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Die neurobiologischen Voraussetzungen für die Entfaltung von Neugier und Kreativität

Neurobiologe Gerald Hüther über die Entstehung von Kreativität durch Loslassen, Mut und Selbstvertrauen.

Gerald Hüther, Neurobiologische Präventionsforschung der Universitäten Göttingen und Mannheim/Heidelberg, Psychiatrische Klinik
© Franziska Hüther

Hinweis: Sie lesen den Gesamtartikel zu dem in unserer Winter-Ausgabe 2011 veröffentlichten Auszug. Weitere Informationen bietet Ihnen unser faktor-Link.

Kreative Menschen wissen oft gar nicht genau, woher sie ihre Inspirationen nehmen und wie sie zu ihren genialen Einfällen kommen. Manchmal scheint es so, als seien ihre Ideen oder ihre Leistungen „gänzlich aus dem Bauch“ gekommen, oder vom „tiefsten Grund des Herzens“ geschöpft.

Am schöpferischsten sind wir sonderbarer Weise unter Bedingungen, die nach langläufiger Meinung nicht geeignet sind, hirntechnische Hochleistungen zu erbringen: träumend oder noch halb schlafend. Kreativität, so scheint es, ist also eine Leistung, die nicht dadurch erreicht werden kann, dass man sein Denkorgan besonders anstrengt, um ein bestimmtes Problem zu lösen. Vielmehr kommen uns die wirklich kreativen Einfälle wohl eher ausgerechnet dann, wenn es uns gelingt, unser Gehirn ohne Druck und ohne gezielte Anstrengung zu benutzen.

In gewisser Weise geht es uns dabei offenbar ähnlich wie den besten Sängern unter den Singvögeln, deren Gesangsleistungen Konrad Lorenz so treffend beschrieben hat: „Wir wissen wohl, dass dem Vogelgesang eine arterhaltende Leistung bei der Revierabgrenzung, bei der Anlockung des Weibchens, der Einschüchterung von Nebenbuhlern usw. zukommt. Wir wissen aber auch, dass das Vogellied seine höchste Vollendung, seine reichste Differenzierung dort erreicht, wo es diese Funktionen gerade nicht hat. Ein Blaukehlchen, eine Amsel singen ihre kunstvollsten und für unser Empfinden schönsten, objektiv gesehen am kompliziertesten gebauten Lieder dann, wenn sie in ganz mäßiger Erregung „dichtend“ vor sich hinsingen. Wenn das Lied funktionell wird, wenn der Vogel einen Gegner ansingt, oder vor dem Weibchen balzt, gehen alle höheren Feinheiten verloren, man hört dann eine eintönige Wiederholung der lautesten Strophen. Es hat mich immer wieder geradezu erschüttert, dass der singende Vogel haargenau in jener biologischen Situation und in jener Stimmungslage seine künstlerische Höchstleitung erreicht, wie der Mensch, dann nämlich, wenn er in einer gewissen seelischen Gleichgewichtslage, vom Ernst des Lebens gleichsam abgerückt, in rein spielerischer Weise produziert“ (Konrad Lorenz: Die angeborenen Formen möglicher Erfahrung, Zeitschrift f. Tierpsychologie Bd. 5, S 16 – 409, 1942).

Wenn wir uns nun selbst fragen, wann es uns im Lauf unseres Lebens am besten gelungen ist „in einer gewissen seelischen Gleichgewichtslage, vom Ernst des Lebens gleichsam abgerückt“, in rein spielerischer Weise unser Gehirn zu benutzen, so wird dieser Zustand höchster Kreativität für die meisten Menschen dort erinnerbar sein, wo wir ihn in unserer, vom Effizienzdenken geprägten Vorstellungswelt am wenigsten vermutet hätten: In der frühen Kindheit. Es lohnt sich also, der Frage nachzugehen, warum das so ist und wie es kommt, dass so viele Menschen diese Fähigkeit im Lauf ihres Lebens früher oder später verlieren.

