Notenflug

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Yannick Lowin

Einst kurz vor der Insolvenz gehört die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen heute zu den besten Orchestern weltweit. Ihre Leistungen außerhalb der Konzerthäuser sind genauso beeindruckend. Kein Wunder also, dass sie als Vorzeigebeispiel dient – auch für den Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther und seine Akademie der Potenzialentfaltung.

Von den Bremer Stadtmusikanten sind es nur ein paar Schritte bis zu dem roten Backsteinhaus. Hinter diesen Mauern sitzen die Autoren eines weiteren Märchens aus der Hansestadt, eines realen. Eines Märchens, in dessen Zentrum sich ungeahntes Potenzial entfaltet hat. Maßgeblich mitgeschrieben hat es Albert Schmitt. Und auch wenn der Geschäftsführer der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen die Geschichte schon dutzendfach erzählt hat, schildert er sie auch dieses Mal voller Verve. Im Jahr 1980 hat sich die Kammerphilharmonie als Gegenentwurf zu den autoritär geführten Orchestern gegründet. Im Geiste der 1968er-Bewegung machten sich die Musiker zu gleichberechtigten Mitgliedern, gründeten eine GbR. Noch heute entscheiden alle alles demokratisch. Damals haftete zudem noch jeder. Ende der 1990er-Jahre wurde das zum Problem – das Ensemble stand finanziell mehrfach vor dem Abgrund. Gegen Ende des Jahrzehnts hatten sich 1,5 Millionen Mark Schulden angehäuft.

An dieser Stelle beginnt Kapitel eins der Potenzialentfaltung, das von Albert Schmitt. Nachdem drei Geschäftsführer gescheitert sind, schlägt sich der Kontrabassist selbst als Nachfolger vor. Seine 39 Kollegen stimmen zu. Sich von seinem eigentlichen Job zu verabschieden, fällt ihm nicht leicht, aber es gelingt, denn: „Ich war Berufsmusiker, aber ich war kein berufener Musiker“, sagt der 55-Jährige heute. Sein Beitrag als Manager sei wichtiger für die Gemeinschaft. Außerdem war die Musik für seine Persönlichkeit nicht wesentlich genug. „Das ist ganz wichtig für Potenzialentfaltung. Die Chance zu bekommen, genau das zu erfahren.“ Dank Schmitt bekommt das Orchester wieder sicheren Boden unter den Füßen. Er setzt verstärkt auf PR und Markenführung, ändert die Gesellschaftsstruktur. Nach zweieinhalb Jahren ist die Gruppe schuldenfrei. Die Deutsche Kammerphilharmonie ent wickelt sich zu einem der besten Orchester der Welt, ist heute vor allem für ihre Beethoven- Aufnahme mit dem Dirigenten Paavo Järvi berühmt. „Ich habe erst neulich eine Kritik über den Beethoven- Zyklus von Sir Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern gelesen, in dem die Autorin mit einem Verweis auf unsere Referenzaufnahme beginnt“, erzählt Schmitt. „Das ist schon irgendwie ziemlich cool.“ Bereits im Jahr 2007 übersteigt die Qualität des Orchesters die seiner Umgebung um ein Vielfaches. Der Proberaum befindet sich in einem Gebäude ohne Klimaanlage. Dahinter donnern die Güterzüge entlang. Auf der Suche nach einer angemessenen Alternative eröffnet sich den Musikern eine Chance im Bremer Stadtteil Osterholz-Tenever. Menschen aus 90 Nationen leben hier zusammen, nicht immer friedlich, viele sind arm und sozial benachteiligt. Die Gesamtschule Bremen-Ost ist von PCB befallen – unter dem Sammelbegriff werden giftige und krebserregende Stoffe gelistet. Selbst das stets klamme Bundesland Bremen muss sehen, dass es das Gebäude saniert. 30 Millionen stellt die Verwaltung bereit, 300.000 davon sind für einen besonderen Auftrag reserviert: Mit ihnen soll ein Teil der Schule so umgebaut werden, dass ein potenzieller Mieter damit etwas anfangen kann. Schmitt und seine Leute werden auf die Schule aufmerksam gemacht. Konzertakustiker – die die Kölner Philharmonie entworfen haben – bauen die Aula so um, dass sie den Bedürfnissen eines Orchesters von Weltrang gerecht wird. „Wir wollten da aber nicht wie ein Meteorit in den Stadtteil knallen“, erzählt Schmitt. Also schauen die Musiker, welchen Beitrag sie für Osterholz- Tenever liefern können.

