Im Wandel der Zeit

©bruno135_406/stock.adobe.com
Text von: Norman Lippert

Es dauerte mehr als 200 Jahre, bis der von Johannes Gutenberg um 1450 in Mainz erfundene Buchdruck seinen Weg nach Südniedersachsen fand – heute zählt Göttingen zu den bekanntesten Verlagsstädten in Deutschland und blickt auf 350 Jahre Verlagswesen zurück.

Der Begriff des Verlegers im historischen Wandel

Die frühen deutschen Verleger waren zugleich immer auch Buchdrucker und Buchhändler. Dies war vor allem auf den bis weit in das 18. Jahrhundert üb lichen Tauschhandel zurückzuführen. Anstatt die eigenen Bücher auf den Messehandelsplätzen in Frankfurt oder Leipzig gegen Barzahlung oder auf Kommission zu kaufen oder zu verkaufen, tauschten die Verleger untereinander: Wollte ein Buchhändler die lokale Nachfrage für auswärts produzierte Bücher stillen, mus ste er genügend eigene Bücher als Tauschmaterial drucken. Erst als sich der Direktverkauf an den Buchhandel durchsetzte, trennten sich die drei Geschäftszweige Verlag, Druckerei und Buchhandlung.

Die Anfänge

Die Stadt Göttingen blickt heute auf eine mehr als 350 Jahre überdauernde Verlagstradition zurück. Ihren Anfang nimmt sie im Jahr 1666, als der Pädagoge Heinrich Tolle die erste Druckerei eröffnet. Vermutlich will er auf diese Weise den Lehrbuchbedarf an der von ihm geleiteten höheren Schule stillen. Die Nachfrage nach Druckerzeugnissen hält sich jedoch zu dieser Zeit in Grenzen. So kommt es, dass sich die Eigentumsverhältnisse der Tolle’schen Druckerei nach ihrer Gründung mehrfach ändern.

Die Gründung der Universität Göttingen bringt neue Verleger in die Stadt

Nachdem die Universität Göttingen im Jahr 1734 gegründet wird, beginnt alsbald die Suche nach geeigneten Buchdruckern und -händlern. Im Februar 1735 kann mit dem Niederländer Abraham Vandenhoeck ein erster ,Typographus Academicus‘ gewonnen werden. Dieser unterhält bereits in Hamburg eine Druckerei und in London eine Buchhandlung, verfügt also über die von der Universität benötigten Kompetenzen. Unter der Matrikelnummer 25 wird er als Universitätsangehöriger eingeschrieben und ist damit nicht der städtischen, sondern der universitären Jurisdiktion unterstellt. Mit diesen universitären Privilegien geht etwa die Befreiung von städtischen Steuererhebungen und Zunftzwängen einher.

Allerdings hat die Universität scheinbar nur wenig Interesse daran, das von ihr hervorgebrachte Verlagsgeschäft in Göttingen nur einem einzigen Anbieter zu überlassen. Als die Universität schließlich 1737 eröffnet wird, gibt es mit Johann Christoph Ludolph Schultze bereits einen zweiten seitens der Universität privilegierten Verleger.

Im Jahr 1746 gründet der aus Hannover stammende Buchhändler Johann Peter Schmid in Göttingen eine weitere Druckerei, obwohl der Markt eigentlich längst gesättigt scheint.
Tatsächlich ruft die Universität eine ganze Reihe von Mitbewerbern auf den Plan. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts treten sieben weitere Firmen mit ihren Buchhandlungen, Druckereien und Verlagen miteinander in geradezu ruinöse Konkurrenz.

Auf dem Höhepunkt  der Aufklärung

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts und auf dem Höhepunkt der Aufklärungsbewegung zählt Göttingen zu den sechs wichtigsten Verlagsstädten in Deutschland. Im Jahr 1794 arbeiten mehr als 100 Personen in sieben Buch- und fünf Papierhandlungen, 16 Buchbindereien und sechs Druckereien mit zwei Dutzend Pressen. Auf den Frankfurter und Leipziger Messen bieten die verschiedenen Göttinger Verlage in jenem Jahr 94 Neupublikationen an, außerdem erscheinen in der Stadt 25 Kalender, Taschenbücher und Zeitschriften.

Die Göttinger Universitätsbibliothek verfügt um 1800 über etwa 133.000 Bücher. Außerdem stehen unzählige Werke in diversen Leihbibliotheken, Lesegesellschaften und den Privatbibliotheken der hiesigen Bürger, Studenten und Professoren. Eine beachtliche Anzahl – leben zu dieser Zeit doch nur 44 Professoren, etwa 900 Studenten und rund 9.000 Einwohner in der Stadt.

