Ans ,Netz‘ gegangen

©Städtisches Museum Göttingen
Text von: Norman Lippert

Vor über 125 Jahren legten zwei Göttinger den entscheidenden Grundstein für die moderne Telekommunikationstechnik und bereiteten damit den Weg ins digitale Zeitalter.

Am 1. Juli 1890 wurde in Göttingen mit 46  Teilnehmern die erste städtische Fernsprechanlage in Betrieb genommen. Damit schloss sich ein Kreis, der mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor, im Jahr 1833, mit der Erfindung des Telegrafen durch Carl Friedrich Gauß und Wilhelm Weber seinen Anfang nahm, als diese am Ostersonntag in Göttingen das erste Telegramm der Welt verschickten. Die beiden Wegbereiter wurden in Göttingen – ebenso wie der spätere Erfinder des Telefons und der für die Einführung des Telefons in Deutschland zuständige Generalpostdirektor – mit Denkmälern, Gedenktafeln und Straßennamen verewigt. Dagegen erhielt die Rolle der hiesigen Handelskammer bei dieser Entwicklung bisher wenig Beachtung.

Dabei war sie es, die das wirtschaftliche Potenzial eines städtischen Telefonnetzes für Göttingen erkannte und am 8. Oktober 1889 zu einer Informationsveranstaltung in das Hotel Gebhard einlud. Von den 50 bis 60 Besuchern ließen sich 26 durch die Ausführungen des Präsidenten der Handelskammer, August Wolters, und seines Stellvertreters, des Stadtsenators Wilhelm Henkel, von der Einrichtung eines eigenen Telefonanschlusses überzeugen. Damit erfüllte Göttingen eine wichtige Voraussetzung, denn ab einer Zahl von 20 verbindlichen Interessensbekundungen war die Oberpostdirektion zur Installation einer örtlichen Telefonanlage verpflichtet.

Dass sich nicht mehr Interessierte fanden, war vermutlich dem hohen Kostenaufwand geschuldet. Während Briefe bereits ab fünf Pfennig zugestellt und kurze Telegramme ab zehn Pfennig versandt wurden, setzte das Reichspostamt bei der Einführung des Telefons stattdessen auf eine pauschale Berechnung. Es wurde eine Anschlussgebühr in Höhe von 150 Reichsmark verlangt, die jeweils ein Jahr im Voraus zu bezahlen war. Für die Miete des zu dieser Zeit noch ausschließlich wandmontierten Fernsprechers selbst kamen noch einmal jährlich fünf Reichsmark hinzu. Wie heute noch bei vielen Verträgen üblich, galt bereits damals eine Mindestvertragslaufzeit von zwei Jahren, genauso wie eine einjährige Verlängerung, wenn nicht drei Monate vor Vertragsablauf gekündigt wurde.

Dass es sich hierbei um eine stattliche Summe handelte, zeigt ein Vergleich mit dem damaligen Preis für ein Jahresabonnement der ,Göttinger Zeitung‘, welches acht Reichsmark betrug. Dafür übernahm das Reichspostministerium jedoch sämtliche Kosten für die Erstinstallation der Telefonanschlüsse. Ein durchaus aufwendiges und kostenintensives Unterfangen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Telefonkabel – vom Postamt am Bahnhof kommend – über die Dächer der Innenstadt hinweg sowie bis nach Grone oder Weende gespannt werden mussten.

Diesem Umstand war die Verteilung der ersten 45 Telefonnummern in Göttingen geschuldet. Sie wurden in der Reihenfolge vergeben, in der sich die Anschlüsse an den verschiedenen Kabeltrassen befanden. Die erste dieser Trassen zog sich über die heutige Goetheallee bis zum Theaterplatz, weshalb das gegenüber dem Bahnhof gelegene Hotel Gebhard die Nr. 1 erhielt. Beginnend mit dem 46. Telefonanschluss wurden die jeweils nächsten freien Nummern vergeben. Die erste Werbung überhaupt, die mit einer Göttinger Fernsprechnummer aufwartete, ist der ,Göttinger Zeitung‘ selbst zuzuschreiben. Diese fügte ihrer traditionellen Titelleiste bereits am 27. Juni 1890 die ihr zugeordnete Fernsprechnummer 12 hinzu – noch vier Tage vor der offiziellen Eröffnung des Telefonnetzes.

Am 1. Juli 1890 um sieben Uhr morgens war es so weit: Das städtische Telefonnetz Göttingens mit insgesamt 46 Anschlüssen wurde zum ersten Mal eingeschaltet – und um 21  Uhr wieder ausgeschaltet. Das Fernsprechnetz stand nur während der regulären Öffnungszeiten des Postamtes zur Verfügung, wenn ausreichend Personal zur händischen Vermittlung der Gespräche vorhanden war. Von da an setzte ein sehr moderates Wachstum ein. Bis 1895 konnte die Zahl der Anschlüsse verdoppelt werden, doch war das Göttinger Telefonnetz noch immer eine Insellösung. Als sich im Mai 1895 schließlich die Möglichkeit bot, Hannover und Kassel, Elze, Alfeld, Einbeck, Northeim und Hann. Münden über Göttingen zu verbinden, lud die Handelskammer abermals ins Hotel Gebhard ein. Durch die Beratungen ließen sich 30 Anschlussinhaber davon überzeugen, die von der Oberpostdirektion geforderten Umsatzgarantien über fünf Jahre zu erbringen und sich zusätzlich an den Kosten für die Anschlüsse der Städte Einbeck und Northeim zu beteiligen. Am 2. Januar 1896 wurde die Fernsprechverbindung zwischen Hannover und Kassel eröffnet, und am 3. September 1896 kamen auch Einbeck, Hann. Münden und Northeim hinzu. Erst 20 Jahre, nachdem sich die Handelskammervorsitzenden Wolters und Henkel für die Einrichtung eines Telefonnetzes in Göttingen stark gemacht hatten, konnte 1909 die Verbindung nach Berlin aufgenommen werden. Damit wurde der Fernsprecher seiner Bezeichnung auch wirklich gerecht.