Wie das Potenzial zu Lernen und Gestalten herausgeformt wird

Menschen sind während ihrer Kindheit so neugierig, so begeisterungsfähig und so offen für alles, was es in der Welt zu erleben gibt, wie nie wieder im späteren Leben. Das Gehirn ist zum Zeitpunkt der Geburt noch sehr unfertig. Nur die zum Überleben unbedingt erforderlichen Verschaltungen und Netzwerke in den älteren Regionen sind zum Zeitpunkt der Geburt bereits gut ausgebildet. Sie steuern all das, was zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung des Körpers notwendig ist, also auch all jene Reaktionen, die immer dann in Gang gesetzt werden, wenn es zu Störungen dieser inneren Ordnung kommt. Auch bestimmte, bereits im Mutterleib gemachte Erfahrungen, ebenso wie einige angeborene Reflexe sind bereits in Form bestimmter Verschaltungsmuster im Gehirn abgespeichert.

Alles andere – und das ist so gut wie alles, worauf es im späteren Leben ankommt – muss erst noch hinzugelernt und als neue Erfahrung im Gehirn abgespeichert werden. Das Großhirn, genauer die Großhirnrinde ist derjenige Hirnbereich, in dem dieses neue Wissen in Form bestimmter Beziehungsmuster zwischen den Nervenzellen verankert wird. Es verdreifacht sein Volumen im ersten Lebensjahr und dehnt sich auch später noch erheblich aus, aber nicht deshalb, weil dort noch weitere Nervenzellen gebildet werden, sondern weil die zum Zeitpunkt der Geburt bereits vorhandenen Nervenzellen nun ein dichtes Gestrüpp von Fortsätzen ausbilden und sich mit den Enden ihrer Fortsätze auf vielfältige Weise miteinander verbinden.

Dieser durch genetische Programme gesteuerte Prozess führt dazu, dass in den einzelnen Bereichen dieser Großhirnrinde ein riesiges Überangebot an Nervenzellverbindungen und –kontakten entsteht. Weil das kindliche Gehirn (oder das genetische Programm, das dessen Entwicklung steuert) nicht „wissen kann“, worauf es später im Leben einmal ankommt und welche Verbindungen wirklich gebraucht werden, wird also zunächst erst einmal ein großer Überschuss an Verschaltungen bereitgestellt. Stabilisiert und erhalten bleiben davon aber nur diejenigen, die auch wirklich benutzt, d.h. häufig aktiviert werden.

Der Rest wird einfach wieder abgebaut. Am Anfang des Lebens ist also gewissermaßen noch alles möglich, aber nur wenige Verschaltungsmuster sind bereits so gut gebahnt, daß sie effektiver nutzbar sind. Später, wenn immer mehr Schaltkreise und Vernetzungen gut gebahnt und sehr effektiv nutzbar geworden sind, geht vieles nicht mehr, was anfangs noch möglich gewesen wäre.

Woher die Lust am Lernen und Gestalten kommt

Nicht nur die Fähigkeit, ständig Neues hinzuzulernen, sondern auch diese Lust, immer wieder Neues zu entdecken bringen Kinder mit auf die Welt. Auch sie ergibt sich aus dem Umstand, dass das kindliche Gehirn für die nutzungsabhängige Herausformung bestimmter Verschaltungsmuster auf ein möglichst breites Spektrum unterschiedlichster Anregungen angewiesen ist.

Die geeignetsten Anregungen für noch zu knüpfende bzw. zu stabilisierende Verschaltungen im Gehirn sind diejenigen, die das Kind von innen, also aus sich selbst heraus entwickelt. Diese vom Kind selbst in Gang gesetzte Suche nach Neuem hat nämlich gegenüber allen von außen an das Kind herangetragenen Anregungen einen entscheidenden Vorteil: Weil das Kind auf der Grundlage, seiner bisher bereits erlernten und im Hirn verankerten Fähigkeiten und Fertigkeiten selbst darüber bestimmt, was es an Neuem sucht und was es interessiert, können die unter diesen Bedingungen gemachten Lernerfahrungen besonders gut an das bereits vorhandene Wissen angeknüpft, können also die im Hirn bereits entstandenen Verschaltungsmuster besonders gut erweitert und ergänzt werden.

