Vom Anbeginn der Zeit

© JohnShort, Design Pics
Text von: Norman Lippert

Heute finden die öffentlichen Uhren im Göttinger Stadtbild nur noch selten Beachtung. Doch es gab eine Zeit, als diese ein elementarer Bestandteil des städtischen Lebens waren: Vor Mobiltelefonen, vor elektrischen Armband- oder mechanischen Taschenuhren gaben die Turmuhren den Takt vor – und das bereits im 14. Jahrhundert.

In Göttingen wurde daher im Jahr 1888 mit den Planungen für eine elektrische Zentraluhrenanlage begonnen, welche schließlich am 4. Juni 1890 in der Sternwarte aufgestellt wurde. Die Anlage setzte sich aus einer Hauptuhr und mehreren mittels Drahtleitungen verbundenen Nebenuhren zusammen, die automatisch im richtigen Takt gehalten wurden. Aufgrund der hohen Kosten für die Einrichtung und Instandhaltung dieser Nebenuhren beschränkte sich Göttingen anfänglich auf die Kirchtürme von St. Marien und St. Johannis, die beiden Kasernen und das Rathaus. Nachdem das zuständige Eisenbahn- Betriebsamt in Kassel sich bereit erklärte, für sämtliche Kosten aufzukommen, wurde auch der Göttinger Bahnhof im Herbst 1890 an die städtische Zentraluhrenanlage angeschlossen.

Unterschiede zwischen den öffentlichen und den Bahnhofsuhren gehörten damit endgültig der Vergangenheit an, obschon kleine Schilder unter jeder Bahnhofsuhr auf die Zeitdifferenz zwischen der angezeigten Zeit und der für die Abfahrtzeiten entscheidenden ‚internen Eisenbahnzeit‘ hinweisen mussten. Zu diesem Zeitpunkt waren die Tage der unterschiedlichen Ortszeiten jedoch längst gezählt.

Im Oktober 1884 wurde auf der Internationalen Meridiankonferenz in Washington die Einführung des Zeitzonensystems beschlossen. Es sollte noch bis zum 1. April 1893 dauern, bis die Mitteleuropäische Einheitszeit im gesamten Deutschen Reich eingeführt wurde. Übrigens gegen die Bedenken des lokalen Magistrats, der noch im Januar 1893 die potenziellen Unbequemlichkeiten für das bürgerliche Leben beklagte, wenn die Stadt ihre liebgewonnene Lokalzeit verlieren würde. Was damit im Einzelnen gemeint war, blieb auch in zeitgenössischen Quellen unklar. Am 1. April wurden die Uhren in Göttingen schließlich um genau 20 Minuten und 16 Sekunden vorgestellt. Damit nahm auch das stadthistorische Kapitel ein Ende, in dem die Stadt scheinbar ihrer Zeit voraus war.

©istockphoto.com/Fotovika

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