Sterben als Wirtschaftsfaktor

© Ingo Bulla
Text von: Stefan Liebig

Der Umgang mit dem Tod und die Ansprüche an Unternehmen, die bei Trauerfällen involviert sind, haben sich verändert. faktor gibt einen Einblick in die Branche.

Der Umgang mit dem Tod gehört zu den schwierigsten und tabubelastetsten Themen in unserer Gesellschaft.

Doch nichts ist so wahr wie der Spruch ,Gestorben wird immer‘. Dementsprechend bilden Todesfälle für viele Branchen eine wichtige Geschäftsgrundlage.

Ein Geschäft, das sich vor dem Hintergrund der großen gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte in einem stetigen Wandel befindet.

Auf diesen zu reagieren und ihn ins tägliche Handeln einzubeziehen, gehört zu den Hauptaufgaben von Lars Benstem. Als Geschäftsführer des Göttinger Bestattungshauses Benstem stellt er zwar einen deutlich offeneren Umgang der Hinterbliebenen mit dem Thema Tod fest als früher, doch nach wie vor gehört ein sensibler Umgang mit den Trauernden und deren Gefühlen zu den wichtigsten Herausforderungen seines Arbeitsalltages.

„Die Menschen kommen in einer Extremsituation zu uns“, berichtet der Bestattermeister. „Zunächst sollten wir denen, für die vielleicht gerade die Welt zerbrochen ist, einfach zuhören.“

Dies gehe in Zeiten, in denen für viele nicht mehr die Pastoren, sondern die Bestatter die ersten Ansprechpartner seien, oft fast bis in den seelsorgerischen Bereich. Daher sei es wichtig, nicht mitzutrauern, sondern einen Plan zu entwerfen, welche Art der Unterstützung durch das Bestattungshaus gefordert sei.

Der Trend zur schlichten Gedenkstätte

Bei dieser Planung hat die geänderte Einstellung zu Tod und Trauer große Veränderungen bewirkt. Neben der Entwicklung, eher zu Hause als am Friedhof zu trauern, machen der demografische Wandel und das damit verbundene steigende Alter der Hinterbliebenen sowie die in vielen Fällen fehlenden Angehörigen vor Ort eine regelmäßige Grabpflege unmöglich.

Der Trend geht also von der pflegeintensiven Grabstelle hin zu einer schlichteren Gedenkstätte.

Diese Umorientierung und der im Vorfeld der Bestattung weitgehende Verzicht auf die Aufbahrung des Verstorbenen zu Hause bleiben nicht ohne Auswirkungen auf die Trauernden.

Benstem, der die Region Südniedersachsen im Vorstand des Bestatterverbandes Niedersachsen vertritt, sagt: „Es fehlt die Zeit, den Tod zu begreifen. Denn häufig findet die Bestattung schon drei Tage nach dem Todesfall statt. Wenn dann kein fester Ort für Trauerhandlungen existiert, ist das für einen Bewusstsein bildenden Abschied sehr erschwerend.“

Das Rundum-Angebot

Um Entlastung zu schaffen, bieten Bestattungsunternehmen inzwischen die komplette Abwicklung des Sterbefalles von der Todesanzeige über Trauerrede und Dankeskarten bis zur Organisation der anschließenden Grabpflege.

Ein Rundum-Angebot, wie es viele Betroffene beim Bestatter gar nicht erwarten, für das sie aber sehr dankbar sind.

Schwierig ist es natürlich, unter Zeitdruck den richtigen Dienstleister auszuwählen. Als Hilfestellungempfiehlt Benstem, auf das Markenzeichen des Bundesverbandes Deutscher Bestatter zu achten. Wer dieses Siegel führe, der unterliege der Qualitätskontrolle des Verbandes, erläutert er.

So sei es auch gewährleistet, angemessene Angebote zu bekommen. Natürlich ist es gerade in der Ausnahmesituation, in der sich die Trauernden befinden, sehr schwierig, auf einem Markt, mit dem man sich in der Regel kaum beschäftigt, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Transparenz und Verbraucherberatung für den Bereich Friedhof und Bestattung bietet der in Königswinter ansässige Verein AeterAeternitas.

Der Vorsitzende Christoph Kelldenich rät, wie auch Lars Benstem, zur Vorsorge mit einem Treuhandkonto oder einer Sterbegeldversicherung: „Schnell bewegt man sich im fünfstelligen Bereich. Eine Summe, die nicht für jeden zu bewältigen ist. Wer vorsorgt, entlastet sich und seine Angehörigen.“

Kann man aus finanziellen Gründen nicht den gesamten Betrag fest und sicher auf ein Treuhandkonto anlegen, besteht die Möglichkeit, dies mittels einer Versicherung über monatliche Beiträge zu lösen.

Auf seiner ausführlichen Homepage bietet der 50.000 Mitglieder zählende Verein noch viele weitere Hilfsmöglichkeiten, wie etwa Checklisten, Gesetzestexte, einen Kostenrechner, Tipps für die Bestatterwahl und sogar eine Trauermusikjukebox.

Die neue Form der Ruhestätte: Friedwald

Auch bei Fragen zur individuell passenden Bestattungsart berät Aeternitas ausführlich. Häufig interessieren sich die Unterstützung suchenden Menschen für eine Bestattung im Friedwald oder Ruheforst.

