Schmerz lass nach

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: faktor

Interview: Stefan Liebig & Marco Böhme

Wolfgang Viöl und Gerd Litfin vom Plasma-Forschungsprojekt über das Ende juckender Mückenstiche, einschneidende Erinnerungen und den Ruf des Wunderheilers

Wer hat die kleinen Plagegeister noch nicht verflucht? Ist das Licht im Schlafzimmer aus, summt es ununterbrochen – kaum drückt man auf den Lichtschalter, verstummt das marternde Geräusch. Nach langer vergeblicher Suche verdunkelt man mit hohem Puls den Raum, legt sich wieder hin und spürt sofort den Mückenstich. Tagelanges Jucken lässt die Erinnerung an eine bewegte Nacht nicht so schnell verblassen. Insektenstiche und andere Wunden mit einem kleinen Stick in kürzester Zeit zu schließen, scheint unvorstellbar. Doch genau diese Vision setzen die Forscher der HAWK mit rasanten Schritten in die Realität um. Bahnbrechende Fortschritte in der Plasmaforschung machen dies möglich.

faktor sprach mit Wolfgang Viöl und Gerd Litfin über die beeindruckenden Entwicklungen moderner Medizingeräte im Rahmen des Forschungsprojekts ,Plasmatechnologien aus Südniedersachsen – Impulse für ein gesundes Leben‘, die anfängliche Skepsis bei potenziellen Partnern sowie die Perspektiven wissenschaftlicher Vernetzung.

Herr Viöl, Herr Litfin, herzlichen Glückwunsch: Die HAWK ist Sieger des bundesweiten Wettbewerbs ,Starke Fachhochschulen – Impuls für die Region‘ mit 80 Teilnehmern! Was bedeu­ten die damit verbundenen 6,5 Millionen Euro, die sie für die nächsten vier Jahre Ihrer Forschungsarbeit erhalten?

Viöl: Das ist eine herausragende Bestätigung für unsere tolle Teamarbeit. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt damit unsere Forschungs-­ und Innovationspartnerschaft. Mit dieser Sicherheit können wir 20 neue Mitarbeiter in die Forschung integrieren und ein neues Forschungsgebäude auf den Zietenterrassen errichten.

Litfin: Insbesondere freut mich, dass dieser Preis am Ende einer echten Leistungsschau vergeben wurde. Das war kein Auswürfeln, sondern nur die Besten konnten gewinnen.

Was genau passiert in Ihren Laboratorien?

Viöl: Wir machen Gewitterblitze klein und zahm!

Das hört sich gefährlich an. Was ist eigentlich ein Plasma?

Viöl: Etwas wissenschaftlicher formuliert wird Plasma oft als der vierte Aggregatzustand bezeichnet. Mehr als 99 Prozent der gesamten sichtbaren Materie im  Universum befindet sich im Plasmazustand. Auch wenn wir mit 15.000 Volt und 80.000 Grad Celsius heißen Elektronen arbeiten, besteht keine Gefahr im Anwendungsbereich.

Stichwort Anwendungsbereich – wo setzen Sie das Plasma für gesundes Leben ein?

Viöl: Wir können multiresistente Keime in Krankenhäusern töten, haben einen Kamm,der zuverlässig Läuse und deren Nissen beseitigt, und mit dem PlasmaDerm in Kooperation mit der Duderstädter Firma Cinogy ein Gerät entwickelt, mit dem wir die Wundheilung in vielen Bereichen ganz wesentlich beschleunigen können. Es kann bei Druckgeschwüren und Diabeteswunden oder auch bei akuten Verletzungen und Insektenstichen eingesetzt werden. Auch wer an Neurodermitis oder Schuppenflechte leidet, kann damit schnell nachhaltige Verbesserungen erzielen.

Klingt ein wenig nach Zauberei – wie geht das?

