Kunstquartier

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Mit dem KuQua wird Göttingen zum Magneten für die internationale Kunstszene – Verleger Gerhard Steidl verwirklicht seine Vision.

Göttingen ist für Vieles bekannt – für international anerkannte Ausstellungen zeitgenössischer Kunst aber ganz sicher nicht. New York, London, Paris, München, Berlin oder – um in Niedersachsen zu bleiben – das Kunstmuseum in Wolfsburg haben da ganz andere Pfunde, mit denen sie wuchern können. Sollte man in Göttingen solche Vergleiche mit den großen Metropolen der Welt anstellen? Selbstbewusstsein schadet nicht! So hat Wolfsburg zwar einen großen Autokonzern zu bieten, aber nicht mehr Einwohner als Göttingen. Dennoch schaffen es die Macher des Museums seit über zwei Jahrzehnten, Kunstinteressierte aus vielen Ländern in eine ansonsten nicht gerade für ihre Schönheit bekannte Stadt zu locken.

Das motiviert Gerhard Steidl. Vielleicht kann er für Göttingen so etwas sein wie VW für Wolfsburg. 2008 bringt er sein großes Projekt ins Rollen. Es fußt auf den Ideen und Aktivitäten des Anfang der 1970er­Jahre ins Leben gerufenen und einige Jahre später eingestellten Kunstmarkts: Die Stadt sollte damals schon zum Magneten für außergewöhnliche Künstler werden. Der Göttinger Verleger von hochwertigen und weltweit geschätzten Büchern und Bildbänden will rund vier Jahrzehnte später sein über den langen Zeitraum aufgebautes internationales Künstlernetzwerk aktivieren, um mit dem Kunstquartier, kurz KuQua, in Konkurrenz zu anderen namhaften Kulturstandorten zu treten. Er lokalisiert es im Nikolaiviertel, rund um seinen Steidl­Verlag.

Schnell entbrennt in Politik und Bevölkerung eine Debatte mit ungeahnter Drehzahl. Zwischen rot­grüner Befürwortung der Strahlkraft von Steidls Plänen und konservativen Zweifeln an der Finanzierbarkeit der jährlichen Folgekosten in Höhe von 360.000 Euro scheint ein Konsens nur schwer erreichbar. Die Stadt Göttingen hat vom Bund 4,5 Millionen Euro Fördermittel erhalten, um das Projekt zu realisieren. Steidl, der bereit ist, seine Garten­ und Hofflächen zur Verfügung zu stellen, damit das Grünzonenkonzept verwirklicht werden kann, lehnt sich gelassen nach vorn und sagt rückblickend: „Ich war und bin da absolut unempfindlich! Wenn man angerempelt wird, rempelt man halt mal zurück!“

Die Intention Steidls ist es, mit dem Kunstquartier einen Magneten mit
einer weit über die Stadt hinausreichenden Anziehungskraft zu installieren. Eine Idee, von der sich Mitglieder der Grüne­Ratsfraktion eine „Initialzündung für Folgeprojekte“ versprechen. Denn der Stadt Göttingen und Steidl geht es nicht darum, einen isolierten Kunsttempel und architektonischen Fremdkörper in der Düsteren Straße zu errichten.

„Die Göttinger werden sehen, dass sich das Nikolaiviertel in Windeseile zu einem kulturellen Highlight entwickelt“, erklärt Steidl seine Vision. Er sieht schnell weitere Kunstgalerien, Restaurants und Cafés entstehen und rechnet fest mit der Restaurierung der benachbarten Fachwerkgebäude. „Unternehmen werden hier investieren“, sagt er bekräftigend, nachdem er zwischendurch eine telefonische Anfrage auf Englisch beantwortet hat. Beim gemeinsamen Blick auf das Gelände wird klar, dass sich der Verleger durch die zum Teil beleidigenden Diskussionen nicht beirren lässt: Auf beiden Seiten des Verlagsgebäudes laufen die Bauarbeiten auf Hochtouren. Nördlich schließt sich an das Günter­Grass­Archiv die Baugrube für das mit 1.000 Quadratmetern Veranstaltungs­ und Ausstellungsfläche geplante Kunsthaus an.

Die Absicherung des daran anschließenden, denkmalgeschützten Gebäudes sowie stadtarchäologische Arbeiten zögern die Grundsteinlegung momentan noch hinaus. „Aber wenn es dann erstmal losgeht, steht das Kunsthaus schnell“, sagt Steidl relaxed und kündigt die Eröffnung innerhalb der nächsten zwei Jahre an. Sie soll auf vier Etagen weltweiten Standards entsprechen, Göttingen an den internationalen Kunstbetrieb ankoppeln und Fachpublikum anlocken. In südlicher Nachbarschaft des Steidl­Verlags zeichnet der Schweizer Stararchitekt Peter Zumthor für die Errichtung des neuen Verlagsgebäudes für den ,Little Steidl Verlag‘ verantwortlich. Es soll zugleich als „Blickfang wie auch als Abgrenzung des baulich in homogenen Viertels“ dienen.

