Wasser marsch!

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Marisa Müller

Teiche, Gräben, Bergwerke, tiefe Stollen, lange Tunnel. Auf einer Fläche so groß wie Berlin befindet sich das weltweit größte Gewinnungs-, Speicherungs- und Verteilungssystem für Energie aus vorindustrieller Zeit. Hier im UNESCO Weltkulturerbe Oberharzer Wasserwirtschaft verschmelzen Natur- und Kulturdenkmal auf eine einzigartige Weise…

Grube Samson in Sankt Andreasberg. 100 Meter unter der Erde. Es ist dunkel, tropft von der Decke. Nur einige kleine Lämpchen erhellen den Schacht. Der Boden ist nass, uneben, und die Sicht schlecht. Nur wenige Schritte weit zeigt sich die unwirkliche, künstlich erschaffene Welt. Dahinter liegt unendliche Finsternis und mit ihr alles, was darin verborgen ist.

„Vorsichtig, denn hier ist es manchmal ganz schön rutschig.“ Christian Barsch steht im fahlen Licht seiner Grubenlampe. Er kennt sich aus. Vor sechs Jahren hat er sich selbständig gemacht und ließ sich zum Guide für das UNESCO-Weltkulturerbe Oberharzer Wasserwirtschaft ausbilden. Kurz zuvor hatte sich der Harz mit seinem Kulturdenkmal gegen Bergwerksregionen in Norwegen, der Slowakei und das Erzgebirge ‚durchgesetzt‘. „Mit dem Stempel Weltkulturerbe steht die Wasserwirtschaft heute auf einer Stufe mit der Freiheitsstatue und der Chinesischen Mauer – bereits vor einiger Zeit wurden auch das Bergwerk Rammelsberg und die Altstadt Goslar ausgezeichnet“, erläutert der Experte.

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Doch bis dahin war es ein langer Weg: Von den ersten Schritten bis zur Verleihung des Titels für die Wasserwirtschaft hat es fast zehn Jahre gedauert. Mühselig – aber längst nicht so sehr wie die Arbeit, die unzählige Bergleute in grauer Vorzeit investiert haben, um die heute ausgezeichneten Staudämme, Graben- und Transportsysteme innerhalb der Bergwerke zu erschaffen. Zum Weltkulturerbe gehören unter anderem noch 107 historische Teiche, 310 Kilometer Gräben und 31 Kilometer Wasserläufe. Als Begründer des komplexen Systems gelten bis heute die Zisterziensermönche im Harz. Diese schufen Methoden, um Wasserkraft für den Bergbau in der Region nutzbar zu machen.

Bereits vor 3.000 Jahren brachen die ersten Bergleute das harte Gestein des Harzes auf, um Metalle zu gewinnen. Ab dem 16. Jahrhundert startete der Bergbau in Sankt Andreasberg dann richtig durch. „Damals gab es kein anderes Energiesystem als reine Muskelkraft. Ein Bergmann kam mit Schlägel- und Eisenarbeit maximal vier Meter im Jahr im Berg voran“, erzählt Barsch. Die Arbeitsbedingungen müssen extrem gewesen sein. Kein Sonnenlicht, schlechte Luft, Kälte und immer mit dabei die Angst vor der unbekannten Tiefe. In der Finsternis wurden Lavaströme, Geister und sogar der Teufel vermutet. Die Verfügbarkeit von Schießpulver erleichterte nach dem Dreißigjährigen Krieg die Arbeit. Doch je tiefer sich die Kumpel ihren Weg in den Berg sprengten, desto problematischer wurde ihre Situation. Denn der lange Weg nach unten – nur über eine schmale Leiter zu bewältigen – kostete so manchen Bergmann das Leben.

Der Stollen, durch den Barsch heute geht, ist mit Holzbohlen ausgelegt. Zum Glück, denn sonst stünde er zum Teil bereits knöcheltief im Sickerwasser. Rechts und links der Planken plätschert es. Er weicht einer Pfütze aus, kennt die Grube wie seine Westentasche. „Ich habe heute den genialsten Job der Welt“, sagt der 49-Jährige, der einst Forstwirt wurde, anschließend Forstwissenschaften studierte und dann fernab von Wald und Flur in der Geschäftsführung eines mittelständischen Unternehmens arbeitete. Tief unter der Erde wirkt er unbeschwert und glücklich. Barsch ist mit Leib und Seele Wächter des Bergwerks, der Hüter der Harz-Teiche und Bewahrer der Tradition und des Wissens.