Exkurs: Grundlagen in Göttingen gelegt

Im Jahr 1833 legten Carl Friedrich Gauß und Wilhelm Weber die Grundlagen für die moderne Telekommunikationstechnik, als sie am Ostersonntag in Göttingen das erste Telegramm der Welt verschickten. Zwar erkannten Gauß und Weber seinerzeit das technische und wirtschaftliche Potenzial ihrer Erfindung, sprachen ihr aber den wissenschaftlichen Nutzen ab und schreckten nicht zuletzt vor kostspieligen Weiterentwicklungen zurück. Es bedurfte des amerikanischen Erfinders Samuel Morse und seinem gleichnamigen Alphabets um dem Telegrafen 1837 zum Durchbruch zu verhelfen.

Es war wiederum ein 18-jähriger Bäckerssohn aus dem hessischen Friedrichsdorf, der 1852 auf die Idee kam, die Telegrafentechnik auch für Tonübertragungen zu benutzen. Es dauerte noch fast zehn Jahre, bis Johann Philipp Reis ein funktionierendes Telefon entwickelt hatte und dieses am 26. Oktober 1861 beim Physikalischen Verein in Frankfurt vorstellen konnte. Zwar wurde seine Erfindung anfangs noch von vielen honorigen Wissenschaftlern belächelt, doch gewann er in den folgenden Jahren, auch dank der konsequenten Weiterentwicklung, die ihm gebührende Anerkennung. Von Tuberkulose gezeichnet, konnte er sein Telefon jedoch nicht mehr zur Marktreife bringen. Dieser Verdienst fiel dem gebürtigen Schotten Alexander Graham Bell zu, der seinen Telefonapparat 1876 in Amerika zum Patent anmeldete.

Bereits ein Jahr später wurden auf Initiative des Generalpostdirektors Heinrich von Stephan zwei Bell-Telefone in Berlin installiert und am 26. Oktober 1877 das erste Telefongespräch in Deutschland durchgeführt. Bis das Telefon jedoch nach Göttingen kam, sollten noch einige Jahre vergehen.

Die Bedeutung dieser beiden Erfindungen kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Der Telegraf ermöglichte es die Kommunikation in einem nie dagewesenen Umfang zu beschleunigen. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein brauchte ein Brief noch zwei bis vier Wochen, um beispielsweise von Deutschland nach Amerika transportiert zu werden. Mittels der transatlantischen Telegrafenkabel konnte dieselbe Nachricht theoretisch in wenigen Minuten zugestellt werden. Das Telefon wiederum reduzierte die technische Komplexität das Informationsaustausches immens, weil kein Morsealphabet mehr zu erlernen war, sondern nur noch zum Hörer gegriffen werden musste. Das Internet, moderne Smartphones oder gar die unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ beschworene nächste Phase der Industrialisierung – ohne die in Göttingen erstmals praktisch umgesetzte Telegrafentechnik wäre all dies undenkbar.

Exkurs: Vermeintlicher Lausbubenstreich!

Von einer kuriosen Geschichte berichtete das Göttinger Tageblatt am 2. Juli 1890. Angeblich hatten am Vortag ein paar „boshafte Buben“ einem in der Kurze-Geismar-Straße wohnenden Gastwirt die gerade erst verlegten Telefonkabel durchschnitten, sodass sie von Fachleuten aufwändig repariert werden mussten. Handelte es sich hierbei also um den ersten Fall von Vandalismus gegenüber einer öffentlichen Telefonanlage in Göttingen? Müsste nicht sogar die Geschichte der Göttinger Telefonnetzes korrigiert werden, zumindest augenzwinkernd? Schließlich wären am Eröffnungstag des Telefonnetzes in Göttingen nur 45 der eigentlich 46 angeschlossenen Fernsprecher verfügbar gewesen. Ob sich die Geschichte so zugetragen hat, lässt sich heute wohl nicht mehr abschließend beantworten. Ein Blick in das Adressbuch von 1890 zeigt allerdings, dass sich keine der ans Telefonnetz angeschlossenen Gaststätten in der Kurze-Geismar-Straße befand und keiner ihrer Eigentümer oder Pächter dort wohnte. Tatsächlich wurden erst 1891 die ersten Telefonkabel in diesem Straßenzug verlegt, als das Lünemann’sche Eisenwarengeschäft mit einem Fernsprecher ausgestattet wurde.