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©BMW
Text von: Christian Vogelbein

Ohne Krach und Abgase: Elektromobilen gehört definitiv die Zukunft. Dabei ist aller Anfang schwer.

Sie fallen ziemlich auf, rollen geräuschlos an den Ampeln vorbei, Kinder zeigen mit dem Finger drauf. Früher waren es Reisekapseln für Hippies, nicht viel mehr als ein überdachtes Fahrrad. Und auch im Jahr 2016 sind Elektroautos auf Deutschlands Straßen noch ein seltenes Bild. Dabei ist die Richtung doch längst klar: Bald werden alle Menschen auf Blitzen reisen − mit Klimaanlage und Schiebedach. Geht es nach der Politik, fällt schon 2030 der letzte Vorhang für Vergaser und Co. Und gerade, weil die Zeit knapp erscheint, ist der Weg noch ein langer. Mehr als 40 Millionen Autos sind derzeit in Deutschland zugelassen. Nur etwa 26.000 haben auch einen Elektroantrieb, das sind gerade einmal 0,065 Prozent. In Niedersachsen sind derzeit 2.500 Elektroautos zugelassen, und auch zwischen Harz und Heide bleiben die E-Fahrzeuge weiter eine Seltenheit. Wenn, dann sind die meisten sogenannten Hybrid- Fahrzeuge – eine Kombination aus altmodischem Verbrennungsmotor und neuem Elektroantrieb. Damit wollen die Hersteller den Kunden den Übergang vom einen in das andere Zeitalter möglichst sanft gestalten. Reine Elektrofahrzeuge sind jedoch für die meisten Verbraucher bislang eher teures Spielzeug als ernst zu nehmende Alltagsgeräte. Ihre Argumente? Zu teuer, eine zu geringe Reichweite – und irgendwas fehlt. Etwas, das für viele ein Auto erst zum Auto macht.

Dabei wird einem der Kauf eines Elektroautos heute bereits schmackhaft gemacht. Bis zu 4.000 Euro soll es geben. Die Hälfte vom Staat, die andere Hälfte muss der Hersteller nachlassen. Der ,Umweltbonus‘ kann seit Anfang Juli beantragt werden. Den Höchstsatz gibt es für Käufer reiner Elektroautos. Für Hybride gibt es 3.000 Euro. Neben Privatpersonen können auch Unternehmen, Vereine, Körperschaften und Stiftungen den ,Umweltbonus‘ beantragen. Ausgenommen sind die öffentliche Hand sowie die Autohersteller selbst und deren Tochterfirmen. Das Fahrzeug muss anschließend mindestens ein halbes Jahr auf den Antragsteller in Deutschland zugelassen sein.

Es gibt aber auch einen Haken. So darf das Auto zum Beispiel in der Anschaffung nicht teurer als 60.000 Euro sein. Luxusmodelle wie das Tesla Model S fallen da komplett raus. Und: Im Topf liegen rund 1,2 Millionen Euro. Ist er leer, endet die Prämie. Bisher liegt die Zahl der Anträge jedoch noch unter 1.000. Woran liegt das? Statt eines 80-Liter-Benzintanks sind in den aktuellen Elektroautos schwere Akkus verbaut. Diese kosten viel Geld und sorgen vor allem für das K.o.-Kriterium Nummer eins: Voll aufgeladen schaffen sie bei Weitem nicht die gleiche Strecke wie ein Otto- Normal-Auto. Bei Kurzstrecken oder von Dorf zu Dorf gibt es kein Problem: Die meisten Elektroautos lassen sich über Nacht an jeder Haussteckdose aufladen. Doch kaum eines hat eine Reichweite von mehr als 200 Kilometern. Die Lösung könnte hier in der Infrastruktur liegen. Laut ADAC gibt es in Deutschland rund 14.000 konventionelle Tankstellen. Ladesäulen für Elektrofahrzeuge hingegen, die es schaffen, die Akkus innerhalb von wenigen Minuten wieder aufzuladen, gibt es bislang viel zu wenige. Theoretisch müsste jedoch flächendeckend an den wichtigsten Strecken mindestens alle 200 Kilometer eine derartige Station eingerichtet werden. Immerhin, man ist auf dem Weg: Europaweit sind es etwa 20.000, täglich aktualisierte Verzeichnisse zeigen in Niedersachen rund 200 Ladestellen.

In Südniedersachsen kommt inzwischen fast jede Stadt auf eine Ladesäule, meistens an Rathäusern oder bei Autohändlern. Neben Säulen von Energieversorgern wie RWE oder regionalen Anbietern bauen inzwischen auch die Hersteller selbst (z. B. Tesla) eigene Ladestationen. Und auch private Unternehmer locken Kunden immer öfter mit eigenen Säulen auf ihre Parkplätze, vor allem an den Bundesstraßen und Autobahnen. In der Regel ist das ,Volltanken‘ dann sogar völlig kostenfrei. Muss der Strom dann doch bezahlt werden, ist er immer noch günstiger als das Benzin von der Tanke – ein klarer Pluspunkt für die neuen Leisetreter. Hybride schaffen da schon mehr, der Elektromotor arbeitet allerdings nur unterstützend. Er senkt also den Benzinverbrauch oder erhöht die Motorleistung insgesamt.