Viöl: Wir müssen mit der Elektrode des Handgerätes nur ungefähr 90 Sekunden die defekte Haut behandeln. Der Patient verspürt dabei keinerlei Schmerz, und dennoch werden sämtliche heilungshemmenden Keime abgetötet. Außerdem wird die Durchblutung bis in acht Millimeter Tiefe angeregt.

Wie wird ein solches Produkt entwickelt?

Viöl: Wir forschten vor zehn Jahren an der Verbesserung von Holzstrukturen, und ich fragte mich: Wie kann man dieses Wissen zum Wohle von Menschen einsetzen? Es folgten einige schmerzhafte Erfahrungen für mich und meinen Sohn, der als Proband mitwirkte. Wichtig war dabei natürlich auch das Vertrauen meiner Frau. Inzwischen freut sie sich sehr über die schnelle Linderung des Juckreizes nach einem Mückenstich, aber es dauerte ein Jahr, bis wir bei den Versuchen Schmerzfreiheit erreicht hatten, und noch länger, bis auch positive medizinische Effekte nachzuweisen waren. Leider blieben uns zunächst die Türen bei potenziellen Partnern in der Medizin verschlossen. Man fragte, ob ich mich für einen Wunderheiler halte.

Litfin: Ein guter Forscher lässt sich nicht so leicht von seinem Ziel abbringen. Herr Viöl und sein Team trieben das Projekt voran, ließen die entwickelten Produkte patentieren, und heute stehen alle Türen offen.Netzwerken wird bei solch komplexen Entwicklungen immer wichtiger.

Worauf kann die HAWK in diesem Zusammenhang zählen?

Litfin: Anfang der 1990-er ­Jahre gründeten wir den Förderverein Fachhochschule Göttingen FFG. In dieser Zeit bahnte sich durch nach Süddeutschland abwandernde Ingenieure ein Fachkräftemangel ab. Dem wollten wir Einhalt gebieten, denn bahnbrechende Erfindungen resultieren immer häufiger aus dem Zusammenspiel mehrerer beteiligter kluger Köpfe. Um gemeinsame Erfolge erzielen zu können, müssen diese aber vor Ort bleiben, voneinander erfahren und sich austauschen. Inzwischen finden die Akteure häufig auch ohne das Zutun der FFG zueinander – ein Beleg für die gewachsenen und gut funktionierenden Strukturen. Aus den FFG­ Aktivitäten entwickelte sich beispielsweise auch das Praxisverbundstudium.

Welche Rolle spielt im jetzt preisgekrönten Projekt die externe Unterstützung?

Litfin: Neben den 960.000 Euro, die aus der Industrie für den Wettbewerb bereitgestellt wurden, hat sich auch der FFG mit 100.000 Euro an der Bewerbung beteiligt. Unsere Erfahrungen im Projektmanagement rundeten die erfolgreiche Bewerbung ab.

An welchem Punkt der Plasmaentwicklung befinden wir uns heute?

Viöl: Auch wenn wir jetzt einen großen Erfolg verbuchen konnten – verglichen mit der heutigen Lasertechnologie und deren jetzigen Möglichkeiten befinden wir Plasmaforscher uns etwa in den 1970-er ­Jahren. Deshalb ist das Gebiet auch so spannend und vielversprechend. Deutschlandweit gibt es eine vergleichbare Forschung nur in Greifswald. Weltweit haben die USA zwar den Plasmabegriff stark gepusht, aber inzwischen den Anschluss an Südkorea, Japan, Frankreich und Großbritannien etwas verloren.

Und wie geht es mit Ihrem Projekt bzw. auch der Projektförderung weiter?

Viöl: In zwei bis drei Jahren können wir uns um die Folgeförderung bewerben. Sind wir erfolgreich – und davon gehen wir aus –, hieße das weitere 6,5 Millionen Euro für die anschließenden vier Jahre. Das würde uns natürlich fantastische Möglichkeiten bieten, die Industrie mit weiteren Topentwicklungen auf diesen aufstrebenden Märkten zu unterstützen.

Vielen Dank für das Gespräch.