Sinnvoll essen

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Text von: Thomas Ellrott

Paleo, vegan, clean eating, glutenfrei, lactosefrei, bio, detox … Ist Ernährung die neue Ersatzreligion? Dieser Frage geht der Göttinger Ernährungspsychologe Thomas Ellrott im Gastbeitrag nach

Immer mehr Menschen wenden sich derzeit verschiedenen selbst gewählten Ernährungsstilen zu. Verlässliche Zahlen, wie viele Menschen tatsächlich einem der besonders angesagten Ernährungsstile nachgehen, gibt es zwar nicht, aber das Gezwitscher in den digitalen sozialen Netzwerken über die vielen neuen Ernährungsstile ist immens, und auch entsprechende Lebensmittel, Bücher, Zeitschriften und Dienstleistungen werden von den Anhängern immer stärker nachgefragt.

Zu den derzeit besonders nachgefragten Ernährungsstilen zählen Clean eating, Paleo, Detox, Glutenfrei, High protein, Lactosefrei und Vegan. Aber auch Bio, Zuckerfrei, Vegetarisch, Regional und andere Ernährungsstile erfahren weiteren Zulauf.

Der Wunsch nach Gesundheit und Nachhaltigkeitsaspekte sind die vordergründigen Ursachen der hohen Nachfrage nach besonderen Ernährungsstilen. Gerade der Wert Gesundheit ist für jüngere Menschen von inzwischen herausragender Bedeutung, wie erst jüngst wieder von Peter Wippermann und Jens Krüger für den Werte-Index 2016 (erschienen im Deutschen Fachverlag) festgestellt wurde.

Betrachtet man jedoch die extreme Heterogenität der Ernährungsstile, die zu einer verbesserten Gesundheit führen sollen, erscheinen die diesbezüglichen Versprechen aus wissenschaftlicher Sicht hochgradig fragwürdig. So werben zwar zum Beispiel sowohl Vegan als auch Paleo oft mit universalen Gesundheitsversprechen, unterscheiden sich jedoch derart stark in der Lebensmittelauswahl, dass erhebliche Zweifel an der Allgemeingültigkeit dieser Erfolgsversprechen angebracht sind.

Zudem kommt es zu einer Vermischung von Ernährungsumstellungen aufgrund echter Krankheiten mit selbst gewählten Ernährungsstilen, denen keine Krankheit zugrunde liegt. Sollte tatsächlich die Diagnose einer Unverträglichkeit etwa von Lactose oder Gluten vorliegen, dann handelt es sich nicht um einen Ernährungsstil, sondern um eine Krankheit bzw. Störung. In einem solchen Fall profitieren Betroffene selbstverständlich vom Verzicht auf Lactose bzw. Gluten. Nur so lassen sich die Symptome bessern. Es ist allerdings zu beobachten, dass die Nachfrage nach speziellen lactosefreien oder glutenfreien Produkten weit stärker ansteigt als die Zahl ärztlicher Diagnosen von Lactoseunverträglichkeit und Zöliakie.

Es gibt also größere Teile der Bevölkerung, die freiwillig auf Lactose und Gluten verzichten, obwohl keine entsprechende ärztliche Diagnose vorliegt. Lactosefreie und glutenfreie Produkte sind typischerweise teurer und schmecken schlechter bzw. anders als normale Lebensmittel mit Lactose bzw. Gluten. Beides sind für Verbraucher zunächst substanzielle Nachteile. Die Konsumenten scheinen die Nachteile jedoch in Kauf zu nehmen, weil lactose- und glutenfreie Produkte einen ausgeprägten Gesundheits-Halo haben: Solche Produkte strahlen gewissermaßen diffus eine irgendwie geartete positive Wirkung auf die Gesundheit aus. Für einen echten gesundheitlichen Zusatznutzen gibt es aber bislang keinerlei wissenschaftliche Evidenz. Auch ein Schaden kann nicht ausgeschlossen werden.

Neben der gefühlten positiven Wirkung auf die eigene Gesundheit führt ein selbst gewählter Ernährungsstil wie Lactosefrei oder Glutenfrei auch zu einer stärkeren Individualisierung und Konturierung der Persönlichkeit: Man wird durch seine speziellen Ernährungsanforderungen quasi etwas Besonderes und hebt sich aus der Menge all derer ab, die ,nur‘ normal essen. So werden durch einen entsprechenden Ernährungsstil auch Aufmerksamkeit und Zuwendung im sozialen Zusammenleben generiert.

