Was braucht die Welt?

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Der gebürtige Engländer Nicholas Matten treibt seit einem Jahr die Internationalisierung bei Stiebel Eltron voran – mit viel Humor und Sinn für die Seele der Menschen.

Es gibt eine Faustregel für alle, die von Holzminden aus in eine nächstgrößere Stadt fahren möchten, und umgekehrt: Eine Stunde und zehn Minuten sollte man mit dem Auto immer einplanen – so sagen es zumindest die Einheimischen. Und genau hierher verschlug es im August vergangenen Jahres einen Mann, der bereits für ein an der Wallstreet börsennotiertes, amerikanisches Unternehmen in England arbeitete und einem großen deutschen Armaturenhersteller zu weltweitem Erfolg verhalf. Hier, landschaftlich schön gelegen und scheinbar ein bisschen am Ende der Welt, geht er erneut den Weg der Internationalisierung.

Auch, wenn Stiebel Eltron als Hersteller von Elektro­, Warmwasser­ und Heizgeräten sowie von Systemen zur Nutzung regenerativer Energien schon gut aufgestellt ist: mit fünf nationalen und internationalen Produktionsstätten, weltweit 21 Vertriebsgesellschaften sowie Vertriebsorganisationen und Vertretungen in über 120 Ländern. Trotzdem finden sich noch immer einige weiße Fle cken auf der Landkarte, die nun – seit genau einem Jahr unter der Leitung von Nicholas Matten – erschlossen werden sollen.

20 Jahre arbeitete Matten zuvor bei Hansgrohe: im Produktmanagement, Vertrieb und Marketing sowie an der Markenkommunikation und vor allem an der Internationalisierung des Unternehmens. Er habe dort viel gelernt, und ebenso auch Fehler gemacht. Das gehöre dazu. Aber man müsse sich davor hüten, die gleichen Fehler ein zweites Mal zu begehen. „Dafür macht man andere“, sagt der 55­-Jährige mit einem verschmitzten Lächeln. Er sitzt ruhig und gelassen am Konferenztisch. Trinkt Wasser und wartet auf die nächste Frage: Ob es denn Fehler gäbe, für die er sogar dankbar sei? „Ja. Wie viel Zeit haben Sie?“ Der britische Humor liegt dem gebürtigen Engländer, der mittlerweile auch den deutschen Pass besitzt, im Blut.

Er erinnert sich an einen Punkt, da war er bereits Mitte dreißig und schon einige Jahre die Karriereleiter nach oben gestiegen: „Stufe für Stufe – the sky was the limit.“ Vieles sei ihm bis dahin im Leben einfach zugefallen. Er war immer, ohne sich anstrengen zu müssen, ein guter Schüler und dementsprechend – nach eigener Aussage – ziemlich faul. „Irgendwann neigt man dann dazu, die Menschen nicht mehr richtig mitzunehmen, und dazu, arrogant zu werden und sich selbst zu überschätzen.“

Was folgte, war eine harte Landung, die ihn glücklicherweise nicht die Karriere kostete. „Was ich daraus gelernt habe, ist Demut“, sagt er heute – und die vermisse er manchmal, besonders im Umgang und in der Kommunikation mit anderen. Und insbesondere, wenn er in die Führungsebene von Konzernen schaue.

Ein Raum für Begegnung und Kommunikation, so bezeichnet Stiebel Eltron auch seinen 2015 neu eröffneten Energy Campus, mit Seminar­ und Konferenzräumen sowie einer Technikzentrale, die sowohl Showroom als auch Schulungszentrum für ihre Produkte ist. Ein guter Ort also, um ein Interview zu führen und um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie man sich nachhaltiges Wohnen der Zukunft vorstellen kann. Wobei ‚Zukunft‘ ein relativer Begriff zu sein scheint, denn die Grundlagen für Heizen, Lüften, Kühlen und Warmwasseraufbereitung mit erneuerbaren Energien sind ja bereits gelegt und für jeden umsetzbar. „Dass wir Durchlauferhitzer produzieren, weiß jeder, aber dass wir zu den Marktführern von Wärmepumpen gehören, wissen die wenigsten in Deutschland. Daran müssen wir noch arbeiten“, sagt Matten, während er uns durch das Gebäude führt.

Es riecht noch neu. Die Architektur ist großzügig und modern. Viel Glas und viel Holz. Vor dem Haus ein flacher Wassergraben, der die geringe Menge an Wasser symbolisiert, die für die Wärmeversorgung des gesamten Gebäudes notwendig ist. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) zertifizierte den Energy Campus mit Platin und vergab dabei die höchste Bewertung, die jemals ein Gebäude der Kategorie ,Bildungsbau‘ erreicht hat.

