Frei von Raum und Zeit

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: faktor

Text von Margareta Vogel

Die Werbeagentur alto. in Einbeck stellt sich dem Fachkräftemangel und nutzt dafür die Chancen der Digitalisierung.

Es ist keine überraschende Neuigkeit, dass der demografische Wandel seit einigen Jahren – insbesondere im Bereich der hochqualifizierten Fachkräfte – für Unternehmen Herausforderungen mit sich bringt. Trifft dieser Umstand jedoch zeitgleich auf eine veränderte Bedeutung von Arbeit für das Individuum, gilt es, aufzuhorchen.

„Gerade bei uns in der Provinz ist es ausgesprochen schwer geworden, die Besten anzuziehen“, so Mark­ Oliver Müller, der mit seiner Agentur alto. schwerpunktmäßig in der digitalen Kommunikation tätig ist. Seiner Ansicht nach kann die Region vom Erlebnisfaktor weder mit Berlin noch mit einer anderen Großstadt mithalten. „Also müssen wir kreativ sein, um uns als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren“, ergänzt der Geschäftsführer.

Für alto. heißt dies, die Zwänge klassischer Arbeitsmodelle weitestgehend auszuhebeln. Hier spielt Müller die fortschreitende Digitalisierung in die Hände.

„Wenn wir ehrlich sind, ist es heutzutage doch relativ egal, an welchem Ort oder zu welcher Uhrzeit eine bestimmte Leistung erbracht wird. Hauptsache, die Qualität passt, und die Termine werden gehalten.“ Daher arbeitet alto. bereits seit einigen Jahren mit Home-­Office­-Mitarbeitern in Hamburg und zuletzt aus dem Großraum Düsseldorf. „Was wir nun getan haben, ist die Zukunft von Arbeit einfach konsequent zu Ende zu denken“, sagt der 48­-Jährige.

Ein Jahr lang tüftelte er mit seiner Führungsmannschaft an einem Arbeitsmodell, das für alle Mitarbeiter – auch die vor Ort am Stammsitz in Einbeck – gilt. Seit Januar ist die individuelle Freiheit des Einzelnen das prägende Merkmal einer Beschäftigung bei alto.

„Wir haben es in unserem Leitsatz ‚Arbeite, wann du willst, wo du willst und wie viel du willst‘ auf den Punkt gebracht und legen es in die Hand der Kollegen, ihre Leistungserbringung im Team zu organisieren und mit ihren privaten Bedürfnissen in Einklang zu bringen“, erklärt Müller sein neues Modell.

Neben der Wahl der Arbeitszeiten und des Leistungsortes können die Beschäftigten bei alto. alle sechs Monate festlegen, wie viel sie in einem flexiblen Korridor von 15 bis 48 Wochenstunden arbeiten möchten. Auf dieser Basis erhalten sie Aufgabenpakete sowie zugehörige Ziele und Termine.

„Freiheit findet immer Schranken in der Freiheit des anderen“, so Müller, und meint damit, dass das Arbeitsmodell nicht geeignet sei, Egoismen zu unterstützen.

Natürlich stünden die Projektanforderungen und das gemeinsame Ziel, gute Ergebnisse zu produzieren, weiterhin ganz oben auf der Agenda. Lediglich die Kommunikationsanforderungen an jeden einzelnen Mitarbeiter seien deutlich höher als vorher.

„Aber genau das schweißt zusammen und sorgt für ein hohes Verantwortungsbewusstsein jedes Einzelnen. Im Gegenzug bringen wir den Mitarbeitern unbedingtes Vertrauen entgegen.“

Dabei macht Müller sich nichts vor. Es sei ihm bewusst, dass nicht jeder der über 20 Beschäftigten mit der neuen Freiheit klar komme. Aus diesem Grund stehe jedem auch weiterhin ein Arbeitsplatz im Firmengebäude, der alten Grundschule in Salzderhelden, zur Verfügung.

„Flexibel zu arbeiten, kann ja auch bedeuten, für sich zu entscheiden, im Normalfall von 9 bis 17 Uhr im Büro zu sitzen“, ergänzt Müller. „Die Freiheit der Entscheidung ist das Wesentliche. Hieraus entsteht Motivation und Einsatzwille.“

Nach rund acht Wochen ist es für ein abschließendes Fazit viel zu früh. Der erste Eindruck sei aber sehr positiv. Man müsse sicherlich im Verlauf noch an der einen oder anderen Schraube drehen.

„Aber solange wir die Kollegen nach Kräften unterstützen, bin ich sicher, auf dem richtigen Weg zu sein“, sagt Müller abschließend.

Der Erfolg scheint ihm recht zu geben, hat alto. doch gerade eine ganze Reihe neuer, zusätzlicher Stellen ausgeschrieben, um weiter zu wachsen.