Kampf gegen die Wahrscheinlichkeit

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

André Fischer, einer der führenden Forscher im Bereich neurodegenerativer Erkrankungen, über die Hoffnungen – und die Wirklichkeit –, Demenzerkrankungen zu stoppen oder sogar zu heilen.

Ist Demenz eine Erbkrankheit, sind Faktoren wie Lebensgewohnheiten entscheidend, oder ist es einfach nur Schicksal? Wie lässt sich das herausfinden? Warum dauert es so lange, bis wir Alzheimer besiegen können? André Fischer, Leiter des 2011 in Göttingen gegründeten Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), skizziert den aktuellen Stand der Forschung, beschreibt, wie vielen Betroffenen schon heute geholfen werden kann, und zeigt auf, wo dringend Handlungsbedarf besteht.

Herr Fischer, wann können wir Demenz endlich heilen?

Diese Frage kann Ihnen niemand beantworten. Demenz ist der Oberbegriff für sehr viele Krankheitsbilder, bei denen die kognitive Leistungsfähigkeit im Krankheitsverlauf abnimmt. Das ,eine‘ Medikament wird es daher nicht geben können.

Dann lassen Sie uns zunächst von den Ursachen sprechen: Wie entsteht nach aktuellem Forschungsstand eigentlich eine Demenz?

Wichtigstes Merkmal sind die sogenannten Plaques, das sind toxische Eiweiße, die das Gehirn angreifen. Im Bereich der genetisch bedingten Demenz scheint die Entwicklung eines Impfstoffs in greifbare Nähe zu rücken. Das Problem ist allerdings, dass nur etwa ein Prozent der demenziellen Erkrankungen vererbt sind, und bei allen anderen die Impfung bisher nicht wirksam war. Das Ernüchternde ist also, dass wir vermutlich ein Arsenal von Therapien brauchen, um den vielen unterschiedlichen Krankheitsformen entgegenzutreten.

Wie kann sich der Laie diese komplexe Demenzforschung überhaupt vorstellen?

Vor allem sehr vielfältig. Wir arbeiten mit Tieren wie etwa Fruchtfliegen, Fadenwürmern und Mäusen. Gerade das Mäusegehirn gleicht dem des Menschen. Beide bekommen im Anfangsstadium der Demenz bereits Schwierigkeiten im Bereich des räumlichen Denkens. Durch Stammzellenforschung können wir in diesem Bereich große Fortschritte erzielen. Zudem erzielen wir Erkenntnisse durch die Untersuchung menschlicher Gehirne, die wir dank Organspenden untersuchen können. Das Problem hierbei ist allerdings, dass es sich meistens um Gehirne im Endstadium der Alzheimer-Erkrankung handelt. Wir bauen hier im DZNE eine Hirnbank auf. Auch Blutuntersuchungen liefern immer mehr verwertbare Ergebnisse. Oder einfach gesagt: Wir erforschen einerseits die Ursachen der unterschied lichen Demenzen, andererseits suchen wir nach Wegen, das Fortschreiten zu bremsen, indem wir regenerative Prozesse einleiten.

Und wie lassen sich solche Therapien entwickeln?

Wir brauchen regenerative Ansätze, die Patienten helfen, die schon erkrankt sind. Auf der anderen Seite benötigen wir ursächliche Therapien. Dazu müssen wir Patienten mit beginnender Alzheimer Demenz sehr früh identifizieren. Das ist schwierig und dauert sehr lange. Wir brauchen Testpersonen, die sich über Jahrzehnte beobachten lassen. Denn die Veränderungen gehen sehr langsam vor sich und beginnen lange, bevor der Patient Gedächtnisprobleme bemerkt.

Das hört sich aber eher entmutigend an. Wie steht es denn aktuell um den eben angesprochenen regenerativen Prozess?

Aus welchem Grund auch immer jemand eine Alzheimer-Demenz entwickelt, letztlich kommt es zu einem Verlust von Synapsen, das heißt die Nervenzellen können nicht mehr richtig miteinander kommunizieren. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber es mehren sich die Hinweise, dass stets eine pathologische Genaktivität beteiligt ist. Eine ganze Reihe von Forschungsergebnissen zeigt, dass therapeutische Ansätze, welche auf die pathologische Genaktivität zielen, die Kommunikation der Nervenzellen wiederherstellen. Eine möglichst frühe Diagnose ist trotzdem entscheidend.

