Hier tragen wir keine Krawatten

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Der Renovierungsdiscounter tedox gibt überraschende Einblicke in seine Grundsätze und verrät, warum ‚billig‘ für ihn nicht das oberste Gebot ist.

Alles begann vor 45 Jahren mit der ‚Teppich Domäne Harste‘, als der Einbecker Karl-Heinz Rehkopf zusammen mit seinem Geschäftspartner Rainer Wunderlich auf dem Gelände der königlichen Domäne Harste (Foto) die ersten Teppichfliesen aus Industrieresten verkaufte. Das einst landwirtschaftlich genutzte Anwesen bestand damals aus verfallenen Kuh-, Pferde- und Schweineställen, die – nun hergerichtet – als Verkaufsstätten genutzt wurden und noch bis heute als tedox Harste für historischen Charme sorgen. Alte Sandsteinmauern, ein kleiner Teich, ein altehrwürdiges Herrenhaus, in dem inzwischen die Verwaltung untergebracht ist – alles unter Denkmalschutzaspekten saniert und modernisiert. Vom einstigen Verfall keine Spur mehr. Von den Anfängen des Unternehmens, das mittlerweile über 2.800 Mitarbeiter beschäftigt, wird gern erzählt.

Eckart Pottebaum, einer der drei Geschäftsführer und Sprecher der Geschäftsführung des deutschlandweit aufgestellten Discounters, ist für den Verkauf zuständig und fühlt sich spürbar eng mit tedox verbunden – schließlich begann seine Karriere vor über 20 Jahren in diesem Unternehmen. Den ,Harster Geist‘ hat er schon lange in sich aufgenommen: „In den Gründungstagen packte hier die ganze Familie Rehkopf mit an, und schnell kamen aus dem Dorf und der Umgebung Menschen, die mit machen wollten. Das waren wirklich Mitmacher und nicht nur Mitarbeiter“, erzählt Pottebaum. „Und im Grunde ist es bei uns noch heute so. Die grundlegenden Ideen, mit denen Karl-Heinz Rehkopf sein Unternehmen damals auf den Weg brachte, werden noch heute im Unternehmen gelebt und bestimmen auch weiterhin unsere Firmenpolitik.“ (mehr zu Rehkopf siehe faktor 4/2016)

Diese Idylle im 1.100-Seelen-Dorf Harste ist Stammsitz und zentrale Verwaltung des Unternehmens. tedox selbst bezeichnet sich als Renovierungsdiscounter und grenzt sich damit von Möbeldiscountern wie Poco oder Roller ab. Wobei das Unternehmen, das im vergangenen Jahr einen Umsatz von rund 500 Millionen Euro erwirtschaftete, zu beiden Möbelgeschäften Verbindungen hatte.

Die einstigen Gründer Rehkopf und Wunder lich trennten sich 1986 und teilten das Unternehmen auf: Rehkopf behielt die ,Teppich Domäne Harste‘, und Wunderlich firmierte fortan mit seinen Filialen unter ,Domäne Einrichtungsmärkte‘ mit Sitz in Hardegsen. Deren Filialen gehören heute zu Poco.

Möbel gibt es bei tedox noch immer, sie stellen mittlerweile aber nur noch einen kleinen Warenbereich dar. Mit dem Möbeldiscounter Roller wiederum, an dem die Familie Rehkopf bis 2007 maßgeblich beteiligt war, arbeitete tedox über viele Jahre im Import zusammen.

Die Filiale Harste stellt heute innerhalb des Unternehmens eine Besonderheit dar und ist mit den zahlreichen neu eröffneten Filialen in ganz Deutschland nicht vergleichbar. „Um eine moderne Filiale zu sehen, müssen wir nach Holzminden fahren. So ähnlich wie dort sehen heute alle unsere Märkte aus, sie bieten eine klare Kundenführung durch den Markt und folgen einem einheitlichen Konzept “, erklärt Pottebaum. In Holzminden steht nun die 111. Filiale. Allein im Zeitraum von 2015 bis 2016 kamen achtzehn neue Standorte dazu – bereits seit 1987 setzte man verstärkt auf den Ausbau des Filialnetzes.