So lange ein Kind oder auch ein Erwachsener noch mit der Suche nach etwas beschäftigt ist, herrscht im eine gewisse Unruhe, eine Erregung und Spannung. Die wird durch das Erfolgserlebnis plötzlich aufgelöst und immer dann, wenn im Hirn aus Durcheinander Ordnung, aus Erregung Beruhigung wird, entsteht ein Gefühl von Wohlbehagen und Zufriedenheit. Je größer die anfängliche Aufregung war, desto größer wird die Freude, wenn nun wieder alles „paßt“.  Dann bekommt man um so größere Lust, sich erneut auf die Suche zu machen.

Unter diesen Bedingungen wird im Gehirn immer auch eine Gruppe von Nervenzellen erregt und setzt an den Enden ihrer langen Fortsätze bestimmte Botenstoffe frei, die auch dann abgegeben werden, wenn Drogensüchtige Kokain oder Heroin einnehmen. Das läßt erahnen, wie groß dieses Lustgefühl werden kann, das immer dann entsteht wenn man etwas entdeckt, etwas „begriffen“ hat.

Da es für Kinder in der für sie noch sehr fremden Welt unendlich viel Neues zu entdecken und in ihren Erfahrungsschatz einzuordnen gibt, wird ihre Lernlust normalerweise nur durch die Phasen der Erschöpfung unterbrochen, die sich zwangsläufig immer wieder einstellen und auch einstellen müssen, damit all das, was sie in der Wachphase gelernt und entdeckt haben, nun, im Traumschlaf, noch einmal durchgearbeitet, stabilisiert und mit all den anderen bereits vorhandenen inneren Mustern im Hirn verbunden werden kann.

Wie neue Verschaltungsmuster im Gehirn entstehen

All das, was ein Mensch an Erfahrungen über sich selbst, über seinen Körper und seine Beziehung zur äußeren Welt gesammelt hat, ist in Form bestimmter Verschaltungsmuster von Nervenzellen in seinem Gehirn als innere Repräsentanz verankert worden, das meiste bereits während der Kindheit manches davon auch schon vor der Geburt. Jede neue Wahrnehmung, also ein neuer Duft, eine neue Berührung, ein neues Geräusch oder ein neuer Sinneseindruck erzeugt im Gehirn ein entsprechendes Aktivierungsmuster, ein „Wahrnehmungsbild“.

Im Gehirn wird nun versucht, ein bereits vorhandenes Nervenzell-Verschaltungsmuster zu aktivieren (ein „Erinnerungsbild“), das irgendwie zu dem durch die neue sinnliche Wahrnehmung entstandenen Aktivierungsmuster paßt. Stimmen beide Bilder (das vorhandene Erinnerungsbild und das neue Wahrnehmungsbild) völlig überein, so wird der neue Eindruck als bekannt abgetan und entsprechend (routinemäßig) beantwortet. Kann keinerlei Überlappung zwischen dem Neuen und irgendeinem bereits vorhandenen Bild hergestellt werden, so passiert gar nichts.

Das neue Wahrnehmungsbild wird gewissermaßen als ein nicht zu den bisherigen Erfahrungen passendes Trugbild verworfen. Interessant wird es immer dann, wenn das aus dem Gedächtnis abgerufene Erinnerungsbild zumindest teilweise zu dem neuen Wahrnehmungsbild paßt. Dann wird das alte Muster so lange geöffnet, erweitert und umgestaltet, bis das durch die neue Wahrnehmung entstandene Aktivierungsmuster in das nun modifizierte Erinnerungsbild integriert werden kann. Das wird dann als erweitetes inneres Muster festgehalten und für künftige Wahrnehmungen zum Abgleich erneut abgerufen.

Dieses Muster bestimmt nun auch seine künftigen Erwartungen. Ein Mensch nimmt also nie alles wahr, was ihm angeboten wird, sondern nur das, was irgendwie zu seinen Vorstellungen und Erwartungen (also zu seinen bisher gemachten Erfahrungen) paßt.