Und wie können Sie den Personen konkret helfen, die rechtzeitig zu Ihnen kommen?

Wir gehen davon aus, dass viele der therapeutischen Ansätze, die bisher in klinischen Versuchen keine Wirkung zeigten, funktionieren könnten, wenn sie bereits in einer frühen Phase der Krankheit angewendet werden. Ein Beispiel sind Entzündungshemmer: Versuche mit Patienten, die bereits eine Alzheimer-Demenz entwickelt hatten, waren bisher nicht erfolgreich. Interessanterweise zeigt sich aber, dass beispielsweise Rheumapatienten, die lange solche Medikamente nehmen, seltener eine Demenz entwickeln.

Kann man denn – neben der Früherkennung – selbst aktiv vorsorgen?

Eine gesunde Ernährung und Abwechslung fürs Gehirn, wie Gehirnjogging oder Musik, helfen auf jeden Fall. Wie allgemein bekannt sein sollte, ist es auch sehr gefährlich, zu wenig zu trinken – das gilt natürlich nicht nur für Demenzkranke.

Und wie sieht es mit weiteren Risiken aus?

Traumata wie etwa Kriegseinsätze, Depressionen, Infektionen oder Narkosen steigern das Demenzrisiko – insbesondere bei älteren Menschen. Ein unglaublich spannendes Ergebnis ist übrigens, dass positive Faktoren wie sportliche Aktivität und negative wie chronischer Stress nicht nur bei den Betroffenen die Gedächtnisleistung verändern, sondern sich dieser Effekt sogar vererben und so auch bei den eigenen Kindern eine Rolle spielen kann. Aber man muss ganz klar festhalten: Bei diesen Hinweisen geht es nur darum, Wahrscheinlichkeiten zu beeinflussen – niemand ist selbst daran schuld, wenn er erkrankt.

Es wird deutlich, wie aufwendig die Demenzforschung ist. Welche Rolle spielt die Vernetzung in Ihrem Fachbereich?

Eine sehr große. Deutschland ist Vorreiter auf diesem Gebiet, und wir arbeiten nicht nur im DZNE, sondern auch national zusammen und kooperieren in einem weltweiten Forschungsnetzwerk.

Hat die Demenz aus Ihrer Sicht in unserer Gesellschaft bereits die Aufmerksamkeit, die sie benötigt?

Politisch machen wir Fortschritte. Hier gibt es bereits gemeinsame Projekte, zum Beispiel mit Frankreich. Wenn man aber bedenkt, dass wir 2025 in Deutschland etwa vier Millionen Erkrankungen erwarten, scheint die Gesellschaft noch nicht ausreichend vorbereitet zu sein. Insbesondere in die Bereiche Pflege und Aufklärung müssen wir sehr viel mehr investieren.

Danke für das Gespräch, Herr Fischer.

Zur Person

Nach Forschungsaufenthalten an der Harvard Universität (Boston, USA) und am Massachusetts Institute of Technology (Cambridge, USA) leitete André Fischer eine durch den EURYI Award geförderte Nachwuchsgruppe am European Neuroscience Institute in Göttingen. Die Arbeiten der Gruppe haben wesentlich zur Begründung des neuen Forschungsgebiets der Neuroepigenetik bei neurodegenerativen Erkrankungen beigetragen. Seit 2011 ist Fischer Professor an der Universitätsmedizin Göttingen und leitet als Sprecher den Standort Göttingen des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE).

Mehr zu André Fischers Forschung auf faktor-Online, unter: www.faktor-magazin.de/der-richtige-schalter/

Auf der 26. faktor- Business-Lounge am 22. November – in Kooperation mit der Universitätsmedizin Göttingen – wird André Fischer gemeinsam mit seinem Forschungskollegen Wolfgang Hoffmann ab 19 Uhr im ,Coworking by pro office‘ in Göttingen berichten. Thema des Abends: ,Demenz – Aussichten und Herausforderungen einer Krankheit‘