Von schönen Saiten

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Marisa Müller

Hidden Champion aus dem Harz: Die Bass-Gitarren von Gerald Marleaux finden internationalen Anklang - Jeder kennt die klangvollen Namen von Künstlern wie Christina Aguilera, Santana und auch vom Göttinger Jazz-Urgestein Gunter Hampel. Doch woher der volle, mal kreischende, mal melodiöse Klang der Bassbegleitung dieser internationalen Musiker stammt, das ist bislang wohl weitgehend unbekannt.

Die Saiten, die eben diesen Sound verursachen, werden im kleinen Städtchen Clausthal-Zellerfeld im Harz in perfektionistischer Maßarbeit hergestellt. Ihr Macher, Gerald Marleaux – unterstützt von seiner Frau Heike –, ist sich der Popularität seiner Instrumente bewusst, dennoch aber bodenständig und im Harz verwurzelt geblieben.

Bei Marleaux Bass Guitars tickt die Uhr etwas langsamer, so zumindest das Gefühl. Vor dem Haus sitzen einige dicke Hasen in ihrem Stall, die Straßen sind wie leer gefegt. Produktionsstress gibt es hier nicht. Im Monat werden gerade einmal zwischen 15 und 18 Instrumente gefertigt – Kostenpunkt zwischen 1.600 und 4.800 Euro. Wenn es mal etwas länger dauert, ist das hier eben so, erzählt der 46-Jährige. An der Küchenwand hängen Künstlerfotos – selbstverständlich alles prominente Marleaux-Bass-Nutzer.

Im Holzlager von Gerald Marleaux lagern hunderte von Hölzern aus aller Welt, es riecht erdig, staubig und nach Kreativität. Seine Schätze haben einen kalkulierten Wert von rund 200.000 Euro, einen genauen Wert zu bestimmen ist allerdings schwierig, so der Bass-Spezialist, für den sein Beruf zugleich eine Berufung darstellt.

Zwölf Stunden arbeiten am Stück ist hier keine Seltenheit, aber genau das braucht er für seine Seele: „Ich muss Bässe bauen, ich muss und da führt kein Weg dran vorbei!“, versichert er. Von großen Plänen oder Modetrends in seinem Handwerk hält Marleaux nicht viel. Bauchgefühl ist angesagt, und damit fährt der kreative Unternehmer gut, der auch nach abgelaufener Garantiezeit Instrumente auf Kulanzbasis repariert, weil das für ihn einfach zum Service in der Premiumliga gehört.

Abgelagertes Bubinga, ein Rosenholz aus Afrika, Mahagoni oder Palisander sind beispielsweise eine Basis für die rund 200 Bassgitarren jährlich, die Marleaux und seine vier Mitarbeiter in der kleinen Werkstatt fertigen. Jedes Instrument ein Unikat. „Altes Holz und seine Schwingungseigenschaften sind für den perfekten Klang verantwortlich. Für mich sind teilweise Hölzer wertvoll, die andere verfeuern würden. Übliche Handelsware ist oft ohne Seele, alles auf Masse und Gleichförmigkeit produziert – wir brauchen genau das Gegenteil, die Spezialitäten“, erklärt der passionierte Zupfinstrumentemacher und erzählt von seinem letzten Holz-Coup vor einiger Zeit am Straßenrand auf dem Weg nach Clausthal, wo schon ewig alte verwachsene Bäume standen; sie sollten beseitigt werden: „Eine katastrophale Verschwendung. Nach kurzer Verhandlung mit den Arbeitern vor Ort durfte ich die Maserstämme abholen“, sagt Marleaux mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht.

Dieses Bewusstsein für Qualität und Nachhaltigkeit zeichnet Marleaux Bass Guitars aus. Seit zehn Jahren verarbeitet die Firma neben den ganz speziellen Überseehölzern auch regionale Holzsorten zu Premium- Bässen. ‚Regio Tone Wood‘ bedient speziell diese Sparte und wird von den niedersächsischen Landesforsten unterstützt. „Seit Jahrhunderten wurden tolle Instrumente mit dem hergestellt, was in der jeweiligen Gegend zu finden war. Diese Idee greifen wir wieder auf, es muss nicht immer Holz vom anderen Ende der Welt sein“, so der umweltbewusste Marleaux. Woraus die einzelnen Bassgitarren dann schlussendlich bestehen ist Geschmackssache; die exklusiven Modelle wie Votan, Diva oder Consat, zum Teil aus sehr seltenen Hölzern gefertigt, erobern aber inzwischen auch mit einem Harzer- Ahorn-Korpus die ganze Erde.

