Getriebener Geist

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

faktor hat sich einen Tag lang an die Fersen von Georg Rosentreter geheftet und war fasziniert,  mit welcher Rastlosigkeit der Hotelier seine Projekte umsetzt.

Sie hatten einen Plan. „Den haben wir jedoch nach fünf Minuten in die Tasche gesteckt. Und dann haben wir alles gekauft, wovon wir dachten, das könnte passen“, erzählt Georg Rosentreter, während er genüsslich an seinem morgendlichen Espresso nippt. Was sich ein wenig nach Frauen mit voller Kreditkarte anhört, ist vielmehr die Schilderung dessen, was passierte, als der 43-Jährige zusammen mit dem Innenarchitekt des Hauses 2015 nach Amsterdam fuhr, um Lampen für das Hotel Freigeist Einbeck auszusuchen. Der Schauplatz: eine Lagerhalle voll mit Requisiten aus Zeiten, in denen das heute heißbegehrte Industriedesign noch einfacher Gebrauchsgegenstand war. Und so wurden aus zwei Männern mit klaren Vorstellungen und einem ,Einkaufszettel‘ binnen kürzester Zeit zwei Jungs in einem Spielzeugladen. „Unser Ziel hatten wir noch immer vor Augen, aber der Weg dorthin wurde ein anderer.“

Diese Anekdote, die Georg Rosentreter heute noch voller Begeisterung erzählt, ist beispielhaft für vieles, was mit dem gebürtigen Unterfranken in Verbindung steht. Immer in Bewegung zu sein und zu schauen: Wo geht es als nächstes hin? Was kann man noch machen? Diese Freigeistigkeit im Sinne von: Man legt sich nicht steif auf dieses oder jenes fest, sondern gibt einzelnen Besonderheiten die Chance, etwas ganz Besonderes zu werden. Dies alles macht Rosentreter als Menschen aus – beruflich wie privat. Und das spürt man in seiner Nähe schon nach kürzester Zeit.

Der Grundstein für die Freigeist-Hotels wurde 2008 mit der Eröffnung des Hauses in Northeim gelegt. Ursprünglich übernahm 2004 der damals 29-jährige Rosentreter in Nörten-Hardenberg als geschäftsführender Hoteldirektor das Hardenberg BurgHotel, ein Relais & Châteaux Hotel – ein Haus, das auf Traditionen setzt und sich dennoch sehr modern zeigt. Später gründete er zusammen mit Carl Graf von Hardenberg die Holding Freigeist & Friends GmbH & Co. KG, die nicht nur die Freigeist-Hotels unter einem Dach vereint. Das war im Sommer 2017 – heute sind es fünf Häuser, die ihm unterstehen.

Der Tag beginnt in Einbeck, dem Freigeist-Hotel gegenüber dem PS.Speicher. 2014 eröffnet, wurde die Motorrad- und Automobil-Ausstellung für die Stadt schnell zum Tourismusmagneten. „Allerdings zeigen die Zahlen, dass nur rund fünf Prozent der Besucher aus der Region stammen“, sagt Rosentreter. Eine Zahl, die Potenzial birgt für einen Hotelier, der zuvor an vielen Orten der Welt richtungsweisende Eindrücke gesammelt hat, ob in New York, Belfast, Hamburg oder London.

Schon beim Betreten der Bar des Freigeist-Hotels, die zugleich als kleiner Frühstücksraum für die Hotelgäste dient, umhüllt einen eine angenehme Ruhe, gepaart mit Behaglichkeit. In der Mitte des Raums prasselt ein Feuer. Rosentreter erzählt, dass für ihn trotz erhöhter Auflagen kein Weg an einem Kamin mit echtem Brennholz vorbeiging: „Damit hier eine ganz besondere Stimmung, eine gemütliche Atmosphäre entsteht. Das war mir wichtig. Dieses frühzeitliche Sich-um-das-Feuer-gesellen ist in uns doch immer noch stark verankert und bringt die Menschen schnell zusammen.“ Er sagt ‚mir‘ – und es wird klar: In diesem Ort steckt viel Rosentreter-Herzblut.