©Alciro Theodoro da Silva

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Das von außen eindringende Wasser ist oben im Bergwerk noch nicht besonders hinderlich. In 810 Metern Tiefe, am tiefsten Punkt der Grube, sieht das allerdings anders aus. Im Mittelalter transportierten die Arbeiter das eindringende Wasser mit Eimern und in Handarbeit aus dem Bergwerk an die Oberfläche. Später wurden spezielle Stollen gegraben, um das Wasser aus dem Berg zu führen. Außerdem wurden Pumpen installiert, die von Wasserrädern betrieben wurden, um die Gruben trocken zu halten. „Denn Wasser war nicht nur Fluch, es war auch Segen des Harzes“, so Barsch.

Noch heute erinnern die großen Wasserräder an den Fortschritt der Technik. Das Gestein konnte mit der neuen Mechanik und einer Seilwinde aus dem Berg befördert werden. Ebenso die ‚Kumpel‘, die auf der sogenannten ‚Fahrkunst‘, einem uralten Paternoster-System, ihren Weg in die Grube nun in nur noch der Hälfte der Zeit bewältigen konnten. Nicht nur die Wasserräder funktionieren bis heute. Auch die Turbinen zur Energiegewinnung im Herzen der Grube sind in einwandfreiem Zustand und verarbeiten noch immer das Welterbe-Wasser zu Strom.

Wieder über Tage: Barsch setzt ein großes Wasserrad in Gang. Es dreht sich langsam, dann immer schneller, das alte Holz knarrt. Es rauscht in der Tiefe der Konstruktion, die sich in einem Nebengebäude des Bergwerkes befindet. „Alles noch in Schuss. Und das, obwohl seit 1910 niemand mehr dort arbeitet“, der Weltkulturerbe-Guide. „Niemand, außer den Mitarbeitern der Firma Harz Energie. Die müssen noch regelmäßig hinunter, um die Turbinen zu warten. Denn nach wie vor bezieht ganz Sankt Andreasberg seine Energie aus dem historischen Energiegewinnungssystem“, ergänzt er. Und tatsächlich versorgt sich die komplette Kleinstadt mit Strom aus Wasserkraft. Völlig normal für die Andreasberger – global betrachtet allerdings außergewöhnlich.

„Alle sprechen von Energiewende. Dabei soll aber am besten alles genauso bleiben, wie es ist“, erläutert Barsch. Ihm ist längst aufgefallen, dass es besondere Ansätze braucht, um das Weltkulturerbe Oberharzer Wasserwirtschaft zu erklären. „Energiegewinnung, Historie, Natur, Kultur – ich möchte die Komplexität spannend vermitteln, auch wenn alles auf den ersten Blick undurchschaubar erscheint“, erläutert Barsch sein Konzept. Für ihn steht nämlich nicht nur das Bergwerk im Fokus, sonders das ganze System. „Das UNESCO-Weltkulturerbe vor unserer Haustür, aber die wenigsten Menschen wissen überhaupt warum und was dazu gehört. Das finde ich schade“, sagt er. Dabei könnte Aufmerksamkeit für das Weltkulturerbe der Region nutzen: Dem Tourismus im Harz ging es bereits einmal bedeutend besser. In den fünfziger und sechziger Jahren war das Mittelgebirge eine wichtige Destination für den Fremdenverkehr. Mit dem Fernreiseboom der darauffolgenden Jahre ging diese erfolgreiche Episode in die Geschichtsbücher ein. Nun also die Gelegenheit, der Gegend wieder zu altem Ruhm zu verhelfen. Was könnte da besser funktionieren als der Titel ‚Weltkulturerbe‘? „Einfach gedacht, aber so leicht ist das nicht“, sagt Barsch und spricht damit aus Erfahrung, denn es gelte etwas zu vermarkten, was nicht so einfach in Worte zu fassen ist. „Eine Fläche so groß wie ganz Berlin – da sind Konzepte gefragt“, so der Grubenführer.

Am liebsten ,quizzt‘ er sich mit seinen Gruppen durch den Harz. Hier mal eine Frage, dort ein Exkurs. „Notwendig, denn was bringt es, wenn ich stumpf etwas herunterbete? Die Gruppen müssen Spaß haben, nur dann bleibt was hängen!“ Und da muss etwas dran sein, schließlich wurde der Guide mehrfach für seine Führungen ausgezeichnet, unter anderem vor vier Jahren in Hannover. Im Rahmen der weltweit größten Bildungsmesse didacta wurde Barsch für seinen methodischen Ansatz geehrt. Das Projekt ‚Bildung für nachhaltige Entwicklung‘ wurde von der UNESCO Kommission ausgezeichnet und im bundesweiten Wett bewerb ,Deutschland – Land der Ideen‘ wurde er ebenfalls mit Anerkennung bedacht. Seine Erlebnisführungen zählen damit zu den ,Ausgezeichneten Orten im Land der Ideen 2014/15‘.