In seiner Werkstatt läuft Marleaux vorweg, streicht mit den Händen liebevoll über Werkstücke und zeigt seine kleine Welt mitten in dem Wohngebiet in Clausthal- Zellerfeld vor, wo sich die Werkstatt seit neun Jahren befindet. Von dort aus haben die meis ten Instrumente eine lange Reise vor sich. „Am Wochenende fliegt dieser hier nach Teheran“, sagt der Bass-Spezialist und deutet auf die Handarbeit. Um diesen Deal möglich zu machen, mussten diverse Anträge beim Zoll ausgefüllt werden. Der Käufer wurde zudem einem detaillierten Screening unterzogen. „Hätte ja sein können, dass wir aus dem Bass eine Bombe bauen wollen“, erklärt Marleaux gelassen. Ganze vier Monate hat er an dem Bass gearbeitet, der nun in die Hauptstadt des Irans verschwinden wird.

„Wir haben Kunden auf allen Kontinenten, die direkt bei uns bestellen, und haben uns über die Jahre eine sehr gute Position in der Szene erarbeitet“, berichtet Marleaux, der mit seinen Instrumenten auf den großen internationalen Musikmessen präsent ist. Die Musikmesse in Frankfurt ist schon seit 25 Jahren fest im Terminkalender verankert, bei der Namm-Show in Anaheim, Kalifornien, hat sein Team 2014 sogar den Award für ‚best bass at Namm 2014‘ abgeräumt. „Die Marke Marleaux spricht inzwischen für sich“, berichtet der Bass-Bauer stolz.

Die Bassisten sind häufig nicht sonderlich bekannt, die Bands, für die sie spielen, schon. „Oft sehe ich zufällig Fotos oder Musikvideos, wo jemand ein Instrument von uns bespielt – ein tolles Gefühl“, gesteht Marleaux. Bei den meisten der Bassgitarren ist der endgültige Bestimmungsort bekannt. Da aber auch einige ausgewählte Musikgeschäfte die Unikate aus dem Harz vertreiben, behält er nicht alle seiner Schätze im Blick.

Bestellt wird meist via Internet oder persönlich, sämtliche Detailwünsche bespricht Gerald Marleaux mit dem Kunden direkt. Manchmal muss auch über Stunden telefoniert werden, für kommunikative Notfälle steht ein dickes Englisch-Wörterbuch im Regal. Aber egal von wo aus und wie bestellt wird – es klappt immer. Doch was, wenn Kundenwünsche zu verrückt sind und Marleaux einfach nicht gefallen wollen? Denn von Goldglitzer über unifarbenen Lack bis zum edlen Holzdesign ist schließlich alles möglich. „Ich nehme nicht jeden Auftrag an“, sagt er. Ein absolutes No-Go ist für ihn beispielsweise der Nachbau einer anderen Marke. „Kopieren geht nicht, auf die meisten anderen Verrücktheiten lasse ich mich aber ein, und manchmal gefällt es mir dann auch, obwohl ich es mir zunächst nicht vorstellen konnte“, erzählt er in der Farbwerkstatt, wo der finale ,Look‘ entsteht.