Die Entwicklung im 18. Jahrhundert

Nach Abraham Vandenhoecks Tod im Jahr 1750 übernimmt seine Witwe Anna das Geschäft. Kurz darauf gibt sie die Druckerei auf, um sich auf die weitaus lukrativere Buchhandlung und den eigentlichen Verlag zu konzentrieren. Gemeinsam mit dem seit 1748 im Verlag beschäftigten Lehrling und späteren Geschäftsführer Carl Friedrich Günther Ruprecht baut sie den Verlag erfolgreich aus und wird so zur reichsten Frau Göttingens. Nach ihrem kinderlosen Tod 1787 übernimmt der frühere Lehrling das Unternehmen, welches seitdem als Vandenhoeck & Ruprecht firmiert.

Im Jahr 1766 lässt sich der Gothaer Hof- und Bücherlieferant Johann Christian Dieterich in Göttingen nieder. Er verdankt seinen späteren Aufstieg vor allem den von ihm gepflegten Freundschaften zu Göttinger Autoren und Professoren. Bereits im Dezember 1786 besitzt er zwei repräsentative Häuser, in denen er viele Studenten und Professoren während ihrer Zeit in Göttingen beherbergt. Darüber hinaus bietet sich in ,Dieterichs großem Saal‘, wie Georg Christoph Lichtenberg es höchst persönlich festhält, auch die Möglichkeit, gesellschaftlichen und kulturellen Veranstaltungen beizuwohnen. Ein idealer Platz also, um Freundschaften zu pflegen oder zumindest Geschäftspartnerschaften aufzubauen.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts entwickeln sich  Dieterich und Vandenhoeck & Ruprecht zu den beiden führenden Verlagen der noch jungen Universitätsstadt.

Der verhinderte Bücherturmbau Am 18. August 1763 schreibt Anna Vandenhoeck dem Göttinger Stadtrat mit der Bitte, ihr den ,BarsenTurm‘ zu überlassen. Dieser am Weender Mühlentor gelegene halbrunde Wachturm (Bild rechts) dient damals als Munitionslager und sollte längst geschliffen, also abgerissen werden. Statt dessen will sie ihn zu einem Büchermagazin umbauen, wenn die Stadt ihr den Turm nur überlassen würde. Letztlich wird diese Idee aber nicht umgesetzt, und der Bücherturmbau zu Göttingen bleibt aus.

Eine Herausforderung für die Verlagslandschaft

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist das Göttinger Verlagswesen maßgeblich von der politischen Entwicklung in Deutschland geprägt: von der französischen Besatzung von 1803 bis 1813, dem Streit um die ,Göttinger Sieben‘ von 1837 und von der Deutschen Revolution von 1848/49.

Die unter französischer Herrschaft eingeführten Reformen beenden die akademische Gerichtsbarkeit der Georgia Augusta über ihre Universitätsangehörigen. Infolge verschiedener Auseinandersetzungen zwischen der Gendarmerie und der Studentenschaft verlassen in den nächsten Jahren immer mehr Studenten die Stadt – die Universität gerät in Verruf. Dies wirkt sich kurzfristig auf den Buchabsatz aus und erschwert langfristig die Schaffung von publizierbarem Wissen.

Doch als Heinrich Dieterich, der Sohn des 1800 verstorbenen Verlagsgründers, im Jahr 1814 Insolvenz anmelden muss, liegt dies nicht an den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, sondern an seinem ausschweifenden Lebensstil. Auch sein Sohn Hermann, der die Firma 1824 übernimmt, kann den Dieterich’schen Verlag nicht aus seiner lang anhaltenden Krise herausführen und muss ihn schließlich 1847 veräußern.

Das Göttinger Zeitungswesen

Nach ihrer Erfindung im frühen 17. Jahrhundert bilden sich zwei Zeitungstypen heraus: das Anzeigenblatt und das politische Nachrichtenblatt. Mit der Universitätsgründung kommen die ersten Professoren nach Göttingen, sodass der Bedarf an Zeitungen steigt. Der Professor der Logik und Metaphysik, Samuel Hollmann, versucht zwischen 1735 und 1737, verschiedene Wochenzeitschriften zu etablieren, um potenziellen Besuchern und den zugezogenen Neubürgern die Stadt näherzubringen. Allerdings scheitert Hollmann – ebenso wie alle zukünftigen Versuche, ein ähnliches Nachrichtenblatt in Göttingen aufzubauen.