Die Richtung stimmt – Unabhängigkeit vom Rohöl und die Zukunft der Mobilität sehen allerdings anders aus. Da stellt sich die wichtigste aller Fragen: Ist ein E-Auto auch wirklich umweltfreundlicher? In Deutschland wird Strom laut Bundeswirtschaftsministerium heute zu etwa 31 Prozent aus erneuerbaren Energien gewonnen, der Rest durch Braunkohle (25 Prozent), Steinkohle (18 Prozent) und Erdgas (10 Prozent). Die restlichen 16 Prozent sind Atomstrom und andere Energieträger. Das bedeutet: Fast die Hälfte des Stroms, der in ein E-Fahrzeug ,getankt‘ wird, erzeugt indirekt ebenfalls einen erheblichen Ausstoß von Schadstoffen. Was bei der Produktion des Elektromobils passiert – Lösungsmittel, Fabrikabfälle, Energieaufwand –, ist dort noch nicht mit eingerechnet. Und dann ist da ja auch noch das Problem mit der Leidenschaft. Für viele Fahrer ist das Auto schlichtweg eine Herzensangelegenheit. Hubraum, sportliche Kurven und ja, auch das Blubbern aus dem Motorraum ist für viele Käufer entscheidend. Letzteres fehlt beim Elektroauto − was bleibt, ist ein Zischen, Summen oder sogar nur das Abrollgeräusch der Räder. Viele vermissen eben genau das. Elektroautos, so die Meinung, sind nicht sexy genug. Und der Mensch ist nun mal ein Gewohnheitstier. Schon Henry Ford sagte einmal zur Entwicklung der ersten Autos:

„Menschen wollen kein Automobil, sondern ein schnelleres Pferd.“

So ist für Privatleute noch eine Menge Überzeugungsarbeit nötig, um den Schritt in die schöne, neue, leise Welt zu gehen – die Unternehmer sind da schon weiter. Ein prominentes Beispiel ist die Deutsche Post. Seit Mitte des Jahres hat sie ihre Fahrzeugflotte umgestellt und kurzerhand auch das neue Elektroauto ,Streetscooter‘ mitentwickelt. Nach und nach sollen alle 30.000 Postautos ersetzt werden. Viele davon sind schon jetzt in Niedersachsen im Einsatz. Die kleinen gelben Flitzer werden vor allem auf dem Land genutzt, der Akku reicht etwa 80 Kilometer weit. Aufgeladen wird am Standort.

Bei uns in Südniedersachsen setzt die Stadtverwaltung in Northeim beispielsweise auf Elektro-Kleinwagen für die Dienstreise, die Polizei in Osterode, Northeim und Göttingen geht mit Golf-Hybriden auf Verbrecherjagd. Vorbildlich sind auch die Stadtwerke Göttingen, die bei der Versorgung der Ladesäulen auf Ökostrom setzen. Außerdem nutzen sie zusammen mit der Stadt selbst vier Elektroautos. Die meisten Unternehmen – und die öffentliche Hand ausschließlich – setzen dabei auf Volkswagen. Doch ist es gerade dieser Automobilbauer, der dem Trend noch hinterherfährt. Erst nach dem ,Abgasskandal‘ scheinen die Manager in Wolfsburg in Sachen Elektroauto richtig Strom geben zu wollen. Zwar sind Golf und Co. schon rein elektrisch und als Hybrid auf dem Markt, die Konkurrenz aus Fernost ist technisch allerdings schon Jahre voraus. Neue Firmen wie Tesla sitzen dem Branchenriesen ebenfalls bald im Nacken. Mit sparsamen Benzinmotoren wird aber immer noch versucht, das „Pferd schneller zu machen“. Immerhin: Bis 2025 sollen 30 neue Elektroautos mit VW- Logo auf dem Markt sein.

In Sachen Elektromobilität gilt es, in Deutschland noch einiges zu tun. Doch ist das Land auf einem guten Weg – vor allem in der Metropolregion, der Raum um die Städte Hannover, Braunschweig, Göttingen und Wolfsburg. Sie macht es sich bereits seit Jahren zur Aufgabe, eine der führenden Regionen Europas für die Entwicklung, Produktion und den Einsatz von Elektrofahrzeugen zu werden. Die Kommunen der Metropolregion haben im Jahr 2011 das Ziel formuliert, den Energiebedarf für Strom, Wärme und Mobilität zu einhundert Prozent aus erneuerbaren Energiequellen zu decken. Als eines von vier ,Schaufenstern‘ – ein bundesweit groß angelegtes regionales Demonstrations- und Pilotvorhaben aus dem Regierungsprogramm Elektromobilität – hat diese Region dafür auch gute Voraussetzungen geschaffen: Man findet deutlich bessere Verhältnisse für den Einsatz von Elektrofahrzeugen als in den meisten anderen Ecken in Deutschland.

Viele Städte machen hier vom Elektromobilitätsgesetz Gebrauch und befreien Elektroautos von den Parkgebühren. Man kann auf E-Rad-Schnellwegen fahren, E-Lastenräder ausleihen und mit E-Motorrädern im Harz unterwegs sein. Verschiedene Konzepte der Elektrifizierung des Linienbusverkehrs werden erprobt, und mittlerweile nutzen fast alle kommunalen Fuhrparks Elektrofahrzeuge aus der Flotte electric. Ehrgeizige Ziele wurden formuliert, viel wurde erprobt und viel erreicht. Und genau dies wird der Weg der Zukunft sein – für Südniedersachsen und ganz Deutschland.