Zug um Zug werden auf diese Weise die komplizierten Nervenzellverschaltungen in den verschiedenen Regionen aufgebaut. Die von den Sinnesorganen ankommenden Erregungsmuster werden dabei benutzt um immer stabilere und zunehmend komplexer werdende „innere Bilder“ in Form bestimmter Verschaltungsmuster in den verschiedenen Hirnregionen zu verankern. Das gilt nicht nur für das Sehen und die Verankerung innerer „Sehbilder“, sondern ebenso für das Tasten und die Herausbildung innerer „Tast- und Körperbilder“, für das Hören und die Entstehung entsprechender „Hörbilder“ und das damit einhergehende Verstehen und Verankern von Sprache, letztlich auch für das Interesse am Zuhören.

Auf gleiche Weise entwickelt sich die Fähigkeit, aus Gerochenem innere „Geruchsbilder“ anzulegen und mit anderen Sinneswahrnehmungen und den dadurch erzeugten inneren Bildern zu verbinden. Ja sogar die von den Muskeln bei Veränderungen ihres Tonus zum Gehirn weitergeleiteten Signale werden benutzt, um innere Repräsentanzen von komplexen Bewegungsabläufen, gewissermaßen innere „Bewegungs- und Handlungsbilder“ in bestimmten Bereichen des Gehirns anzulegen und bei Bedarf abzurufen.

Die Hirnregion, in der all diese komplexen, nutzungsabhängigen neuronalen Verschaltungen letztendlich zusammenlaufen, ist eine Region, die sich beim Menschen zuletzt und am langsamsten entwickelt, und die auch bei unseren nächsten tierischen Verwandten weitaus kümmerlicher ausgebildet ist. Anatomisch heißt sie Frontal- oder Stirnlappen. Es ist diejenige Hirnregion, die in besonderer Weise daran beteiligt ist, aus anderen Bereichen des Gehirns eintreffende Erregungsmuster zu einem Gesamtbild zusammenzufügen, und auf diese Weise von „unten“, aus tieferliegenden und früher ausgereiften Hirnregionen eintreffende Erregungen und Impulse zu hemmen und zu steuern.

Ohne Frontalhirn kann man keine zukunftsorientierten Handlungskonzepte und inneren Orientierungen entwickeln, kann man nichts planen, kann man die Folgen von Handlungen nicht abschätzen, kann man sich nicht in andere Menschen hineinversetzen und deren Gefühle teilen, auch kein Verantwortungsgefühl empfinden. Unser Frontalhirn ist die Hirnregion, in der wir uns am deutlichsten von allen Tieren unterscheiden. Und es ist die Hirnregion, die in besonderer Weise durch den Prozeß strukturiert wird, den wir Erziehung und Sozialisation nennen.

Im Verlauf dieses Prozesses lernt jeder Mensch, zunächst als Kind und später als Erwachsener, sein Gehirn auf eine bestimmte kulturspezifische Weise zu benutzen. Dabei wird jeder Mensch innerhalb seiner jeweiligen Lebensgemeinschaft dazu angehalten, ermutigt und bisweilen auch gezwungen, bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten stärker zu entwickeln als andere, auf bestimmte Dinge stärker zu achten als auf andere, bestimmte Gefühle eher zuzulassen als andere, also sein Gehirn allmählich so zu benutzen, wie es in der betroffenen Gemeinschaft üblich ist und für nützlich erachtet wird.

Auch wir erwerben im Verlauf dieses Prozesse all jene Fähigkeiten und Fertigkeiten, auf die es eben für das Leben in unserem Kulturkreis ganz besonders ankommt. Und indem sie das tun, werden auch die dabei immer wieder aktivierten neuronalen Verschaltungen stärker und intensiver benutzt, ausgebaut und entwickelt. Unser Gehirn ist also ein durch Sozialisation und Enkulturation strukturiertes Konstrukt.

Wie die Lust am Denken und Gestalten vergeht

Für die Ausbildung all dieser zutiefst menschlichen Fähigkeiten ist also kein genetisches Programm verantwortlich, sondern sie sind, so gut wie sie nun einmal bei jedem einzelnen Menschen geworden sind, das Ergebnis eines hochkomplizierten und deshalb enormen störanfälligen Strukturierungsprozesses.

