Auf Streifzug

Traditionelles Handwerk in der Region
Text von: Stefanie Waske

Göttingen aus einer ganz speziellen Perspektive - Historiker Norman Lippert auf einem Streifzug durch die City. Immer im Blick: das traditionsreiche Handwerk, das überall seine Spuren hinterlassen hat.

Morgens, halb zehn in Göttingen. Treffpunkt: Am ,Nabel‘. Der Plan: ein Rundgang durch die Innenstadt mit dem Fokus auf alte Traditionen. Denn einige Unternehmen befinden sich hier – aber auch in der gesamten Region Südniedersachsen – bereits seit Generationen in Familienhand. Erstaunlich, bei der Schnelllebigkeit unserer Zeit. Norman Lippert, Historiker und Gründer des Büros für historische Dienstleis­tungen, ,Histofaktur‘, erklärt, warum es in manchen Fällen dennoch klappen kann.

9.30 Uhr, Prinzenstraße 8
N 51° 32′ 3.84“ O 9° 56′ 5.1“
Frisörgeschäft Salon Müller:
1793 übernahm J.J. Hilcke die Führung der einstigen Perückenmacherei. Am Standort ist der Salon seit 1907.

Von außen lässt sich überhaupt nicht erkennen, wie lange es den Salon Müller hier schon gibt…
Stimmt. Wenn der Frisör nicht das Plakat im Schaufenster aufgehängt hätte, das darauf aufmerksam macht, dass das Unternehmen bereits seit mehr als 200 Jahren existiert, hätte ich mir darüber auch gar keine Gedanken gemacht.

Warum tun sich manche Betriebe schwer, mehr über ihre Geschichte preiszugeben? Es ist doch schön, wenn es eine lange Firmengeschichte gibt.
Das ist vielleicht eine Frage des Aufwandes. Normalerweise haben Familienunternehmen eine Art Archiv. Irgendjemand hebt immer etwas auf, die Sachen vom Vater, vom Urgroßvater…Allerdings haben in Deutschland allein die zwei Kriege im letzten Jahrhundert viel zerstört. Das heißt, der Rechercheaufwand ist teilweise sehr groß. Dann stellen sich nicht wenige die Frage: ,Was ist der Nutzen dahinter?‘ Schließlich gehe selbst ich als Historiker nicht zum Frisör, weil dieser 200 Jahre da ist. Es ist natürlich eine Investition, seine Geschichte zu erforschen. Und gerade Handwerker und Industriebetriebe überlegen sich in aller Regel genau, ob sich etwas später rechnet.

Aber es gibt sie ja, Traditionsunternehmen in der Region, die mit ihrer Geschichte werben: Viele wissen, dass in Einbeck seit mehr als 600 Jahren Bier gebraut, seit 1638 bei Einbecker Blaudruck Decken, Läufer und Accessoires handgefertigt werden, die Papiermühle im Solling bereits seit 430 Jahren existiert oder die Manufaktur in Fürstenberg seit 1747 feinstes Porzellan herstellt. Was ist das Erfolgsrezept, dass es manche Unternehmen auch nach Jahrhunderten noch gibt?
Glück und Nachkommen. Eine der größten Herausforderungen – damals wie heute – ist die Nachfolgeregelung. Ich muss jemanden in der Familie haben, der gewillt ist, den Laden zu übernehmen, damit das Unternehmen längerfristig am Leben bleiben kann und in Handwerksbetrieben im Idealfall auch noch die Ausbildung mitbringt. Nicht weniger wichtig ist es allerdings, die Zeichen der Zeit zu erkennen. ‚Das war schon immer so, und deshalb ist es gut‘ – klar, ich kann mich darauf versteifen, dass etwas immer schon so gemacht wurde und das Produkt an sich einwandfrei ist. Doch wenn die Kundennachfrage nicht da ist, bleibe ich irgendwann auf meiner Produktion sitzen.

Wenn das Bier so schmecken würde wie vor 600 Jahren, würden wir es vermutlich nicht mögen…
Das ist sicher bei vielen Sachen so. Das Einbecker Bier ist ein früher Markenartikel gewesen, zu einer Zeit, wo es fast nur für Lebensmittelprodukte solche Qualifikationen gab. Eine bestimmte Art, etwas herzustellen wurde verbunden mit dem Namen des Herstellungsorts, wie Wiener Würste und Einbecker Bier. Beides wurde weit gehandelt, weil es tatsächlich sehr vielen Leuten wohl gemundet hat. Natürlich wurden die Rezepturen immer dem Geschmack der jeweiligen Zeit angepasst.

Seit wann gibt es überhaupt klassische Marken?
Dieser Prozess ging erst mit der Industrialisierung los. In Göttingen in der Textil­industrie: Die Levinsche Fabrik hatte den goldenen Ziegenbock als Markenzeichen. Diese Industrie war sehr schnelllebig, die Nachfrage veränderte sich ständig. Einmal im Jahr wurde ein Großteil des Sortiments ausgetauscht, und es gab neue Stoffe, vor allem neue Muster. Wenn man nicht mehr nur ein Produkt hatte, das man schön mit einem Namen verbinden konnte, brauchte es irgendein Zeichen, irgendeine Kreation, die das unterstützte.

9.45 Uhr, Prinzenstraße 14
N 51° 32′ 4.064“ O 9° 56′ 1.43“
Schreibwarenhandlung Wiederholdt:
Existiert seit 1770, als Buchbinderei mit angegliederter Papierhandlung gegründet.

Welchen Einfluss hatte die Universität auf die Entwicklung des Handwerks der Stadt?
Der größte Einfluss war anfangs sicher in der Bauindustrie, da man die Universität ja erst erbauen musste. Das hat Geld in Umlauf gebracht, und die Handwerker konnten ebenfalls investieren. Die Universität holte Menschen in die Stadt. Die Professoren pflegten einen gewissen Lebensstandard. Auch durch die Studierenden entstand Nachfrage: Es ist kein Zufall, dass im 18. Jahrhundert die Tradition von Andenken aufkam. Die Studierenden wollten ihre Universitätszeit dokumentieren – ohne Social Media und so weiter. So griff man auf Kupferstechbilder zurück. Berühmt wurden die in der Schreibwarenhandlung Wiederholdt gefertigten Stammbuchblätter, die ‚Postkarten‘ des ausgehenden 18. und des frühen 19. Jahrhunderts…

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