Es beginnt das zweite Kapitel unseres Märchens aus Bremen: die Entfaltung der Kammerphilharmoniker. Sozial pädagogen und Lehrer geben ihnen eines mit den auf Weg: „Egal, was ihr mit denen macht – Brot backt, tanzt oder sonst etwas –, das macht keinen Unterschied. Den macht es erst dann, wenn ihr das, was ihr heute macht, morgen wieder tut und auch nächsten Monat und nächstes Jahr und in zehn Jahren“, erzählt Geschäftsführer Schmitt. Aus diesem Grund hat das Orchester mit der Schule einen Mietvertrag über 20 Jahre geschlossen. Verlässlichkeit und Konstanz ist Bedingung für jede Art von gelungener Beziehung. Und diese sind nötig, damit sich Potenziale entfalten können. Der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther, der in seiner Akademie für Potenzialentfaltung (siehe Kasten) die Deutsche Kammerphilharmonie als Vorzeigebeispiel nennt, spricht von ,Gelingens bedingungen‘. Dazu gehöre der Wunsch, überhaupt in Beziehung zu treten. Und das ist selbstverständlich für das Orchester. In ihrem Elfenbeinturm haben sie sich nie verkrochen. Im Gegenteil: „Kulturelle Bildungsprojekte sind Teil unseres genetischen Codes“, sagt Schmitt, der auch persönlich in regelmäßigem Austausch mit Hüther steht. Das Engagement der Spitzenmusiker in der Schule und im Stadtteil findet auf mehreren Ebenen statt. Die unterste ist der Alltag. Die Orchestermitglieder sind für die Schüler ständig präsent, benutzen dieselben Fahrradständer, essen in der gleichen Kantine. Außerdem haben sie Patenschaften für Klassen übernommen, sind oft im Unterricht anwesend. Die Schüler wiederum sind regelmäßige Gäste bei den Proben. Da sitzen sie mitten zwischen den Geigen, hinter den Trompeten und vor den Kontrabässen. Häufig erzählen die Lehrer, dass sie ihre Schüler noch nie so konzentriert erlebt haben. Und die erleben ganz beiläufig in ihrem Alltag Menschen, die ihnen zeigen, was möglich ist, wenn man hart arbeitet. Dieses Unspektakuläre sei das Wichtigste für die Potenzialentfaltung, meint Schmitt.

Zweimal im Jahr erarbeiten die Musiker zusammen mit den Schülern eine Show: ,Die Melodie des Lebens‘. In der als Nummern- Revue organisierten Veranstaltung lernen die Kinder künstlerisch Themen zu verarbeiten, die sie beschäftigen: zerbrochene Freundschaften, Trennungen, Wünsche und Sehnsüchte – sei es als Song, Rap oder Beatbox- Vortrag. Gleichzeitig präsentieren die Profi-Musiker das, was sie einstudiert haben: hochkulturelle Stücke von Mozart oder Haydn. Die Kinder hören sich das an, erschließen sich die Welt der Klassik, fangen an, sich für Instrumente zu interessieren. Getoppt wird die ,Melodie des Lebens‘ noch von der sogenannten Stadtteil-Oper, bei der ganz Osterholz-Tenever beteiligt ist: Schüler, Lehrer, Eltern, Sozialpädagogen, Polizei, Feuerwehr. Mehr als 500 Menschen haben zuletzt ,Sehnsucht nach Isfahan‘ auf die Bühne gebracht.