Dieser Prozess beginnt bereits vor der Geburt und setzt sich auf der Grundlage der während der frühen Kindheit erfolgten Weichenstellungen über den gesamten weiteren Erziehungs- und Sozialisierungsprozess fort. Wenn dann irgendwann ein bestimmtes Nutzungsmuster in diesem frontalen Kortex ausgeformt worden ist, das es dem Träger dieses Gehirns gestattet, sich einigermaßen in der ihn umgebenden Welt zurechtzufinden und sein inneres emotionales Gleichgewicht trotz weiterer Störungen und Bedrohungen aus der äußeren Welt aufrechtzuerhalten, so ist die Strukturierung des Frontalhirns im wesentlichen abgeschlossen und der Träger dieses Gehirns ist – wenn nicht doch noch einmal etwas Entscheidendes, Erschütterndes und all seine bisher entwickelten Strategien Infragestellendes passiert – am Ende seiner (Hirn-)Entwicklung angekommen.

Wer diesen Zustand erreicht hat, hat aufgehört ein Suchender zu sein. Immer dann, wenn es ein Mensch geschafft hat, bestimmte, ihn seinem Hirn angelegte Nervenzellverschaltungen durch immer gleiche, zwar erfolgreiche, aber recht einseitige Nutzung so effektiv zu stabilisieren und zu bahnen, dass er in jeder Situation weiß, was er zu tun, wie er zu reagieren hat, wenn er meint alles im Griff zu haben, weil er sich eine Welt geschaffen hat, in der nichts Unvorhergesehenes mehr geschehen kann, weil er alles kontrolliert und beherrscht, so hat dieser Mensch seine Offenheit verloren.

Er ist gezwungen und ständig damit beschäftigt, die Welt nach seinen einmal entwickelten Maßstäben in Gut und Böse, in Richtig und Falsch, in Schwarz und Weis einzuteilen. Er kann die ihn umgebende Welt nicht mehr in ihrer ganzen Vielfalt, sondern nur noch nach den von ihm gesetzten Maßstäben wahrnehmen, bis er am Ende auch all das verloren hat, was er als Künstler braucht: Seine Sensibilität, seine Neugier, seine Spontaneität und seine Kreativität.

Die Frage, was einen Menschen dazu bringt, diesen Weg einzuschlagen und sein Gehirn so einseitig zu benutzen und damit auch so einfach zu strukturieren, dass es dann nur noch für so wenig zu gebrauchen ist, läßt sich leicht beantworten: Es ist die Angst.

Angst entsteht als Gefühl immer dann, wenn das innere Gleichgewicht eines Menschen bedroht wird, und diese Angst zwingt jeden Menschen, eine Lösung zu finden, d.h. eine möglichst effektive Strategie zur Wiederherstellung seines inneren Gleichgewichtes einzusetzen. Einzelne dieser Strategien werden von manchen Menschen offenbar als so effektiv bewertet, dass sie diese einmal gefundenen Lösungen immer wieder benutzen. Auf diese Weise werden die dabei aktivierten Nervenzellverschaltungen auf Kosten anderer, seltener benutzter und aktivierter Verschaltungen immer effektiver ausgeformt und gebahnt.

Schon als Kinder, aber auch noch später als Erwachsene, müssen wir versuchen, jede neue Wahrnehmung und jede neue Erfahrung an etwas anzuknüpfen, was bereits da ist, was wir schon wissen und können, was uns also bereits irgendwie vertraut ist. Und wie bei Kindern ist auch die Bereitschaft von Erwachsenen, sich auf etwas Neues einzulassen, etwas Neues anzuprobieren um so größer, je sicherer sie sind und je größer das Vertrauen ist, mit dem sie sich in die Welt hineinwagen.