Im Gegensatz zu den politischen Nachrichtenblättern können sich die Anzeigenblätter früh etablieren. Sie kombinieren Annoncen, An- und Verkaufsgesuche oder Stellenanzeigen mit amtlichen Bekanntmachungen und erreichen Auflagen von bis zu 500 Stück. Ein Grund hierfür war sicherlich, dass Gaststätten, Geschäfte, aber auch Handwerker und städtische Institutionen sie verpflichtend abonnieren müssen. Die Einnahmen wiederum kommen der städtischen Armenkasse zugute. Zwar glückt der erste Versuch mit den ,Göttingischen Policey- Amts Nachrichten‘ von 1755 bis 1757 noch nicht, die zwischen 1768 bis 1809 erschienenen ,Göttingischen Anzeigen von gemeinnützigen Sachen‘ sind dafür umso erfolgreicher. 1814 tritt das ,Göttinger Wochenblatt‘ an ihre Stelle und bleibt bis 1847 die einzige lokale Zeitung.

Die Plagiate

Zu den größten Problemen der Verlage im 18. und 19. Jahrhundert gehört der grassierende unbezahlte Nachdruck der aufwendig produzierten Originalwerke. Da es weder regulierend eingreifende berufsständische Vertretungen noch verbindliche gesetzliche Grundlagen gibt, ist diesem Problem nur schwer beizukommen.

Die ersten Tageszeitungen entstehen

Nachdem das Königreich Hannover im Zuge der Deutschen Revolution 1848 die Pressefreiheit einführt, ist der Weg zur modernen Tageszeitung geebnet. Bis zum Ende des Jahres werden in Göttingen gleich drei neue Zeitungen gegründet, halten kann sich aber keine von ihnen. Es ist die am 2. Januar 1864 erstmals herausgegebene ,Göttinger Zeitung‘, die sich am Tageszeitungsmarkt durchsetzt. Die Kombination aus Anzeigen- und politischem Nachrichtenblatt begründet ihren Erfolg. Weitere Neugründungen haben es ungleich schwerer. Erst 25 Jahre später gelingt es dem ,Göttinger Tageblatt‘, sich als zweite Tageszeitung zu etablieren.

Einschnitt im 20. Jahrhundert

Zwischen 1918 und 1933 werden in Göttingen verschiedene Parteizeitungen gegründet, die mit dem Göttinger Tageblatt und der liberalen Göttinger Zeitung konkurrierten. Als die Nationalsozialisten im Jahr 1933 die Macht übernehmen, beginnen sie gezielt, die Presse aus- oder gleichzuschalten. Nachdem die Göttinger Zeitung bereits seit 1932 immer mehr Leser verliert und 1935 schließlich vor der Einstellung steht, wird sie vom Göttinger Tageblatt aufgekauft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg müssen sich Verleger durch die Britische Militärregierung lizenzieren lassen, bevor sie ihre Arbeit aufnehmen können. Dennoch entstehen in Göttingen auch zu dieser Zeit einige neue Verlage. Zu den größten Erfolgen gehörte der 1948 gegründete W.Fischer-Verlag. Allein bis 1955 produziert er 7,5 Millionen Jugendbücher, die sich aufgrund ihres niedrigen Preises von 95 Pfennig bundesweit größter Beliebtheit erfreuen.

Die heutige Verlagslandschaft

Inzwischen umfasst die Göttinger Verlagslandschaft rund 30 verschiedene Institutionen mit sehr unterschiedlichen Sortimenten. Doch losgelöst davon, ob es sich um Göttingens ältesten Verlag Vandenhoeck & Ruprecht handelt, um den erst 1949 gegründeten, modernen und international aufgestellten Fachverlag für Psychologie Hogrefe oder noch deutlich jüngere Gründungen aus den 80ern, wie den für seine Fußballbücher bekannten Verlag ,Die Werkstatt‘ oder den renommierten Literatur- und Wissenschaftsverlag Wallstein – sie alle stehen noch heute in der Tradition Gutenbergs.

Und auch nach 350 Jahren ist das Kapitel des Göttinger Verlagswesens längst nicht abgeschlossen, denn mit der voranschreitenden Digitalisierung, dem elektronischen Publizieren und dem Print-on-Demand, dem Druck auf Nachfrage, stehen bereits die nächsten Herausforderungen für alte, neue und sicher auch zukünftige Verlage bereit.