Die Musik sei aber nicht das Entscheidende, was seine Leute in den Stadtteil gebracht habe, sagt Schmitt. Entscheidend sei die Botschaft, und die lautet, auf einen Begriff gebracht: Unternehmertum. „So wie wir unser Orchester betreiben, so müsst ihr euer Leben verstehen – als Unternehmer im besten Sinne von ,etwas unternehmen‘, um dann Verantwortung dafür zu übernehmen.“ Zugrunde liegt all dem ein Kapitel in Sachen Potenzialentfaltung, das die Bremer Kammerphilharmoniker in der Welt der Wirtschaft aufgeschlagen haben, als sie vor einigen Jahren zusammen mit Christian Scholz von der Uni Saarbrücken die eigenen Erfolgskonzepte analysiert haben. Der BWL Professor, der zu Hochleistung und Personalentwicklung forscht, hat am Ende des Workshops zehn Erfolgskonzepte identifiziert, die jedoch alle widersprüchlich waren. Das führte zu Ernüchterung bei allen Beteiligten, ehe Scholz den entscheidenden Gedanken hatte: Widersprüche sind seiner Auffassung nach immer bei Hochleistungsteams zu finden, egal ob im Sport, in der Wirtschaft oder eben in der Kultur. Hochleister seien in höherem Maße bereit, mit Widersprüchen umzugehen. Durch die Auseinandersetzung mit ihnen generierten sie mehr Energie. Der Wissenschaftler und die Musiker entwickelten daraus ihr ,5-Sekunden-Modell‘ (siehe Buchtipp links). Die Sekunde ist das Intervall zwischen zwei benachbarten Tonstufen auf der Tonleiter, also zum Beispiel zwischen C und D. Wenn man beide Töne gleichzeitig spielt, dann erhält man maximale Dissonanz – schwer zu ertragen. „Aber wenn die Sekunde sich auflöst, dann habe ich etwas durch gemacht, das mich auf ein höheres Energie level bringt“, sagt Albert Schmitt und macht das Ganze an einem technischen Vergleich deutlich: „Je höher die Spannung in einer Batterie, desto größer die Energie.“ Die fünf Sekunden sind Widerspruchspaare. Im Falle der Kammerphilharmonie gehört unter anderem das Paar Hierarchie und Demokratie dazu. Die Musiker haben sich zwar demokratisch organisiert und doch treten sie – in den meisten Fällen – geführt von einem Di rigenten auf, der das Kommando hat. Ein Widerspruch. Die Investment- Sparte der Commerzbank wendet das Modell der Bremer Künstler bereits weltweit an.

Mittlerweile spielt das Thema Potenzial entfaltung bei der Kammerphilharmonie eine so große Rolle, dass sie ihre Aktivitäten hierzu in einer eigenen Abteilung bündelt, dem Zukunftslabor. Die Musiker sind sogar so weit, dass sie in anderen Städten Tandem- Partnern dabei helfen, eigene Zukunftslabore einzurichten – wie zum Beispiel am Theater in Freiburg. Selbst Staaten haben schon angeklopft, um die Ideen zur Demokratieentwicklung einzusetzen. An dem Märchen, das von Bremen ausging, schreiben nun also auch andere weiter.

Akademie für Potenzialentfaltung

Der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther will mit der Akademie für Potenzialentfaltung Gemeinschaften dabei helfen, die in ihr ruhenden Potenziale zu entfalten. Dass das häufig nicht möglich ist, liegt Hüthers Ansicht nach an der Art und Weise, wie sich Menschen in der westlichen Welt begegnen, nämlich als Objekte und nicht als Subjekte. Diese Beziehungskultur will die Akademie transformieren. Denn um ihr Potenzial entfalten zu können, brauchen Menschen immer auch andere Menschen, die sie wertschätzen und unterstützen. Wie das aussehen kann, zeigen Hüther und seine Mitstreiter anhand von Beispielen. Eines davon ist die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen. Organisiert ist die Akademie als gemeinnützige Genossenschaft. Die zentrale Koordinationsstelle ist in Göttingen. Führungskräfte oder Funktionsträger gibt es nicht. www.akademiefuerpotentialentfaltung.org 

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Geschäftsführer Albert Schmitt
Kulturhaus Stadtwaage
Langenstr. 13
28195 Bremen
Tel. 0421 95885-0
mailto:info@kammerphilharmonie.com
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