Dieses rasche Wachstum funktioniert nur aufgrund eines effizienten Systems, das es ermöglicht, innerhalb von sechs Wochen nach Übernahme eines Objektes die Ladentüren zu öffnen. Dabei liegt die grundsätzliche Bau- und Ladenflächenplanung bei der Geschäftsleitung, die einzelnen Abteilungen aber werden von den jeweiligen Verkaufsleitern geplant und gemeinsam mit den Mitarbeitern bestückt. Es liegt im Interesse des Unternehmens, alle von Anfang an einzubinden und ein gut funktionierendes Zusammenspiel aufzubauen.

In der Stadt an der Weser finden sich nun die gleichen Warengruppen wie in allen anderen Filialen auch: Gardinen, Rollos und Stoffe, Badausstattung und Küche, Teppiche und Bodenbeläge, Tapeten und Farben, Möbel, Leuchten, Heimwerkerartikel und Haushaltswaren. „Und alles, was man sonst noch so im Haushalt zum Dekorieren gebrauchen kann“, sagt Pottebaum, während er selbstbewusst durch das Geschäft führt und auf eine Besonderheit von tedox hinweist. Eine Sache, die aus Gründungstagen immer noch Bestand hat: Bei tedox gibt es sogenannte Preisgruppen. „Alles, was hier in diesem Bereich bei den Gardinen liegt, kostet beispielsweise vier Euro je laufendem Meter. Dann kann sich der Kunde in seiner Preislage aussuchen, was ihm gefällt“, erzählt er stolz. Dasselbe gilt bei Bodenbelägen und in der Tapetenabteilung. Zudem gibt es immer mög lichst glatte Preise und keine, die auf 99 Cent enden.

Um über tedox zu berichten, muss man mit vielen Verantwortlichen reden. So ist das in einem Unternehmen, in dem nicht einer allein das Sagen hat. Als Familienunternehmen – und darauf legt man großen Wert – hält immer noch Familie Rehkopf alle Gesellschaftsanteile. Die Geschäftsleitung wiederum setzt sich aus drei Geschäftsführern und zusätzlich je einem Prokuristen der einzelnen Hauptabteilungen zusammen. Diese Besetzung sichert schnelle Reaktions- und Steuerungsmöglichkeiten. Die Hierarchien seien flach, so Gregor Sperfeld, Geschäftsführer der Verwaltung. Er wechselte 2014 zu tedox. In anderen Unternehmen, in denen er gearbeitet hat, habe er es anderes erlebt: „Es gefällt mir hier, dass es so schnelle Entscheidungswege gibt. Und das gilt nicht nur auf dieser Ebene. Auch in Bezug auf die Mitarbeiter herrscht hier ein kollegiales Verhältnis. Unsere Türen stehen immer offen.“

Kommunikation sei überhaupt ein großes Thema zu sein. „Wir versuchen, alle Mitarbeiter mitzunehmen, wenn wir unseren Erfolg planen. Wenn es zum Beispiel um die Budgetplanung für das kommende Jahr geht, dann gehen alle viel lieber den Weg gemeinsam, wenn sie mitentscheiden dürfen“, sagt Volker Hornberg, der dritte Geschäftsführer, der 2012 ins Unternehmen kam und dafür von Hamburg nach Südniedersachsen zog. Sein Fachgebiet ist der Einkauf mit Sitz in Nörten-Hardenberg. Was aus dem von ihm erwähnten Gemeinschaftsgedanken folgt, sind Betriebszugehörigkeiten von über 40  Jahren. Einige Mitarbeiter, die jetzt in Rente gehen, haben bereits in den 1970er-Jahren als ,Mitmacher‘ angefangen.

Und: tedox gibt seinen Mitarbeitern seit Jahrzehnten die Chance, im Unternehmen aufzusteigen. Bestes Beispiel ist Eckart Pottebaum selbst. Nach seinem Studium in Göttingen durchlief er das Programm für Nachwuchsführungskräfte, das auch heute noch Bereichsleiter, stellvertretende Filialleiter und auch Filialleiter aus den eigenen Reihen hervorbringt. „Wir sind hier ganz hemdsärmelig, packen mit an – und wir tragen im Unternehmen auch keine Krawatten“, erklärt Pottebaum mit einem Schmunzeln. Man ist auf klare Linien bedacht, darum bekommen auch Mitarbeiter bei den günstigen Preisen keine zusätzlichen Rabatte, wenn sie bei tedox einkaufen. Jeder, inklusive der Geschäftsleitung, zahlt das Gleiche wie die Kunden. Auch bei Firmenwagen gibt es keine Privilegien. Firmenfahrzeuge gibt es, aber das sind Poolfahrzeuge, die von allen ausschließlich dienstlich genutzt werden.