Archaisch übrigens auch die Lust am Sammeln – und dabei interessant, wie stark innovative Konzepte auf die ureigensten Bedürfnisse des Menschen zurückgreifen. „Es gibt fast keinen Kaffeelöffel, der durch Zufall da ist. Jedes einzelne Buch, was hier zu finden ist, hat seinen Grund, warum es genau an dieser Stelle steht“, erklärt der Gesellschafter und stiftet gern Besucher an, genauer hinzusehen. Rosentreter ist stolz auf das Geschaffene. Ein Kontrollfreak? Wohl kaum zutreffend für einen Freigeist. Pedantisch? Vielleicht ein bisschen. In jedem Fall aber detailverliebt. „Vieles, was inzwischen seinen festen Platz hat, wurde zu Beginn von rechts nach links und noch einmal an einen ganz anderen Ort gestellt – bis alles passte“, sagt er, während er auf eine riesige Lampe aus einem russischen Filmstudio hinweist. „Alles echt. Nichts nachgemacht oder aus China.“ Obwohl. Da lehnt in der ,BARgarage‘, einem separaten Raum neben der Bar, ein altes Fahrrad an der Wand – das sei tatsächlich aus China. Und gleich daneben ein originales DDR-Schiffstelefon. Alte Autoreifen aus Indonesien und ein Tisch, dessen Bretter einst einem Schiff gehörten.

Der Zeitplan für den heutigen Tag ist straff. Der nächste Ortstermin ist das Designhotel Zum Löwen Duderstadt. Die Autofahrt dauert länger als geplant. Viele Kilometer Landstraße und LKW, die man nicht überholen kann. Da bleibt Zeit zum Reden über Freigeister und darüber, was Südniedersachsen so alles zu bieten hat. Rosentreter ist viel rumgekommen, bevor Göttingen für ihn, seine Frau und mit den beiden Söhnen eine Heimat wurde.

In Metropolen wie München und London hat er vorher gelebt und in großen Hotels gearbeitet. Und im idyllischen Heidelberg die Hotelfachschule besucht. „Ich war schon immer an Hotels und Gastronomie interessiert. An gutem Essen und Trinken. Eigentlich habe ich nie darüber nachgedacht, etwas anderes zu machen. Nicht einen Tag.“

Rosentreter tritt aufs Gas und überholt. Ihn treibt es vorwärts, wie im Leben auch. Ob er zustimmt, dass er ein Getriebener ist – immer in einem Projekt verhaftet und gedanklich schon beim nächsten? „Ja, das sagt man mir nach“, sagt er mit zufriedenem Unterton und lacht. Mit dieser Zuschreibung kann er anscheinend gut leben. Er hat noch einiges vor, so erzählt er. Sein neuestes Projekt, das ‚Freigeist Göttingen‘, liegt in der letzten Planungsphase und Umsetzung, während der nächste Freigeist in Goslar bereits auf ihn wartet.

„Ich fühle mich hier sehr wohl. Als Zugezogener habe ich vielleicht auch einen anderen Blick auf die Stadt und die Region. In meinen Augen hat Südniedersachsen viel mehr zu bieten, als es immer zugibt“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter. Mit der Idee vom Freigeist sieht er sich auch als ein Botschafter für die Region und möchte für sie eintreten. „Freigeistig zu sein, bedeutet für mich, mutig zu sein. Anders zu sein. Das wollen wir mit unserem Team und mit der Region nach außen tragen.“

Je länger man mit ihm im Gespräch ist, desto stärker kristallisiert sich eine Führungsperson der neuen Generation heraus. Hier fährt nicht jemand sein eigenes Ding oder wandelt auf gepflasterten Wegen. Im Gegenteil: Rosentreter ist ein Mensch, der um die Stärken seiner Mannschaft weiß. „Wenn wir ein neues Konzept entwickeln, dann ist ein ganzes Team unterwegs – vom Koch über Servicekräfte bis zur Marketingabteilung. Jeder ist aufgefordert, Ideen einzubringen. Und wenn die am Ende umgesetzt werden, entwickelt sich ein ganz anderes Zugehörigkeitsgefühl.“ Das sei ihm besonders wichtig, ergänzt er. „Die Mitarbeiter sollen sich hier wohlfühlen – so wie sie sind. Wir wollen die Menschen unverstellt. Hier darf man auch seine Tattoos zeigen.“

