Kunden anziehen

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefanie Waske

Das Rudolphi Modehaus in Bad Lauterberg wächst stetig in einer schrumpfenden Branche. Inhaber Carsten Kröger erzählt, wie persönlich er seine Geschäfte führt. 

Wer über ein Textilgeschäft in Deutschland schreibt, beginnt seinen Text in der Regel so: „Wieder schließt ein traditionelles Modehaus. Ein Nachfolger ließ sich nicht finden, der Umsatz war seit Jahren gesunken. Ein Großteil der Läden in der Innenstadt steht bereits leer.“ Aus Bad Lauterberg kommen jedoch ganz andere Nachrichten: In der Kurstadt am Harz hat Carsten Kröger, Inhaber des Rudolphi Modehauses, laut eigener Angaben 2014 und 2015 mit seinem Vater einen „mittleren siebenstelligen“ Betrag investiert. Die Verkaufsfläche seiner fünf Geschäfte wuchs in diesem Zeitraum von 3.500 auf über 5.000 Quadratmeter. Wie ist das möglich?

An diesem späten Vormittag ist es draußen herrlich warm. Auf der Einkaufsstraße von Bad Lauterberg schlendern in sportliche Poloh emden und Steppwesten gekleidete Senioren an den Geschäften entlang. Junge Mütter schieben in bunten Sommerkleidern ihre Kinderwagen. Ein kleiner Markt bietet Eichsfelder Wurst, Erdbeeren und Geranien. Wenige Meter entfernt fährt die Seilbahn, die bereits 1954 in Betrieb ging, den Burgberg hinauf. Bei so viel Idylle reibt sich der Besucher verwundert die Augen: Ist das tatsächlich die Region, die massiv Einwohner verloren hat? Wo die Alten zurückbleiben, während die Jungen anderswo Arbeit und Auskommen finden?

„Ja, durchaus“, klärt der Bürgermeister Thomas Gans auf. Sie hätten Jahre daran
gearbeitet, Bad Lauterberg als Einkaufsstadt zu stärken. Ihr Ziel: Menschen aus den umliegenden Orten oder gar Göttingen zu einem Ausflug in den Harz zu bewegen. N eben Einheimischen und Tagesbesuchern sorgten die vielen Touristen für Umsatz. Knapp 500.000 Übernachtungen pro Jahr gebe es aktuell. Der Bürgermeister bemerkt: „Der Westharz hat aufgeholt, und das ‚altbackene‘ Image ändert sich.“ Angesprochen auf die Einkaufsstraße fügt er hinzu: „Wir haben fast keine Leerstände. Darauf sind wir stolz.“ Insbesondere die Familie Kröger spiele dabei eine wichtige Rolle. Deren Mode haus Rudolphi gehöre laut Industrie- und Handelskammer zu den größten Dienstleistern der Region.

Ihr Hauptgeschäft liegt mitten in der Geschäftsstraße: Die neue Fassade ist in gedämpftem Gelb und Terrakotta gestrichen. Vor den großen Schaufenstern hat die Bestuhlung des Modehaus-Cafés Platz gefunden. Unter den hellgrauen Markisen und Marktschirmen trinken die ersten Besucher ihren Kaffee. Blumenkästen schirmen sie von der Straße ab, denn diese darf wochentags befahren werden. Wer das Geschäft betritt, dem drängen sich keine schrillen Farben oder Angebots-Tafeln auf. Die Mode wird in schwarz-weißen Regalen präsentiert. Licht fällt durch ein großes Glasdach in die Mitte des Geschäfts. Klassisch, aber modern, ist nicht nur die Darbietung, sondern auch das Angebot: gepunktete Kleider mit Schleifengürteln, pastellfarbene Pullover oder g eflochtene Sommerhüte. Leinen, Seide, Kaschmir ziehen sich durch die Kollektion. Es gibt italienische Handtaschen, edle Tücher, Mode von einem neuen Label aus Amsterdam oder auf cool getrimmte Streetware. Vor allem hochwertige und entsprechend teure Marken finden sich im Sortiment, darunter viele aus Deutschland.