Als wichtige Voraussetzung für diese baulichen Fortschritte können auch die aufgeweichten Kritikerfronten gesehen werden. Durch beharrliche Öffentlichkeitsarbeit ist es der Stadt Göttingen und Steidl gelungen, nach und nach auch viele frühere Kritiker auf ihre Seite zu ziehen. Steidl habe sich immer auf den Oberbürgermeister und die Verwaltung verlassen können. Sie trugen durch ihre offene Art und den Umgang mit den Bedenken maßgeblich zur wachsenden Akzeptanz des KuQua bei. „Ich bin stolz auf ,meine‘ Stadt“, sagt der 66­jährige Kunstliebhaber daher bekennend. Ihm sei es wichtig, sich allen Bedenken intensiv zu widmen und sie nicht „arrogant aus dem Weg zu räumen“. Unter dem Motto ,Ein Viertel wird ein Ganzes‘ wurden von der Stadtverwaltung beispielsweise Göttinger Bürger zu einem Gestaltungsworkshop eingeladen sowie ,Wir sind KuQua‘­Aufkleber und Ohrenstöpsel gegen den Baulärm verteilt – Marketingmaßnahmen, die für weiter wachsende Sympathien sorgten.

Hier soll das KuQua entstehen ©KUQUA

Der Stolz auf das Entstehende bestimmt die Gefühlslage von Gerhard Steidl. Er ärgert sich nicht rückblickend über die harschen Angriffe, er wolle sich inmitten der Stadt sein eigenes Denkmal setzen. Bevor er dazu etwas sagen kann, klopft es mehrfach leise. Rätselnden Blickes nimmt sich Steidl der Sache selbst an, geht mit seiner Cola light in der Hand zur Tür, an die geklopft wird und bittet den um 19 Uhr an unser Interview anschließenden Termin nach kurzer Begrüßung in die benachbarte imposante Bibliothek mit mehreren hundert Bildbänden. „Ich kann die Skepsis der Menschen gut verstehen und blicke nicht gerne zurück“, sagt er nach diesem Intermezzo.

Wenngleich sich mit dem Günter­Grass­ Archiv natürlich ein wesentlicher Teil des entstehenden Komplexes mit Vergangenem in Form von etwa 500 zum größten Teil noch immer in Buchcontainern verstauten Büchern beschäftigt, geht es ihm mit dem Kunsthaus um die Installation zeitgenössischer Kunst im Herzen der Stadt. „Meine Kontakte“ führt er als Antwort auf die provokante Frage „Wer kommt denn schon nach Göttingen?“ an. Namen wie Karl Lagerfeld, Günter Grass, Bryan Adams, Inge Feltrinelli oder David Lynch vermitteln lediglich eine Ahnung über die Einzigartigkeit seines über den gesamten Globus reichenden Netzwerks.

Doch reicht das für eine erfolgreiche Zukunft des Kunsthauses? Steidl zitiert seinen Weggefährten Karl Lagerfeld: „Ich habe lebenslang.“ Damit macht er klar, dass er sich immer für seine Ziele, den Verlag und das KuQua einsetzen wird. Freizeit kennt der Arbeitsbesessene, der stets zwischen Göttingen, Paris und New York pendelt, ohne hin kaum. Doch natürlich drängt sich die Frage auf, was geschieht, wenn Steidl einmal nicht mehr am Verlagsgeschehen teilnehmen wird. Auch ist unklar, wie es weitergeht, wenn sich Steidl und seine beiden Mitkuratoren Ute Eskildsen und Joshua Chuang wie geplant nach drei Jahren als Kuratoren aus dem Kunsthaus ausklinken. Steidl, der seinen Verlag aktuell in eine Stiftung überführt, sieht dem betont gelassen ent gegen. Er sieht sich als Gründungsdirektor in der Rolle „des Dirigenten, der die Solisten zusammenführt“. Und mit den beiden Kuratoren habe er Kenner im Team, deren welt weiter Ruf ihnen vorauseilt, der bei den ersten Ausstellungen für viele Besucher sorgen dürfte. Ausstellungsplanungen für die in New York persönlich von Steidl entdeckten 2.000 Skizzenbücher des US­amerikanischen Bildhauers Richard Serra lassen den Gründungsdirektor ebenso ins Schwärmen geraten wie die Landschaftsfotografien aus Oregon von Serras Landsmann Robert Adams.