Wir leben in einer Welt ohne Grenzen, einer Welt der Alles-Machbarkeit, der freien Entfaltung, der extremen Geschwindigkeit, der Gleichzeitigkeit, der Beliebigkeit, der Entstrukturierung und Nicht-mehr-Überschaubarkeit. In wohlhabenden Industrienationen ist fast alles machbar, es gibt immer weniger Grenzen, und man kann sich besser denn je frei entfalten. Unser Alltag ist allerdings aufgrund einer zunehmenden Entstrukturierung, einer immer höher werdenden Geschwindigkeit sowie einer zunehmenden Simultanität, Parallelität und Komplexität der Ereignisse auch immer unüberschaubarer geworden.

In dieser Ohnmacht sehnen sich viele Menschen nach Halt, Sinn und Orientierung im Leben. Jedoch verlieren die zwei wichtigsten Wert- und Ordnungssysteme im Leben, die typischerweise Halt, Sinn und Orientierung geben, sukzessive an Bedeutung: Familie und Religion. Teile der Gesellschaft sind daher auf der Suche nach alternativen Wert- und Ordnungssystemen, die als Leitplanken für das eigene Leben dienen können und genau die soziale Zugehörigkeit und Identität stiften, die in der Vergangenheit von Familie und Religion beigetragen wurde.

Dass sich dafür Ernährungsstile eignen, kann einmal mit dem starken Effekt auf die soziale Verortung erklärt werden. Über den Ernährungsstil kann heute die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe definiert werden. Wer sich zum Beispiel zum Veganismus bekennt, wird typischerweise sehr freundschaftlich in die Internet- Community der Veganer aufgenommen und bekommt über dieses gemeinsame Merkmal in Kürze einen neuen Freundeskreis und so in gewisser Hinsicht auch eine neue familiäre Einbettung.

Hinzu kommt, dass sich Ernährungsstile in elektronischen sozialen Netzwerken ausgezeichnet als digitale Tattoos eignen. Fotos und Videos vom eigenen Essen werden täglich als digitale Selbstbilder millionenfach in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram, Twitter, Pinterest, WhatsApp, Snapchat und so weiter mit anderen geteilt. Sie verorten das Individuum in diesen sozialen Netzwerken und inszenieren den eigenen Status und die eigene Zugehörigkeit.

Ernährungsstile dienen schließlich auch der Reduktion der Komplexität von Ess-Entscheidungen, da sie das Entscheidungsspektrum erheblich eingrenzen, also beispielsweise jegliche tierischen Produkte (vegan), jegliche Produkte mit Gluten (glutenfrei), jegliche konventionellen Produkte (bio), jegliche zuckerhaltigen Produkte (zucker frei) oder jegliche Produkte mit Zusatzstoffen (clean eating) von vornherein ausschließen. Auch diese Komplexitätsreduktion wird von den Protagonisten als Vorteil empfunden, ermöglicht sie doch eine gewisse Simplifizierung des Alltags. Schließlich ermöglichen besondere Ernährungsstile die Wiedererlangung von Kontrolle in einem definierten Teilbereich des Lebens, denn Simultanität, digitale Akzeleration und enorme Komplexität führen in vielen Lebensbereichen primär zu einer Entgleitung von Kontrolle und einem Gefühl der Ohnmacht bzw. Fremdbestimmung.

Anhänger besonderer Ernährungsstile beginnen diese primär zumeist aus Motiven des Tierschutzes, der Gesundheit oder auch Nachhaltigkeit. Der sehr starke zusätzliche Effekt auf die soziale Zugehörigkeit dürfte dabei initial oft nicht im Vordergrund stehen. Die Protagonisten erleben diesen jedoch als einen erheblichen Zusatznutzen des selbst gewählten Ernährungsstils, der weit über Tierschutz, Gesundheit und Nachhaltigkeit hinausgeht. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der sekundäre Nutzen im Hinblick auf soziale Zugehörigkeit, Verortung und Identität für die Beibehaltung des Ernährungsstils eine größere Rolle spielt als die primären Motive.

In extremen Konstellationen können Ernährungsstile auch zum wichtigsten Wert- und Ordnungssystem des Individuums werden und annährend den Charakter einer Ersatzreligion annehmen.

 

Zum Autor

Thomas Ellrott, Jahrgang 1966, ist Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universität Göttingen und steht auch der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Niedersachsen vor. Nach dem Studium der Humanmedizin erwarb Ellrott an der Akademie für Ernährungsmedizin in Hannover die Fachkunde Ernährungsmedizin. Seine Promotion und Habilitation erlangte er in Göttingen. Heute ist er Mitglied in einer Vielzahl von Fachgesellschaften und Autor zahlreicher Fachpublikationen. Ellrott zählt deutschlandweit zu den gefragtesten Experten auf dem Gebiet des menschlichen Essverhaltens und macht durch regelmäßige TV-Auftritte und in bundesweiten Magazinen auf seine Arbeitsschwerpunkte wie die Prävention und Therapie von Adipositas sowie Ernährungstrends aufmerksam. www.ernaehrungspsychologie.org