaft‘? Auf der einen Seite stehen die Leute, die die neuen technischen Möglichkeiten toll finden und die es gut
finden, selbständig zu sein, ihre Arbeitskraft auf verschiedenen Plattformen anzubieten und somit weniger Bindungen an ihr Unternehmen zu haben, um sich freier entwickeln zu können. Auf der anderen Seite gibt es die Leute, die das kritischer sehen und sagen: Ja, das mach ich jetzt mit Mitte 20, aber wie lebe ich später, in der Rente? Beides ist gesellschaftlicher Bedarf: das Bedürfnis, sich freier zu entfalten und zu erfinden, und auf der anderen Seite die soziale Absicherung. Aus meiner Sicht ist es jetzt wichtig, zu sehen, welche Formen von Arbeit sich heute herausbilden und dazu bestimmte Regulierungssysteme anzupassen – um zu verhindern, dass Arbeit 4.0 mit „keine Bindung und keine Absicherung“ gleichzusetzen ist.

Könnte Arbeit 4.0 vielleicht auch den Begriff ,Arbeit‘ neu ausloten? Was halten Sie von einem bedingungslosen Grundeinkommen?

Wenn man sich gesellschaftlich darüber verständigen könnte, Menschen von Erwerbsarbeit zu entlasten und dafür zu sorgen, dass durch Rationalisierung die Produktivität so steigt, dass wir alle weniger arbeiten müssen – das wäre doch eigentlich wunderbar. Das Problem ist allerdings: Wie kommt man zu dieser gesellschaftlichen Entscheidung? Wir müssten dann über Umverteilung von Arbeit und von Vermögen reden. Momentan habe ich nicht den Eindruck, als wäre das mehrheitsfähig.

Wer entscheidet, wie die Gesellschaft  funktioniert?

Da sind die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Akteure mit im Spiel. Ich glaube nicht, dass jemand ein Problem damit hätte, nur 15 Stunden in der Woche zu arbeiten. Mit Lohnausgleich wäre da jeder dabei. Wirtschaftsvertreter würden allerdings sagen: „So etwas kann man in Deutschland alleine nicht durchsetzen, da leidet unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit.“ Das heißt, im Grunde reden wir nicht über eine nationalstaatliche Lösung, sondern über eine, die über nationalstaatliche Grenzen hinaus geht.

Es scheint nur eines klar zu sein: Arbeit 4.0 ist auf dem Weg, irgendwann ist sie greifbar, irgendwann müssen Entscheidungen getroffen werden. Sehen Sie das auch so?

Ja, absolut. Und damit sind wir wieder bei der Frage, was das eigentlich heißt. In welchen Bereichen sind die neuen Möglichkeiten, die jetzt computergestützte Vernetzung bringen, überhaupt nützlich?

Gibt es ein Zeitfenster? Zum Beispiel: In fünf Jahren sind wir da?

Es gibt bestimmt Kollegen, die immer wieder solche Prognosen machen, aber die sind auch ein bisschen frustrationsresistent. Fest steht nur: Wir wissen es einfach noch nicht. Es macht deshalb auch keinen Sinn, sich als Beschäftigte oder als Unternehmer jetzt verrückt zu machen.

Frau Mayer-Ahuja, vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Nicole Mayer-Ahuja, geboren 1973 in Bad Dürkheim, blieb nach ihrem Studium und ihrer Promotion – im Jahr 2002 – an der Georg-August-Universität Göttingen und arbeitete am Soziologischen Forschungsinstitut (SOFI) e.V. der Universität, ab 2011 als Direktorin. Von 2012 bis 2014 war sie als Professorin für Soziologie an der Universität Hamburg tätig, bis sie 2014 wieder nach Göttingen zurückkehrte, um an der Universität eine Professur für Soziologie von Arbeit, Unternehmen und Wirtschaft zu über nehmen. Seit 2015 ist sie wieder Direktorin des SOFI. Ihr Spezialgebiet: Arbeitssoziologie. Mayer-Ahuja ist verheiratet und hat eine Tochter.