Auf der anderen Seite genießen die Mitarbeiter durch zusätzliche Leistungen eine besondere Wertschätzung. Bereits seit den 1980er-Jahren wurde eine betriebliche Altersvorsorge aufgebaut, bereits nach kurzer Betriebszugehörigkeit werden alle Mitarbeiter über das Unternehmen zusätzlich unfallversichert, auch für Unfälle im Privat bereich, und deutschlandweit erhält jeder ein 13. Monats gehalt. Wer Geburtstag hat, bekommt Blumen und hat nachmittags frei. Karl-Heinz Rehkopf führte dies schon in den Gründungszeiten ein, mit dem Argument: „Am Geburtstag soll man bei seiner Familie sein – und nicht im Betrieb.“

Man vermutet vieles nicht, was sich hinter den Mauern dieses Discounters abspielt. Zumal einigen noch der Skandal bei Lidl 2008 im Gedächtnis sein wird. Dort wurden Mitarbeiter ausspioniert und arbeiteten unter unzumutbaren Bedingungen. Diese Enthüllungen führten damals zu einem herben Imageverlust für Discounter allgemein. Gut zu sehen, dass es auch anders gehen kann.

Am Ende zählt aber doch immer nur eins: die Kundenzufriedenheit. Denn ohne Kunden, die gern wiederkommen, kann selbst das sozialste Unternehmenskonzept nicht überlebensfähig sein. Die Kunden sind diejenigen, die für den Erfolg sorgen. Früher – und vielleicht in ländlichen Regionen noch immer – wurde Werbung über den Gartenzaun gemacht. Heute übernehmen das die sozialen Medien. Zufriedenheit wird weitererzählt, ebenso wie Unzufriedenheit. Da tedox keine Print- und auch keine TV-Werbung schaltet – ein Konzept, das 1982 eingeführt wurde –, setzt das Unternehmen mehr als viele andere auf Empfehlungen von Mensch zu Mensch. Und darauf vertraut man. Was dahintersteht, ist ein ungewöhnliches Marketingkonzept: Die etwa fünf Prozent des Bruttoumsatzes, die sonst in die Werbung fließen würden, werden als Preisvorteil für den Kunden umgemünzt. Einzig und allein zur Neueröffnung einer Filiale werden Werbemaßnahmen ergriffen.

Ob man auch in Zukunft auf Werbung verzichten kann? Bei tedox zumindest ist man davon überzeugt. Fakt ist auf jeden Fall: Das Kundenverhalten hat sich in den letzten Jahren massiv gewandelt. Man spricht heute sogar von einem hybriden Kunden, der je nach Lust und Laune sein Kaufverhalten ändert und heute teuer und morgen woanders besonders günstig einkauft. In den 1970er-Jahren diente ein Discounter zur Bedarfsdeckung – heute müssen sich alle Märkte nicht nur an Kundenwünschen ausrichten, sondern sie bestenfalls sogar erspüren, bevor sie aufkommen.

Der Kunde von heute ist bequemer und anspruchsvoller. Darauf hat das traditionsreiche Unternehmen tedox längst reagiert: Die Warenpräsentation im stationären Handel soll nicht nur zum Kauf animieren, sie soll inspirieren und Lust aufs Renovieren machen – und seit 2008 gibt es viele Waren bei tedox auch online.

Doch trotz aller Veränderungen bleibt tedox im Kern ein Discounter und kommt damit leicht in die Gefahr, auf den ,Billigheimer‘ reduziert zu werden. Aber geht es dem Kunden beim Discounter wirklich nur um ,möglichst billig‘? Hat dieses Konzept Zukunft? „Billig kann ein Produkt sein, indem der Hersteller die Qualität nach unten schraubt. Das ist eine permanente Gefahr“, sagt Verwaltungschef Sperfeld mit besonderem Nachdruck. Wenn der Händler jedoch seine Kosten fest im Griff habe, konsequent auf wirklich alles verzichte, was im Vertrieb die Kosten nach oben treibt – dann habe er damit die Grundlage dafür gelegt, dass er seine Produkte nachhaltig günstig anbieten kann. Dann gehe der discountgünstige Preis nicht zu Lasten der Qualität, man könne seine Hersteller angemessen honorieren und dem Kunden ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten.