Es ist dieses tragfähige Zukunftsmodell, hinter dem Matten so uneingeschränkt steht, spätestens seit er vor einem Jahr zu Stiebel Eltron wechselte. Für ihn ist es richtig, dass man auch als Geschäftsführer hinter den Werten steht, die man als Privatmensch für gut befindet. „Ich kann nicht etwas erfolgreich vertreten und vermarkten, von dem ich nicht vollständig überzeugt bin. Dann müsste ich ein verdammt guter Schauspieler sein“, sagt Matten. Diese Konsequenz zeigte er – wohl zum Leidwesen seiner Frau – direkt nach seinem Antritt in Holzminden. Gern nahm er längere Umbaumaßnahmen in Kauf, als er die alte Gasheizung in seinem Haus in Freiburg durch eine neue Wärmepumpe ersetzen ließ: „Ich finde das Produkt toll, sonst hätte ich es nicht machen lassen. Aber mir ging es vor allem darum, den Prozess einmal selber mitzumachen.“ Wobei er mögliche Veränderungen nur an den Wochen enden, wenn er nach Hause fährt, spüren kann. Dort ist seine Heimat, dort wohnt er mit seiner Frau und dem gemeinsamen sechsjährigen Sohn. In Holzminden hat er einen Steinwurf vom Betriebsgelände entfernt eine kleine Wohnung – da darf es unter der Woche abends auch länger werden. Die weite Strecke nimmt er für die nächsten „acht bis fünfzehn Jahre“, so Matten, noch gern auf sich. „Das, was andere unter der Woche täglich pendeln, das fahre ich halt am Stück.“

Ein Unternehmen kennenzulernen, bedeutet für Matten nicht, sich die Jahresumsätze und Mitarbeiterzahlen anzuschauen, das ist keine neue Erkenntnis. Die Frage, die sich somit stellt, ist: Wie bekomme ich einen Zugang zu einem neuen Betrieb, der seine Anfänge in der Weimarer Republik verzeichnen kann? „Jedes Unternehmen hat eine Seele“, erklärt der Geschäftsführer. „Manager, die von außen kommen, machen gelegentlich den Fehler, diese Seele zu missachten und vor lauter Veränderungswillen zu verletzen. Man kann nicht das, was dem Unternehmen Substanz gibt, wegnehmen. Das ist nicht klug.“

Substanz geben, heißt zum einen: Hier steht ein Unternehmen, das sich immer noch in Familienhand befindet. „Ein Familien unternehmen, das mit seinen konzernartigen Strukturen groß genug ist, um sich internatio nal aufzustellen“, das habe Matten gleich begeistert. Substanz geben zum anderen aber auch die Mitarbeiter. Und bei Stiebel Eltron traf er auf Menschen, die stolz sind und loyal. Viele sind seit 25 Jahren dabei. Andere feiern ihr 40­jähiges Jubiläum. Diese Verbundenheit zeigt sich für ihn auch in einer Produktbegeisterung der ,Stiebelaner‘, die er teilt. Ob Tauchsieder, Haushaltsgeräte oder Durchlauferhitzer, man stand und steht dahinter. „Für mich waren diese Dinge eine Motivation, hierher zu kommen“, sagt er lächelnd.

Die letzten Wochen sahen bei Nicholas Matten so aus: China, Osteuropa, Dubai, Indien, USA. Bei seinem vorherigen Arbeitgeber war er zum Schluss für die Region zwischen Europa und Asien verantwortlich. Er kennt sich also aus. Er ist ein Weltbummler, von frühester Kindheit an. Geboren in England, zog seine Familie mit ihm im Alter von drei Monaten aus berufliche Gründen nach Afrika, Uganda. „Wenn ich Klassenfotos aus den ersten Jahren meiner Schulzeit anschaue, dann gibt es da keine Hautfarbe, die nicht vertreten ist. Ich habe früh gelernt, dass man Menschen nicht nach ihrer Herkunft beurteilt, dafür bin ich sehr dankbar“, sagt Matten. Als er acht Jahre alt war, kamen sie nach Deutschland. Er erlebte ein sehr offenes und freies Elternhaus, und so bleibt er auch im Gespräch bei persönlichen Erinnerungen stets offen und unterhaltsam. Er erzählt von seinem Vater, der Pfarrer war und dennoch weder ihn noch seine beiden Geschwister zwang, in die Kirche zu gehen, wenn sie es nicht wollten. Er erzählt von seinem Zuhause, in dem Sprache eine zentrale Bedeutung genoss. Es wurde Englisch gesprochen, Deutsch lernte Matten, als sie nach Deutschland kamen, Französisch in der Schule und Italienisch, als er beruflich ein halbes Jahr in Italien war. Bei so viel Inter nationalität – für wen schlägt da sein Herz im Fußball­Länderspiel? „Immer für die mit den schwarz­weißen Trikots“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Bei aller Offenheit – natürlich habe ihn das Elternhaus auch geprägt. Er ist ein Mensch, für den der Glaube sehr wichtig ist, auch wenn dieser für ihn nicht zwangsläufig an die Institution der Kirche gebunden sein muss. Christliche Grundwerte seien es schließlich, die unsere Gesellschaft ausmachen: „Respekt, Nächstenliebe, Anstand – und nicht auf Kosten anderer leben. Das alles sind Werte, die auch für eine Führungskraft unabdingbar sind.“ Wobei, Work­Life­ Balance sei gut und schön. „Aber sie besteht eben nicht nur aus Life“, sagt Matten. Oft werde vergessen, dass Rechte einzufordern auch gleichzeitig bedeutet, sich an Pflichten zu halten. Und auch bei Stiebel Eltron müsse mit Blick auf die Zukunft und auf den
demografischen Wandel, der wie ein Damoklesschwert über der deutschen Wirtschaft schwebt, an ,Work­Life‘ noch gearbeitet werden, so der Geschäftsführer.