Gekonnte Marketingphrasen? Es hört sich doch zu verdächtig danach an, als wäre das hier der ideale Ort zur Selbstverwirklichung. Aber natürlich haben auch die Freigeist-Mitarbeiter, wie überall in der Gastronomie, keine ,nine-to-five‘-Jobs. Gastronomie bleibt Gastronomie. Dennoch, der Eindruck scheint von Station zu Station authentisch. Allerorts pflegt man einen lockeren Umgangston und ein entspanntes Miteinander. Irgendwie cooler. Das ist in der Gastronomie nicht unbedingt üblich. Mit dem Ehepaar Rosentreter wehte schon damals im BurgHotel ein neuer Wind ins Haus. Natürlich muss ein Relais & Châteaux Hotel bestimmte Richtlinien erfüllen, aber es gibt auch Freiheiten, die genutzt werden dürfen. Aber: Man ist ein Team. Man plaudert, ist im ‚Du‘, gibt sich freundschaftlich. Im April werden sie als ‚Team Freigeist‘ mit einigen Mitarbeitern nach Wien fliegen und dort am jährlichen Marathon teilnehmen. Initiator ist: Georg Rosentreter, der zum Ausgleich seines vollen Arbeitsalltages pro Woche bis zu 60 Kilometer joggt.

Den ganzen Tag über bleibt der ,getriebene‘ Gesellschafter gelassen. Sein Smartphone ist sein ständiger Begleiter, immer wieder wandert ein kurzer konzentrierter Blick auf das Display. Und dennoch: Weder Termindruck ist spürbar, noch Überdrüssigkeit, schon wieder eine Hotelführung zu übernehmen. Stattdessen die Hinweise auf kleinste Details, damit der Gast sich in jedem Moment wohlfühlt. Ob durch eine sündhaft teure, eigentlich zu teure Handseife oder den Fußboden aus Eichenholzdielen aus der Region.

Zu Mittag wird im ‚Waldwerk‘, dem Restaurant des Northeimer Freigeist, gegessen. „Was esse ich denn heute“, fragt Rosentreter beim Eintreten die Servicekraft begrüßend. Die Wahl fällt schnell auf den Fisch des Monats – Skrei auf einem Salzstein serviert. „Northeim war 2008 der erste Freigeist, den wir eröffnet haben. Da war ich noch nicht so mutig, was die Umsetzung von neuen Ideen betrifft“, erzählt er heute und verweist auf den traditionsbehafteten Ursprung. „Dass das Entwickeln neuer Hotelkonzepte und innovativer Ideen genau mein Ding ist, habe ich erst gemerkt, als ich es machen durfte“, … und er wurde von Erfolg zu Erfolg unverzagter.

Szenenwechsel. Die 1920er-Jahre. Das goldene Zeitalter der Grandhotels. Jede größere Stadt, die etwas auf sich hielt, besaß ein Hotel als kulturelles Zentrum. Hier trafen sich die Künstler und Geschäftsleute der Stadt. Hier verkehrten Fremde und Freunde gleichermaßen, eben weil man sich dort traf. Hier war das wahre Leben zu Hause. Doch diese Kultur geriet in Vergessenheit, und nur langsam tauchen sie seit einigen Jahren vielerorts wieder auf und verbinden den einstigen Glanz mit modernem Flair und Lebensgefühl. „Ich glaube, Städte brauchen genau das. Denn sie leben doch auch von guten Hotels. Denn gerade die kleinen, individuellen haben eben den Anspruch, dass man in einem Hotel erleben kann, was eine Stadt zu bieten hat.“ Rosentreter ist frenetisch, wenn er von Hotels erzählt. In diesen Momenten wird besonders deutlich, wie stark die Persönlichkeit des Unternehmers mit der Persönlichkeit des Privatmanns Rosentreter verwoben ist. Natürlich treibt ihn ein gewisser Ehrgeiz an. „Aber vor allem treibt mich die Leidenschaft an“, sagt er. „Weil ich überzeugt bin, dass es wichtig und gut ist, Hotels wieder zum gesellschaftlichen Mittelpunkt der Stadt zu erheben.“

