Schwarz auf Weiß

©Universitätsbibliothek Leipzig
Text von: Norman Lippert

Die Wiege des Papierrecyclings liegt in Göttingen – dort erfand der Wissenschaftler Justus Claproth 1774 das Prinzip der Druckfarbenentferung.

Im Jahre 1774 veröffentlichte der Göttinger Juraprofessor Justus Claproth eine acht Seiten umfassende Publikation mit dem sperrigen Titel ,Eine Erfindung, aus gedrucktem Papier wiederum neues Papier zu machen und die Druckerfarbe völlig herauszuwaschen‘.

In ihr beschrieb Claproth detailreich den von ihm erdachten Prozess zur Wiederaufbereitung von bedrucktem Papier unter dem Einsatz von Terpentinöl, Wascherde und Kalk. Die praktischen Versuche wurden in der Papiermühle Klein Lengden durch den Müller Johann Engelhardt Schmidt durchgeführt, der von Claproth instruiert und mit dem nötigen Altpapier ausgestattet wurde. Die Experimente verliefen augenscheinlich erfolgreich, und Claproth konnte sein Traktat bereits auf gemäß seiner Erfindung wiederaufbereitetem Papier drucken – dem ersten Recyclingpapier.

Mal abgesehen davon, dass ein ähnliches Verfahren in China schon im 17. Jahrhundert verbreitet war, lässt sich heute nicht mehr einwandfrei nachvollziehen, ob sich tatsächlich alles so zutrug, wie von Claproth beschrieben. Dennoch gilt Claproth heute gemeinhin als Erfinder des Papierrecyclings.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren sogenannte ,Hadern‘ der elementare Rohstoff für die Papierherstellung. Besser bekannt als Lumpen, handelte es sich dabei zumeist um zweitverwertete Stofffetzen abgetragener Kleidung. Diese Lumpen wurden in einem ersten Schritt sortiert, gereinigt, eingeweicht, gekocht und je nach erwünschtem Papiertyp auch gebleicht. Aus dieser mit mechanischer Hilfe zerfaserten Masse ließ sich anschließend das Papier mit Sieben schöpfen. In einem letzten Schritt wurde das Papier schließlich gepresst, getrocknet und zugeschnitten.

Spätestens seit Mitte des 18. Jahrhunderts konnten die Papiermühlen die gestiegene Nachfrage mit dieser traditionellen Produktionsweise kaum mehr ausreichend stillen. In Göttingen war es vor allem die 1737 eröffnete Universität, die für einen steigenden Papierbedarf sorgte. An eben dieser Stelle setzte die 1774 veröffentlichte Erfindung von Justus Claproth an, bei der er den Lumpen bereits bedrucktes Altpapier beimischte und damit eine Lösung des Rohstoffmangels versprach.

Schon ein Jahr später wurde das von Claproth erdachte Verfahren in baden-württembergischen Papiermühlen nachgeahmt. Doch der zusätzliche Aufwand für das Sortieren, Reinigen und Zerfasern des Altpapiers erwies sich als wenig wirtschaftlich. Zudem war das auf diesem Weg hergestellte Papier aufgrund seiner dunklen Färbung nur ein geschränkt nutzbar, und auch spätere Versuche mit neuen Bleichverfahren schafften keine Abhilfe. Die Übernahme moderner Arbeitsprozesse wurde zudem durch das Zunftwesen behindert, welches allerlei Beschränkungen mit sich brachte.

Die Durchsetzung des Papierrecyclings wurde Mitte des 19. Jahrhunderts abermals erschwert, als Friedrich Gottlob Keller das Holzschliffverfahren erfand. Dieses erlaubte innerhalb der Papierproduktion erstmals den Einsatz von Holz und bereitete damit den Weg zur Industrialisierung der Papierherstellung. Auch die Papiermühle in Klein Lengden blieb von dieser Entwicklung nicht verschont und musste 1836 schließen. Wenig später wurde sie in eine Spinnerei umgebaut – das heutige Industriedenkmal Historische Spinnerei Gartetal.

Erst in den 1950er-Jahren gewann das Thema Papierrecycling wieder an Bedeutung. Justus Claproth war seiner Zeit also lange voraus, denn obwohl Holz und Zellulose die Hadern ersetzten, basiert das heutige Papierrecycling noch immer auf dem von Claproth 1774 erdachten Prinzip der Druckfarbenentfernung.

Papiermühlen als beliebte Ausflugsorte Im Jahr 1732 verkaufte Johannes Becker die Papiermühle Klein Lengden und eröffnete mit dem Erlös eine solche am Weendespring. In der Folgezeit entwickelte sich diese Mühle zu einem beliebten Ausflugsziel für die Göttinger Bevölkerung – genauso wie die Papiermühle am Mariaspring in Bovenden, ausgestattet mit Bänken, Karussellen und Gastronomie – was sich in verschiedenen Motiven der Göttinger Stammbuchkupfer (o.) niederschlug, die zwischen den 1780er- und 1830er-Jahren bei den hiesigen Studenten als Andenken äußerst beliebt waren.

Der faktor-Autor Norman Lippert wurde für diesen Artikel mit dem Alexander-Preis ausgezeichnet: https://www.faktor-magazin.defaktor-autor-ausgezeichnet/