Mit Geiz-ist-geil habe ihre Firmenmentalität nichts zu tun. „Das wäre mir zu eng gefasst“, sagt Sperfeld. Vielmehr müsse der Kunde erspüren, was er für den Preis bekomme. „Der günstige Preis steht bei unseren Kunden immer besonders im Fokus, ist aber heute für einen Discounter nicht mehr das einzige Alleinstellungsmerkmal“, ergänzt Pottebaum noch, man habe auch andere Aspekte im Blick.

Die Zahl derer, die nachfragen und wissen möchten, woher die Ware kommt und unter welchen Bedingungen sie gefertigt wurde, steigt. Das ist auch bei tedox nicht anders. Günstige Produkte stehen da schnell unter Generalverdacht, denn irgendwo muss schließlich gespart werden. Auf die Frage, wie sie hier im Unternehmen mit Nachhaltigkeit und Umweltschutz umgehen, reagiert die Geschäftsleitung gelassen. Ihnen sei es ebenso wichtig wie den Kunden, woher die Ware komme. Die Teppichböden werden nur in Europa gefertigt. Aber man habe natürlich auch viele Produkte, die in Fernost produziert werden. „Mindestens einmal im Jahr überprüfen wir die Produktionsstätten vor Ort “, sagt Einkaufschef Hornberg. Man habe sich auch schon von Partnern verabschieden müssen, weil sie nicht die geforderten Richtlinien einhalten konnten. Natürlich stehe bei einem Discounter bei der Warenbeschaffung der Preis im Vordergrund. „Aber die Rahmenbedingungen müssen dennoch stimmen, auch wenn dies vielleicht zu höheren Beschaffungskosten führt. “

Zwei aktuelle Entwicklungen beim Kaufverhalten, die den Discountern in der Zukunft gut zuspielen und dem weiteren Wachstum von tedox zuträglich sein werden – davon ist man überzeugt –, sind das sogenannte ,Cocooning‘ und ,Smart Shopping‘. Ersteres beschreibt den Rückzug aus der Gesellschaft in die eigenen vier Wände – dort sollte es dann schön kuschelig und gemütlich sein, mit allem ausgestattet, was man dafür kaufen kann. Smart Shopper sind Menschen, die gleichzeitig den Preisvorteil im Blick haben und dennoch auf Qualität achten. „Letztendlich geht der Kunde dahin, wo der Preis stimmt, die Qualität passt und er gut beraten wird. Dort fühlt er sich gut aufgehoben. Man muss ihn nur gut im Auge behalten und seine Interessen besonders berücksichtigen“, so Pottebaum. „Dann hat Discount auf jeden Fall Zukunft.“

Zum Unternehmen
tedox wurde von Karl-Heinz Rehkopf und Rainer Wunderlich im Jahr 1972 unter dem Namen ,Teppich Domäne Harste‘ gegründet. 1986 trennten sich die beiden und teilten das Unternehmen auf: Rehkopf behielt die ,Teppich Domäne Harste‘ und Wunderlich firmierte fortan mit seinen Filialen unter ,Domäne Einrichtungsmärkte‘, die heute zu Poco gehören. Wurde zunächst kontinuierlich das Sortiment erweitert, begann Rehkopf ab 1987 verstärkt mit dem deutschlandweiten Filialausbau. 2006 beschloss man einen neuen Marktauftritt, der mit der Namensänderung in tedox einherging – woran die Mitarbeiter durch eine Befragung maßgeblich beteiligt waren.Noch immer hält die Familie Rehkopf alle Anteile des Unternehmens, das seit seiner Gründung ein stetiges Wachstum verzeichnet. Mit seinen über 2.800 Mitarbeitern erwirtschaftete tedox 2016 einen Jahresumsatz von 500 Millionen Euro. www.tedox.de