Ich konnte mir nichts vorwerfen

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Marco Böhme

Studenten-Weltmeisterin Neele Eckhardt  spricht im ,fall forward‘-Interview über den  Tiefpunkt im Olympia-Sommer 2016 und  die Höhepunkte in diesem Jahr.

Neele, du hast Ende August die Universiade, die Studenten-Weltmeisterschaft, in Taiwan gewonnen und bist vorher bei der Leichtathletik-WM in London ins Finale der besten zwölf eingezogen. Die Welt ist – wieder – in Ordnung. Keiner spricht mehr über die Enttäuschungen und die geplatzten Träume. Ein Jahr zuvor schien das unmöglich. Was war da passiert?

Ich war eigentlich in einer sehr guten sportlichen Form und habe mir leider beim letzten Training vor den Deutschen Meisterschaften 2016 einen Muskelfaserriss zugezogen. Der Traum war zunächst geplatzt. Ich wurde zwar sehr gut von unserem medizinischen Team betreut, dennoch habe ich zwei Wochen gebraucht und natürlich die Meisterschaft verpasst. Danach habe dann noch an zwei weiteren Wettkämpfen teilgenommen, um die Qualifikationsweite zu schaffen. Im Dreisprung gibt es einen extremen Bewegungsablauf. Den ersten Wettkampf braucht man allein dazu, um seinem Körper wieder voll zu vertrauen. Doch es hat eben beide Male nicht geklappt. Es war mental sehr schwer, da ranzugehen. Vor allem der zweite Wettkampf – zu wissen: Das ist jetzt deine letzte Chance, du hast sechs Versuche, und wenn das nicht funktioniert, bist du nicht dabei. Das war eine einschneidende Erfahrung.

Rio war über Jahre dein großes Ziel – Olympische Spiele finden nur alle vier Jahre statt und sind der Traum aller Athleten. Wie fühlte sich das an?

Das war schon eine Ausnahmesituation und hat sich über Wochen hingezogen. Ich habe versucht, allen, die mich auf diesem Weg unterstützt haben, einen Brief zu schreiben, was mehrere Tage gedauert hat. Es war schwer, die Emotionen zuzulassen und zuzugeben, dass es eine Riesenenttäuschung für mich war. Am Ende hat mein Freund ihn für mich geschrieben. (lacht) Er konnte besser die Worte finden für das, was ich empfunden habe. Darin stand, wie ich mich minu tiös vorbereitet habe, wie ich alles dem Sport untergeordnet habe: von der Freizeitgestaltung über Abende mit Freunden bis hin zum Essen – ich habe ein Jahr auf Alkohol verzichtet und sogar Silvester nicht mit Sekt an gestoßen. Ich kann mir also nichts vorwerfen, ich habe alles getan … Es hat halt am Ende einfach nicht geklappt. Da gehört sicher auch ein bisschen Pech dazu, oder es sollte nicht sein.

Was hast du während der Olympischen Spiele in Rio gemacht?

Ich habe auf keinen Fall irgendwas verfolgt (lacht) und habe stattdessen versucht, mir ein schönes Leben zu machen. Den Dreisprung habe ich mir nicht angeguckt. Doch man kann sich natürlich nicht ganz abschotten. So bin ich auf den Geschmack beim Turnen gekommen – das habe ich ein bisschen verfolgt. Ich fand es irgendwie imposant.

Wie ging es dir in dieser Phase?

Es war nicht bloß eine große Traurigkeit, son dern eine richtig tiefe Enttäuschung. Aber ich hatte auch gesagt, dass ich nach den Olympischen Spielen 2016 das Examen vorbereiten und das Studium abschließen möchte. Im Oktober habe ich dann mit dem Repetitorium angefangen, eine private Vorbereitung auf das Examen. Da war der Fokus ein anderer. Es hat mir zu dem Zeitpunkt richtig gut getan, den Sport ein bisschen zurückzuschrauben. Ich habe natürlich trainiert, aber gleichzeitig auch überlegt, es ganz zu lassen. Das war ein kras ser Einschnitt. Natürlich bin ich heute froh, nicht aufgehört zu haben. Seitdem trainiere ich aber deutlich weniger. 2016 habe ich in der Vorbereitung teilweise elf Einheiten in der Woche trainiert. Bei meinem Trainer jetzt sind es vier. Das ist natürlich schon ein harter Umschwung, aber für den Fokus und den Kopf war das absolut notwendig. Ich hätte nicht so weitermachen können, dafür war die Motivation nicht wirklich vorhanden.

War es bei dir vielleicht so wie mit der Indianerweisheit ,Willst du ins Schwarze treffen, dann ziele daneben‘?

Ja, definitiv. Im Januar bin ich zu den ersten Wettkämpfen mit dem Wissen gefahren, nicht so viel trainiert zu haben, und habe mir gesagt: Hab einfach Spaß! Im dem Moment sah ich es als Ausgleich zu der Zeit am Schreibtisch – und es lief besser als jemals zuvor. Ich hatte zum ersten Mal wieder richtig Freude am Sport.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

fall forward
Mit dem Podcast-Format fall forward möchte faktor-Herausgeber Marco Böhme Menschen in unserer Leistungsgesellschaft entlasten, permanent erfolgreich sein zu müssen. Seine Erkenntnis aus unzähligen Gesprächen mit Unternehmern, Managern, Sportlern und anderen erfolgreichen Menschen aus fast 20 Jahren journalistischer Berufserfahrung ist: Lernen durch Erfahrung – vor allem durch Schmerz – bringt uns deutlich schneller voran als Bücher und Berater. So kommen auf dieser Plattform und im faktor spannende Menschen mit ihren Erfolgsgeschichten zu Wort. Sie erzählen im Interview, wie sie mit Misserfolgen umgehen und was sie daraus lernen. Damit möchte Böhme Mut machen, erfolgreich durchzustarten. fall forward ermutigt Menschen in diesem Netzwerk, ihre Geschichten neu zu erzählen, sie vollständig zu erzählen. Scheitern gehört zum Erfolg! Weitere Infos: www.fallforward.de