Diese relativ neue Form der naturnahen Ruhestätte erlebt seit der Einweihung des Friedwalds im Reinhardswald im Jahr 2001 durch die Friedwald GmbH aus dem hessischen Griesheim einen wahren Boom.

In den inzwischen 44 bundesweit eröffneten Friedwäldern fanden im Jahr 2012 etwa 29.000 Urnenbeisetzungen statt, 85.000 neue Verträge wurden abgeschlossen. Der Jahresumsatz liegt bei zehn Millionen Euro. Bis 2020 prognostiziert Friedwald-Pressesprecherin Corinna Brod eine Verdoppelung der Bestattungswälder.

„Mit dieser neuen Art der Bestattung haben wir den freieren Umgang der Gesellschaft mit dem Thema Tod beflügelt“, sagt Brod und steht damit hinter dem Konzept. Der Kritik, nach der Friedwälder häufig schwer zugänglich für gehbehinderte Menschen seien, stellt Brod das Angebot eines Bringservices entgegen.

So organisiert ihr Unternehmen in Zusammenarbeit mit dem jeweils zuständigen Förster die Fahrt zum Friedwald und den Gang zu dem Baum des Verstorbenen.

In Südniedersachsen gibt es bereits in Bad Sachsa und bei der Burg Plesse Friedwälder, ein Ruheforst im Northeimer Wieterwald ist geplant.

Doch während der Bestatterverband dieser neuen Bestattungsmethode neutral gegenübersteht, müssen sich die Anbieter der Kritik aus anderer Richtung erwehren. Der aus ihrer Sicht bestehende Vorteil der entfallenden Grabpflege stößt nämlich beispielsweise bei der Steinmetzinnung auf breiten Protest.

Innungsobermeister Walter Füllgrabe sieht in seinem Gewerbe Umsatzrückgänge zwischen 20 und 40 Prozent, die auch schon zu einem spürbaren Personalabbau – auch in seinem Bovender Unternehmen – geführt haben.

„Für meinen Betrieb machen herkömmliche Grabbestattungen über 95 Prozent meines Gesamtumsatzes aus. Wenn wir da einen solchen Rückgang verzeichnen, geht das natürlich an die Substanz“, beklagt der Steinmetz- und Steinbildhauermeister.

Dabei gehen ihm nicht nur durch die Waldbestattungen, sondern auch durch die immer häufiger werdenden anonymen Grabstellen große Teile seines Umsatzes verloren.

Doch nicht nur der finanzielle Aspekt ist dem Inhaber von Füllgrabe Grabmale ein Dorn im Auge, wenn er sagt: „Der Mensch ist auf die Welt gekommen und hat einen Namen bekommen – er soll auch einen Namen haben, wenn er geht.“

Er kann nachvollziehen, dass die Grabpflege häufig aufgrund der geänderten familiären Situation ein Problem darstellt. Er weiß aber auch aus seinem Arbeitsalltag, dass viele Menschen ein Problem damit haben, keinen konkreten Ort der Trauer zu haben oder diesen nicht erreichen zu können.

Der Absatz beim Grabschmuck sinkt

Dementsprechend sinkt natürlich auch der Absatz beim Grabschmuck. Christina Denecke, Inhaberin des Denecke Blumen- & Gartencenter in Northeim, klagt: „Im Friedhofsbereich verzeichnet unsere Gärtnerei ein Umsatzminus von etwa 25 Prozent. Das ist nicht auszugleichen.“

Sie nimmt die Entwicklung weg vom aufwändigen Grabschmuck nicht kampflos hin, sondern entwickelt neue Konzepte. Vermehrt bietet ihr Unternehmen nun auch die dauerhafte Grabpflege für Menschen an, die dies nicht mehr selbst schaffen.

Auch wenn Hinterbliebene selbst sterben, können sie durch angelegte Rücklagen eine Dauergrabpflege für sich oder ihre früher verstorbenen Angehörigen buchen. Doch die Größe dieses neuen Kundenkreises reicht noch nicht aus, um das entstandene Defizit zu decken.

Das Unternehmen musste sich deshalb bereits von zwei Floristen trennen.

Demografischer Wandel

Die Zukunftsaussichten sind übrigens für alle beschriebenen Branchen nicht rosig. Dank des demografischen Wandels wird die Bestattungszahl bis etwa 2025 konstant bei etwas über 800.000 jährlich liegen, dann aber aufgrund des Bevölkerungsrückgangs sinken.

Christoph Kelldenich von Aeternitas sieht voraus, dass sich der bereits bestehende Konkurrenzkampf weiter verschärfen wird. In Großstädten beobachtet er bereits jetzt einen ruinösen Preiskampf in der Bestatterbranche.

Die Unternehmen, die weiterhin volle Auftragsbücher haben, könnten dann allerdings unter einem sich anbahnenden Fachkräftemangel leiden. So klagt zum Beispiel Steinmetzobermeister Walter Füllgrabe schon jetzt über fehlende Ausbildungsangebote in seiner Branche.

Lediglich im Bereich der Waldbestattungen herrscht Optimismus. Ein weiteres Wachstum wird erwartet, da man von einem Anhalten des Trends zu dieser Bestattungsform ausgeht.