Vom Anbeginn der Zeit

© JohnShort, Design Pics
Text von: Norman Lippert

Heute finden die öffentlichen Uhren im Göttinger Stadtbild nur noch selten Beachtung. Doch es gab eine Zeit, als diese ein elementarer Bestandteil des städtischen Lebens waren: Vor Mobiltelefonen, vor elektrischen Armband- oder mechanischen Taschenuhren gaben die Turmuhren den Takt vor – und das bereits im 14. Jahrhundert.

Wann genau die erste Turmuhr in Göttingen aufgestellt wurde, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Die Wartung der Stadtuhren bzw. der dies beschreibende Haushaltsposten ‚ad respiciendum horologium‘ lässt sich jedenfalls seit dem Jahr 1404 in den Urkundenbüchern finden. Damit ergänzten die öffentlichen Uhren das spätmittelalterliche Orchester kirchlicher wie städtischer Glockensignale. Der über Jahrhunderte hinweg etablierte städtische Tagesablauf blieb vorerst bestehen – wann beispielsweise Stadttore öffneten und schlossen bzw. Gottesdienste, Märkte oder Ratssitzungen begannen und endeten.

©Hinzmann

©Hinzmann

Im Jahr 1751 wurde in einem alten städtischen Wehrturm in der Nicolaistraße das ‚Observatorium‘ eingerichtet – Göttingens erste Sternwarte, die erst 1816 an ihren heutigen Standort zog. Mit ihr begann für die Stadt an der Leine eine neue Zeitrechnung: Weil die dortigen Messmethoden eine immer genauere Zeitbestimmung erlaubten, wurden die örtlichen Uhrmacher verpflichtet, die Turmuhren nach der in der Sternwarte festgelegten ‚Göttinger Lokalzeit‘ zu stellen. Die Sternwarte wurde damit wortwörtlich zum Taktgeber der städtischen Kirchturmuhren von St. Albani, St. Jacobi, St. Johannes, St. Marien und später auch St. Michael.

 

© Universität Göttingen

© Universität Göttingen

Weil sich die ‚Göttinger Lokalzeit‘ aus der ‚mittleren Sonnenzeit‘ berechnete, welche auf dem höchsten Stand der mittäglichen Sonne basierte, begrenzte sich ihre Gültigkeit ausschließlich auf den durch Göttingen verlaufenden Längengrad. 1871 erstreckte sich das Deutsche Reich jedoch vom Elsass bis nach Ostpreußen über knapp 17 Längengrade hinweg, was eine zeitliche Differenz von mehr als 60 Minuten bedeutete. Durch den Anschluss Göttingens an das Eisenbahnnetz im Jahre 1854 wurde dieser Unterschied zunehmend als Problem wahrgenommen. Um verbindliche Fahrpläne gestalten zu können, führten die norddeutschen Eisenbahnen 1874 die sogenannte ‚innere Eisenbahnzeit‘ ein. Die richtete sich nach der in Berlin gültigen Uhrzeit und wurde allmorgendlich per Telegrafenleitung an die angeschlossenen Bahnhöfe bzw. Postämter übermittelt. Von jetzt an wichen die städtischen Turmuhren von den Bahnhofsuhren ab. Um eben jenen Zustand entfaltete sich im März 1880 eine mehrtägige Diskussion in der Göttinger Zeitung. Dort wurde die Frage aufgeworfen, warum denn „unsere sämtlichen Stadtuhren bereits seit längerer Zeit unrichtig und zwar sechs Minuten zu früh“ gehen würden. Von vermutlich höchster städtischer Instanz wurde daraufhin geantwortet, dass dies nicht nur seit „einer Reihe von Jahren“, sondern „auf vielfachen Wunsch“ geschehen würde und explizit auch zukünftig so bliebe.

©shutterstock: miroslav110

©shutterstock: miroslav110

 

 

 

 

 

© Fotoarchiv - Städtisches Museum Göttingen

© Fotoarchiv – Städtisches Museum Göttingen

 

Auch wenn es augenscheinlich nur darum ging, „etwaigen Verspätungen des reisenden Publikums zu den Eisenbahnzügen tunlichst vorzubeugen“, war Göttingen damit seiner Zeit voraus. Im gleichen Maße aber, wie die Eisenbahn und Telegrafenlinien das Nachrichten- bzw. Verkehrswesen beschleunigten, verlangten auch die fortschreitende Industrialisierung mit ihren Fabriken und nicht zuletzt das Militär nach einheitlichen, präzisen und zuverlässigen Zeitangaben.

Weiterlesen: 1 2