Und damit ist der vorerst letzte Punkt der Reise erreicht: Göttingen. Noch riecht man den Baustaub in dem Gebäude des zukünftigen ‚Freigeists‘ am Groner Tor. Die Kreissägen und Bohrmaschinen dröhnen, Kabel hängen schlangenartig von den Decken. Es erfordert noch viel Vorstellungskraft, sich ein pulsierendes Leben vorzustellen: die gemütliche Bar „natürlich mit Kamin“, den Tagungsraum mit einer riesigen Bücherwand – „wir sind schließlich in einer Uni-Stadt“ – sowie den Fitnessraum mit Blick über Göttingen, die stylische Dach terrasse und den Innenhof mit Bar und Palmen. Es ist noch viel zu tun bis zur geplanten Eröffnung im Sommer 2018.

Doch die Speisekarte des Restaurants steht fest. „Die könnte morgen in den Druck gehen.“ Mit dem Bar- und Restaurantkonzept, so verrät Rosentreter, wird ein langjähriger Traum endlich in Erfüllung gehen. Er steht mitten im Baustellendreck und bekommt erneut strahlende Augen. „Es wird eine japanisch-südamerikanische Küche geben“, sagt er. Vor über 15 Jahren begegnete ihm diese Kombination in einem Restaurant in London. „Es war der Wahnsinn. Damals dachte ich: Das ist mein Restaurant! Das möchte ich auch mal haben. Und seitdem begleitet mich dieser Wunsch.“ Es wird große, lange Tische geben. Die Menschen sollen wieder miteinander in Kontakt kommen. Fremde und Freunde. Menschen,
die gerade auf der Durchreise sind, und ‚Locals‘, wie Rosentreter sagt. „Ich liebe große Tische mit vielen Leuten, die zusammen essen und trinken. Das ist ein Lebensgefühl, das mir entspricht.“

Es ist eine neue, alte Idee für Göttingen. Ein Hotel, das nicht ausschließlich ein Ort für Reisende sein soll, sondern ein Ort der Begegnung für alle. Man trifft sich an der Bar, auf einen Kaffee oder um Geschäftliches zu besprechen. Hier fügt sich alles zusammen: neue Ideen und Inspirationen, gesammelt bei unzähligen Besuchen von Restaurants und Bars, zuletzt in Hamburg und London. Mit dem Freigeist Göttingen entsteht ein Hotel und eine Gastronomie, die so wahrscheinlich nur unter Rosentreters Führung entstehen konnte. Man könnte meinen, er wäre „angekommen“. Aber der Blick des Umtriebigen geht bereits Richtung Goslar – und dann noch weiter. Da ist noch Potenzial für mehr. Und langfristig kann er sich gut vorstellen, sich aus dem administrativen Geschäft komplett zurückzuziehen, damit er sich seiner Leidenschaft ganz widmen kann: Ideen für neue ‚Freigeister‘ umzusetzen. „Ich finde, man muss mutig sein,“ sagt Rosentreter zum Schluss. „Entweder die Dinge funktionieren oder nicht. Und wenn sie nicht funktionieren, dann weiß man es, aber man hat es versucht.“

Zur Person

Georg Rosentreter ist ein Familienmensch. Im Berchtesgardener Land im Südosten Oberbayerns aufgewachsen zog es ihn zunächst in größe Städte, um dort seine Karriere in der Hotelerie aufzubauen. Nach dem Besuch der Hotelfachschule in Heidelberg ging er mit seiner Frau nach London, wo er im Sheraton arbeitet. Seine nächste Station brachte ihn in das Le Mèriden in München, bevor er schließlich 2004 nach Süd niedersachsen wechselte und im Alter von 29 Jahren die Stelle als Hoteldirektor im Hardenberg BurgHotel annahm. Heute lebt der 43-Jährige mit seiner Frau und den beiden Söhnen in Göttingen.