Bereits als Grundschüler hatte Gerald Marleaux eine Werkbank in seinem Kinderzimmer, die Arbeit mit Holz war sein Zeitvertreib. Als das Geld für eine Gitarre nicht reichte, begann der Zwölfjährige mit dem Bau seines ersten eigenen Instruments. Mit Informationen aus Fachzeitschriften und detaillierten Fotografien gelang das Vorhaben, und auch das nächste Projekt, die erste Bassgitarre, fand Anklang bei gleichaltrigen Musikfans. „So fing ich an, für Freunde und Bekannte Gitarren zu bauen“, erinnert sich Marleaux. Während seines Zivildienstes 1990 war die Auftragslage bereits riesig, sodass aus dem Hobby ein angemeldetes Unternehmen wurde. „Eigentlich wollte ich damit nur die Bauteile güns tiger erwerben, und als Firma war das einfacherer“, resümiert er weiter. Dass aus der Kinderzimmeridee mal ein weltweit erfolgreiches Unternehmen werden könnte, dass er eine Werkstatt sein eigen nennen und Mitarbeiter beschäftigen würde, kam dem Harzer damals noch nicht in den Sinn. „Ich wollte nur Bässe bauen, mehr nicht“, sagt er. Und eigentlich ist das heute immer noch so, denn Marleaux liebt seine Arbeit, die für ihn gewissermaßen keine ist. Zu viel Freizeit stört eher, findet er, denn da kann er nicht in der Werkstatt an neuen Modellen feilen und den richtigen Klang aus den Hölzern locken.

Unterstützt wurde der junge Musikinstrumentemacher bei seinen Anfängen im Teenageralter von einem Gambenbaumeister, der ihm vieles über die Fingerfertigkeiten verriet. Auch Hospitationen bei anderen Gitarrenbauern und eine Ausbildung zum Kunsttischler schulten Marleaux. „Ich bin froh, dass ich nicht den klassischen Weg gegangen bin, denn die traditionellen Gitarrenbauer haben alle ähnliche Methoden. Ich experimentiere und habe eigene Wege entwickelt“, erklärt er und weiß, dass genau dieser Weg ihn letztendlich so erfolgreich hat werden lassen. Aus diesem Grund geht auch eine ganz besondere Erfindung auf das Kreativkonto von Gerald Marleaux: der Sopran-Bass. Was aussieht wie ein Kinderinstrument, ist die absolute Neuheit auf dem Musikmarkt. „Wer einmal einen Soprano in der Hand hatte, will unbedingt auch einen besitzen“, erklärt der Erfinder. Das Instrument klingt höher als eine herkömmliche Bassgitarre, ist klein und handlich. „Viele Künstler verwenden ihn bei Studioaufnahmen, probieren darauf herum und kreieren etwas ganz phantastisch Neues“, sagt Marleaux, während er selbst voller Leidenschaft auf dem lila Soprano in seinem Büro herumzupft.

„Ich liebe die Ruhe hier im Harz. Es gibt einfach kaum Laufkundschaft, um die man sich wie in anderen Städten kümmern muss, dafür ist hier jede Menge Natur und Gemütlichkeit“, schwärmt der Mann, der am Wochenende gerne mit seiner Familie an die Seen in der Umgebung fährt. Nur nicht zu lange, denn dann vermisst er seine Bässe zu sehr.

Gerald Marleaux ist zufrieden, so sehr, dass er keine Änderungswünsche für sein Unternehmen hat. Nur persönlich möchte er es etwas ruhiger angehen lassen: „Ich muss dringend lernen, weniger zu machen und Arbeiten abzugeben“, sagt der Bass- Boss und definiert damit sein Ziel für die Zukunft. Was aus der Marke später einmal werden soll, ist noch ungewiss. „Meine elfjährige Tochter Hannah hat sich auch schon einen eigenen Bass gebaut“, erzählt er stolz. Ob sie in ferner Zukunft in die Fußstapfen ihres musikaffinen Vaters treten und Zupfinstrumente herstellen wird, steht aber heute noch in den Sternen.

Marleaux Bass Guitars

Marleaux Bass Guitars wurde 1990 von Gerald Marleaux gegründet. Seither werden am Produktionsstandort Clausthal-Zellerfeld individuelle Premium-Bass-Gitarren und Zubehör hergestellt und von dort aus in die ganze Welt verkauft. Jede Gitarre ist eine Maßanfertigung bei der kein Wunsch offen bleibt. Die Kosten liegen zwischen 1.600 und 4.800 Euro pro Instrument.

Kontakt

Marleaux Bass Guitars

Sägemüllerstraße 37

38678 Clausthal-Zellerfeld

Tel. 05323 81747

marleaux@marleaux-bass.com

www.marleaux-bass.de