Gerade ist er von einer Indienreise zurückgekommen. Gestern noch 45 Grad und heute in Deutschland kühle 20 Grad. Indien ist ein Markt, den er in seiner neuen Position erschließen möchte. Wieder sind Demut und Sensibilität gefragt. Zumindest dann, wenn man die Bedürfnisse und die Gegebenheiten nicht nur eines Landes, sondern speziell einer Region erspüren will. „Es gibt nicht ,das‘ Indien, oder ,das‘ China“, erklärt er. „Wir wollen in Indien Wärmepumpen auf den Markt bringen. Aber die Voraussetzungen sind sehr unterschiedlich. Der Norden Indiens kann Temperaturen bis minus 20 Grad erreichen, im Süden hingegen ist es meist sehr heiß. Darauf müssen wir reagieren.“

Ein gutes Beispiel sei auch die Erfolgsstory des Durchlauferhitzers in Thailand. Es ist auch Stiebel Eltron, was dort unterm Waschbecken hängt. Aber von der Konstruktion her ein Gerät, das in Deutschland unverkäuflich wäre: Das Wasser ist von der Grundtemperatur deutlich wärmer als bei uns und die Durchflussmenge an Wasser wesentlich geringer. So wurde für den thailändischen Markt ein Gerät entwickelt, das diese Ansprüche bei geringem Energieaufwand befriedigt. „Auch deren Marketing wäre hier bei uns nicht denkbar. Es war ein riesiger Aufwand, das Produkt dort einzuführen, die Werbemaßnahmen waren sehr plakativ – für Mitteleuropäer geradezu übertrieben, aber dort genau richtig.“

Nicht nur wer bereits einen Durchlauferhitzer von Stiebel besitzt und bei Ersatz keine neuen Löcher in die Wand bohren möchte, setzt auf erneuerbare Energien und nicht auf fossile Brennstoffe – davon ist man hier in Holzminden überzeugt. Und auch davon, dass es der richtige Weg war, immer auf Strom und seit vielen Jahren eben auf regenerative Alternativen zu setzen. So kam man auch nie in die Verlegenheit, heute Gas hochzuloben und morgen Strom.

Wir brauchen ganz sicher Alternativen für die Zukunft. Der Energy Campus lebt es vor. Und Stiebel Eltron, als erfolgreiches Fami lienunternehmen, hat sich einen Mann an die Spitze geholt, der nach einer fast Kant‘schen Maxime lebt: „Wenn du heute etwas tust, und es steht morgen auf dem Titelblatt einer Zeitung, aber du willst das nicht – dann tu es nicht.“ – Das braucht die Welt.

Zur Person

Nicholas Matten ist seit August 2016 Mitglied der Geschäftsführung bei Stiebel Eltron in Holzminden und für den weltweiten Vertrieb, die Finanzen und das Marketing verantwortlich. Sein  Auf gabenschwerpunkt liegt derzeit in der Inter nationalisierung. Der gebürtige Engländer und promovierte Maschinenbauingenieur arbeitete zuvor die letzten 20 Jahre bei Hansgrohe Brausen und Armaturen – am Ende als Vice President Sales Osteuropa, Afrika, Türkei und Mittlerer Osten, wobei er zugleich für den weltweiten Objektvertrieb zuständig war. Seit Januar ist er Vorstandsmitglied im Bundesverband der deutschen Heizungs industrie. Matten ist zum zweiten Mal verheiratet und hat drei Kinder – zwei bereits erwachsene und einen sechsjährigen Sohn. Unter der Woche ist er wohnhaft in Holzminden, am Wochenende mit der Familie in Freiburg.