Gehobene Kundschaft, darauf setzte das Modehaus bereits 1875: Der Gründer, Carl Rudolphi, bot bereits Seidenwaren an. Ein Foto im Besprechungsraum von Anfang des 20. Jahrhunderts zeigt eine elegante, vom Art déco inspirierte Fassade. Den Schriftzug mit dem Firmennamen hat der heutige Inhaber, Carsten Kröger, in der Herren abteilung aufgestellt. Diese liegt im Obergeschoss des Hauses. „Das Schild möchte ich noch restaurieren“, sagt der 45-jährige Unternehmer, der gerade die mit rotem Teppich belegten Stufen in den ersten Stock hinaufgekommen ist. Mit Unterstützung seiner Frau Heike führt er heute das Haus in zweiter Generation.

Mode liegt durchaus in der Familie, schon sein Großvater war Schneidermeister – allerdings nicht im Harz. Sein Vater, Ägidius – kurz Gido genannt – übernahm dann Anfang der 1980er-Jahre das Modehaus in Bad Lauterberg. Die Familie Rudolphi, erzählt Kröger, habe damals keinen Nachfolger finden können und das Geschäft zum Kauf angeboten. „So hat sich mein Vater 1982 selbstständig gemacht.“ Dieser, gebürtiger Osnabrücker, habe zuvor als Geschäftsführer in großen Häusern gearbeitet. In den vergangenen Jahren habe sich sein Vater von der Leitung zurückgezogen. Im Geschäft ist er dennoch weiterhin zu sehen: Im eleganten Anzug mit Einstecktuch und in aufrechter Haltung wechselt der 76-Jährige an diesem Morgen mit der Verkäuferin an der Kasse ein paar freundliche Worte. Sein Sohn trägt Jeans zum dunkelblauen Jackett. Er lässt sich auf der Polsterbank des Modehaus- Cafés nieder und bestellt ein Wasser. Das ,Cult Fashion café‘ betreiben Cornelia und Florian Mangold, die in Bad Lauterberg auch noch eine über die Stadtgrenze bekannte Konditorei und einen ,Coffee Shop‘ besitzen.

Als Zehnjähriger kam Carsten Kröger mit seinen Eltern und seiner Schwester von Schleswig nach Bad Lauterberg. Sein erster Eindruck? „Mehr Berge und Schnee als in Schleswig- Holstein“, sagt Kröger und schmunzelt. Schon damals sei das Modehaus das größte am Platz gewesen, auch wenn das Angebot heute fünfmal so umfangreich sei. Vieles habe sich seitdem im Geschäft und in der Stadt verändert. In den ersten Jahren reisten Kurgäste noch für zwei bis drei Wochen in den Harz. Heute bleiben Touristen drei bis fünf Tage, berichtet Kröger. Der Mauerfall 1989 habe ihnen neue Chancen eröffnet. Die innerdeutsche Grenze lag nur wenige Kilometer entfernt und zerteilte die Region. Nach der Wende seien viele Thüringer Stammkunden geworden. Das Sortiment änderte sich ebenso: „Vor 30 Jahren gab es noch Wolle zum Stricken oder Kurzwaren.“ Und keine Sportkleidung, die heute in einem eigenen Haus verkauft wird.

Nach dem Abitur stellte sich für Kröger die Frage, ob er in die Fußstapfen des Vaters treten wollte. Er sei dort „reingerutscht“, sagt er und fügt rasch ein wenig korrigierend hinzu: „Ich habe es ja gewollt. Ich hatte immer die Entscheidung.“ 1992 verließ er Bad Lauterberg. Nach einer Ausbildung als Kaufmann im Einzelhandel, einem Studium der Textilbetriebswirtschaft und mehreren beruf lichen Stationen kam er 2003 mit seiner Frau in den Harz zurück. Mittlerweile war das Kurgeschäft geschwunden, der Wett bewerb im E inzelhandel gewachsen, und der Internetverkauf weitete sich aus. Sein Vater habe kurz zuvor das Modehaus ,E+R‘, e inen Mitbewerber vor Ort, übernommen. Auf die Frage, mit welchen Plänen er das Familienunternehmen damals habe verändern wollen, antwortet er bodenständig: Er habe die einzelnen Geschäfte in Bad Lauterberg modernisieren und einen Kundenparkplatz bauen wollen. Carsten Kröger erläutert, warum ihm gerade der Parkplatz wichtig war: „Jeder zusätzliche Kunde, den wir gewinnen wollen, muss mit dem Auto kommen.“