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Turbinen, Wasserläufe, Teiche, Gräben – der ganze Harz ist voller Wasser und Energie. Die Bergleute waren meisterhafte Konstrukteure, die über ein breites technisches Wissen verfügten. Das Wasser für die Grube Samson stammt aus dem Oderteich. Barsch tritt aufs Gaspedal seines Hybridautos. Zehn Minuten durch den Wald, so lange braucht er bis zu der historischen Talsperre mitten im Nationalpark. Blau glitzert das Wasser schon von Weitem. „Die Bergleute haben mit dem gearbeitet, was vorhanden war. Mit Sand und Granitsteinen haben sie einen Damm errichtet und so das Wasser der Oder an dieser Stelle gestaut“, erklärt Barsch.

Der heutige Teich liegt in einer natürlich entstandenen Senke, einer ehemaligen Vergletscherungszone. Wasser zu stauen war eine sinnvolle Möglichkeit, um das Andreasberger Bergbaurevier ganzjährig mit Energie versorgen zu können. „Die Konstrukteure haben an alles gedacht. Sogar an einen Grundablass des Wassers, den sogenannten Stiegel, eine Hochwasserentlastungsanlage und Stelen, damit der Überlauf nicht zufrieren konnte“, erläutert er die Baukunst. Über den Rehberger Graben fließt das Wasser aus dem Teich ins Tal. Bis ins ‚Herz von Samson‘ wird es zwei Stunden unterwegs sein. Die Staumauer des Teiches hält 1,7 Millionen Kubikmeter Wasser zurück, genug, um eine Trockenperiode von drei Monaten überbrücken zu können. Das natürlich gelöste Eisen im Wasser färbt es leicht rötlich. Chemisch betrachtet ist das Wasser ziemlich sauer, darum gibt es auch keinen einzigen Fisch im Oderteich.

Ab 1715 haben die Arbeiter an der Talsperre gewerkelt. Während damals besonders das Bergwerk davon profitierte, freuen sich heute die Andreasberger über ‚grünen‘ Strom. Über Wurzeln und Gestein klettert Barsch in den Wald hinein. Wasser rauscht an ihm vorbei und sieht dabei so aus, als hätte es die vergangenen Jahrhunderte nichts anderes getan. Moosige Felsen, glitzernde winzige Wassertropfen und 200 bis 300 Liter Wasser pro Sekunde, die Richtung Sankt Andreasberg fließen. Unten angelangt bahnt sich der Rehberger Graben seinen Weg durch die Natur. „Zunächst wurde er mit Geäst und Holz abgedeckt, später dann mit Steinplatten“, erklärt Barsch, und deutet auf den kleinen, künstlich angelegten Wasserweg. „Alles zum Schutz, denn so kann der Graben nicht vereisen oder verstopfen.“ Und was nicht alles erfunden wurde – von den pfiffigen Bergmännern stammen unter anderem Erfindungen wie beispielsweise das Stahlseil.

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„Die Harzer Bergleute waren der Exportschlager in der Welt des 17. bis 19. Jahrhunderts. Ihr Wissen war überall gefragt“, bestätigt Barsch. Neben der Energiegewinnung haben die angelegten Teiche und Gräben des Harzes heute noch eine weitere, nachhaltige Wirkung: Hochwasserschutz und Trinkwassergewinnung sind die wichtigsten Aufgaben, die die jahrhundertealten Anlagen zu erfüllen haben. Nachdem das Wasser des Oderteiches durch den Rehberger Graben in die Grube Samson geflossen ist, geht es immer weiter talabwärts, bis es seinem ursprünglichen Flussbett kurz hinter der Stadt wieder zugeführt wird. „Das muss so sein, so ist es rechtlich vorgeschrieben“, erklärt der Fachmann.

Es ist spät geworden. Der Tag neigt sich dem Ende. Barsch steht am Rehberger Graben und blickt dem Wasser hinterher. Das wird er jetzt wieder öfter tun. Die Saison hat gerade erst begonnen. Bis zu 120 Führungen in den Sommermonaten. Seine Füße scharren auf dem Kiesweg. Beinahe ungeduldig. So viele Menschen, die noch nichts über die Oberharzer Wasserwirtschaft wissen. Glücklich und zufrieden mit der Welt deutet der Guide auf seine Umgebung: „Mein Arbeitsplatz. Perfekt, oder?“

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