Ein weiteres Thema könnte ,Günter Grass als Buchgestalter‘ lauten. Dies würde gemeinsam mit dem Göttinger Professor Heinrich Detering umgesetzt. Der Germanist veröffentlicht aktuell gerade ein Buch mit einem Gespräch, das er mit Günter Grass im Steidl­Verlag geführt hat. Man spürt es förmlich: Gerhard Steidl muss sich bremsen, um nicht die nächsten zehn oder fünfzehn Ideen zu präsentieren. Er macht klar, dass er am Erfolg seit Beginn an keine Zweifel hatte und dass der Grundstein für eine gute Zukunft gelegt sein wird: „Wir haben dann den Kammerton vorgegeben, und der muss gehalten werden.“

Neben diesen vielen großen Namen hat Steidl aber auch ausreichend weitere Argumente zur Hand: So werde der Komplex mit seinem Innenhof „ein innerstädtisches Blick Paradies“ und für die Allgemeinheit stets geöffnet sein. Eine Konzeption, die auch auf den allgemein lockereren Umgang mit Kunst eingeht. Denn diesen beobachtet Steidl in den vergangenen Jahren insbesondere bei der jüngeren Generation: „Als Buchverleger liebe ich die analoge Darstellung. Ich verfluche die Digitalisierung aber nicht, sondern registriere eine zunehmende visuelle Bildung bei den Menschen.“ In Ausstellungen würden beispielsweise viele Fotos gemacht und in die Welt geschickt. Das werde laut Steidl zu Unrecht als unkonzentriertes Betrachten gewertet – es sei aber einfach eine moderne Form der Rezeption.

Einen Mangel an Besuchern fürchtet Steidl nicht. Ähnlich wie das eingangs erwähnte und anfangs ebenfalls intensiv kritisierte Wolfsburger Kunstmuseum werden die Ausstellungen des Kunsthauses neben den dafür anreisenden Kennern auch Durchreisende en masse anziehen. Hinzu kämen die ohnehin kulturinteressierten Besucher der Händelfestspiele, des Göttinger Symphonie Orchesters oder auch der Stadt­ und Lokhallenveranstaltungen.

Auch die lokale Kompetenz bezieht das KuQua­Konzept inzwischen aktiv ein. So ist der Kunst e. V. mit Mitgliedern wie dem Literaturherbst oder dem Literarischen Zentrum an der Konzeption beteiligt. ,Zwei Fliegen mit einer Klappe …‘ könnte man
sagen – denn schließlich gehörten auch viele der Kunst e.V.­ Mitglieder zu den Skeptikern, die den Rotstift für ihr eigenes Angebot fürchteten. Und auch für geballte Kompetenz aus professioneller Richtung öffnet Steidl die Tore. „Göttingen ist eine Stadt mit vielen tollen Verlagen. Das Kunsthaus steht allen offen, ihre herausragenden Künstler und Werke zu präsentieren“, sagt er und sendet damit eine interessante Botschaft.

So könnte das KuQua nicht nur aus ,einem Viertel ein Ganzes‘ machen und Aufmerksamkeit auf die internationale Kunstszene in Göttingen lenken, sondern auch viel kreatives Know­how der Stadt kanalisieren. Zukunftschancen, die gewiss nicht zu unterschätzenden Risiken gegenüberstehen, die es aber im Sinne der kulturellen Interessen einer jungen und weltoffenen Stadt zu nutzen gilt.

Genug Ideen für die kommenden Jahre hat Steidl auf jeden Fall in der Hinterhand: „Wenn ich mich zwei Stunden konzentriert hinsetzen würde, könnte ich allein fünf Jahre Ausstellungen mit in Göttingen lagernden Fotografien, Filmplakaten und anderen Kunstwerken konzipieren.“ Und selbst weitere Gebäude im Viertel plant Steidl im Falle des Erfolgs zur Vergrößerung des KuQuas umzubauen.

So macht er bereits einen recht planungsfreudigen Eindruck, als er abschließend davon spricht, dass die ehemalige Kultdisco Bine Gassmann sowie das Eisenacher Haus – beide ebenfalls in der Nikolaistraße gelegen – zu einem Museum für Druckkunst oder auch zu Erweiterungsflächen für das Kunsthaus werden könnten. Fast unerschöpfliche Möglichkeiten, die Gerhard Steidl mit viel PS in Fahrt bringen möchte.

Weitere Infos unter: www.kuqua.goettingen.de