Doch warum sollen die Kunden nun gerade im Harz in seinem Geschäft einkaufen? „Wegen der persönlichen Beratung, der Markenvielfalt und der damit verbundenen Auswahl“, sagt Kröger im Brustton der Überzeugung. Auch früher habe es Versandhandel gegeben. Heute sei das Internet ein Mitbewerber. Das Modehaus beschäftigt knapp hundert Mitarbeiter und bedient im Jahr 170.000 Kunden. Neben dem Haupthaus gibt es noch die Geschäfte ,Wäsche und Living‘, ,Intersport‘, ,S. Oliver‘ und ,Carsten‘. Sie hätten mit Bedacht mehr Modeberaterinnen als die Mitbewerber und diese auch „keine befristeten Arbeitsverträge“. Anders als im Internet könne der Kunde bei ihnen im Geschäft die Ware anfassen. Was nicht passe, werde in einer anderen Größe bestellt oder notfalls geändert. Er und seine Frau suchten regelmäßig das Gespräch mit den Besuchern, um die Mode nicht vom Schreibtisch aus zusammenzustellen. „Wir müssen unsere Kunden kennen und nicht meinen, das muss unser Kunde kaufen.“ Was in der Großstadt gefragt sei, komme nicht unbedingt auch in Bad Lauterberg an. Outdoor-Jacken liefen gut, was mit Blick auf die Wandermöglichkeiten nicht überrascht. Die exklusiven Seidenschals würden in anderen Städten vermutlich weniger Käufer finden.

Die Region zu kennen, sei ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg, betont der 45-Jährige. Daher werde es keine Häuser in anderen Städten geben. Kröger unterstreicht: „Wir sind keine Filialisten – vom Naturell her. Wir sind ein Familienunternehmen, in dem die Inhaberfamilie auch zu sehen ist. Wir sind keine anonyme Verkaufsmaschine.“ Die Schwäche des Einzelhandels in den umliegenden Orten helfe ihnen, ihr Geschäft auszubauen. „Wir haben viele Stammkunden aus dem Bad Harzburger und Goslarer Bereich, mehr aber noch aus Göttingen und Thüringen.“

Dass sie dabei vor allem eine anspruchsvolle Klientel in den Blick nehmen, leugnet er nicht. „Für die Region haben wir ein sehr hochwertiges Sortiment.“ Er zählt die Anzug auswahl für Männer auf oder bedruckte Seidenblousons. Samstags spiele ein Musiker am Flügel. Dennoch sei ihr Anspruch, alles anzubieten „vom Baby-Strampler bis zur Ausstattung für eine diamantene Hochzeit“. Dank des Umbaus 2015 sei nun auch der Schuhladen von Bernd Frölich Teil des Geschäfts. Die Investition von mehreren Millionen Euro habe sich bisher gelohnt: „Wir konnten ungefähr 15 bis 20 Prozent Kunden dazugewinnen. Damit bin ich sehr zufrieden.“ Für das kommende Jahr habe er bereits neue Pläne, die seien aber noch nicht spruchreif.

Krögers Handy klingelt, er diskutiert ein wenig. Einer seiner Söhne hat ihn angerufen, es ging ums Rasenmähen. Seine Kinder sind neun und zwölf Jahre. Während der Öffnungszeiten sei er meist im Geschäft und nicht zu Hause. Manchmal bedauere er es, nicht mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können. Auch zum Sporttreiben komme er selten. „Mein Sport ist die Arbeit. Wobei mein Sohn mich überredet hat, wieder ein wenig Tennis zu spielen.“

Und was würden seine Kinder zu seiner Nachfolge meinen? Der Markt ändere sich zu rasch für eine langfristige Prognose, wiegelt der Unternehmer ab. Nur in einem sei er sicher: „Ich werde das genauso handhaben, wie es meine Eltern taten: Sie sollen sich frei entscheiden. Wenn Sie Kinder in irgend etwas reinzwingen, dann ist das für mich das Ende eines Familienunternehmens. Ohne Spaß zu haben, funktioniert es nicht.“

 

Zur Person

Carsten Kröger, Jahrgang 1972, ließ sich z unächst in Oldenburg als Kaufmann im Einzelhandel ausbilden. Danach vertiefte er sein Wissen in einem Studium an der Fachakademie Nagold. Besonders prägte ihn seine Arbeit für das Mannheimer Modehaus Engelhorn, ebenfalls ein Familienunternehmen. Dort blieb Kröger zwei Jahre. Es folgten weitere Führungspositionen, u.a. bei der Gerry Weber AG. 2003 kam er nach Bad Lauterberg, um Schritt für Schritt den Generationenwechsel im e lterlichen Unternehmen anzutreten. Heute ist er im Vorstand des Vereins für Handel & Gewerbe.