Jede Art von Verunsicherung, von Angst und Druck erzeugt in ihrem Gehirn eine sich ausbreitende Unruhe und Erregung. Unter diesen Bedingungen können die dort über die Sinneskanäle eintreffenden Wahrnehmungsmuster nicht mit dem bereits abgespeicherten Erinnerungen abgeglichen werden. Es kann so nichts Neues hinzugelernt und im Gehirn verankert werden. Oft wird die Erregung und damit einhergehende Durcheinander im Kopf sogar so groß, dass auch bereits Erlerntes nicht mehr erinnert und genutzt werden kann.

Das einzige was dann noch funktioniert, sind ältere, sehr früh entwickelte und sehr fest eingefahrene Denk- und Verhaltensmuster. Der betreffende Mensch fällt dann zurück in solche Verhaltensweisen, die immer dann aktiviert werden, wenn es anders nicht mehr weiter geht: Angriff (Schreien, Schlagen), Verteidigung (nichts mehr hören, sehen, wahrnehmen wollen, Stur bleiben, Verbündete suchen) oder Rückzug (Unterwerfung, Verkriechen, Kontaktabbruch). Er verliert so seine Offenheit, seine Neugier und sein Vertrauen – und damit die Fähigkeit, sich auf Neues einzulassen. Dieser Zustand ist schwer auszuhalten. Wir fühlen und dann ohnmächtig und beschämt und reagieren mit Wut, Zorn oder gar mit Resignation auf die erlebte Enttäuschung.

Je weniger ein Mensch im Laufe seines Lebens Gelegenheit findet, vielfältige Strategien der Angstbewältigung kennen zu lernen und zu erproben, um so stärker läuft er Gefahr, einzelne, einmal gefundene oder von Anderen übernommene Strategien für bedeutsamer, wichtiger und effizienter zu halten, als sie das tatsächlich, also auf lange Sicht, sind. Allzu leicht kommt es unter diesen Bedingungen zu einseitigen und vorschnellen Bahnungs- und Kanalisierungsprozessen, der dabei immer wieder aktivierten neuronalen Verschaltungsmuster, die später um so schwerer wieder auflösbar sind, je früher sie entstanden sind und je häufiger die diesen Bewältigungsstrategien zugrundeliegenden neuronalen Verschaltungsmuster benutzt und dabei aktiviert werden.

Je weniger gut eine Gesellschaft in der Lage ist, ihren Kindern ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu bieten, desto bereitwilliger werden von diesen Kindern all jene Strategien übernommen, die ihnen von den erwachsenen Mitgliedern der Gesellschaft als scheinbar besonders geeignete Möglichkeiten zur Angstbewältigung angeboten werden: Das Streben nach Macht und Einfluß, nach Reichtum und Status, der Einsatz von Gewalt und Unterdrückung, das Bemühen um Ablenkung und Aufregung, die Einnahme von Drogen und Beruhigungspillen.

Wenn in einer Gesellschaft immer mehr Menschen heranwachsen, deren Denken, Fühlen und Handeln von dem Bemühen geleitet wird, sich mit Hilfe derartig einfacher und kurzfristig wirksamer Strategien vor Störungen ihres inneren Gleichgewichtes zu schützen, geraten andere, komplexere Strategien der Angstbewältigung zunehmend in Vergessenheit.

An Stelle der komplizierten gemeinsamen Suche nach für alle tragfähigen Lösungen tritt das einfache Streben nach individueller Bedürfnisbefriedigung in den Vordergrund. Subtile Haltungen, wie Achtsamkeit und Behutsamkeit, die nur durch die Aktivierung hochkomplexer neuronaler Verschaltungsmuster entstehen können, werden dann durch kurzfristige Zielorientierungen und entsprechende Rücksichtslosigkeit ersetzt.

Das Gehirn solcher Menschen wird auf diese Weise – nutzungsbedingt – auch entsprechend einfacher strukturiert. Die Fähigkeit, komplexe Wahrnehmungen miteinander zu verbinden und zu subtilen inneren Bildern der äußeren Welt zusammenzufügen, geht solchen Menschen ebenso verloren, wie die Fähigkeit solche Bilder in der Gestalt von Kunstwerken zu erkennen oder gar selbst hervorzubringen.

Vielleicht wird es deshalb in Zukunft immer weniger Künstler, dafür aber um so mehr Darsteller und Vermarkter ihrer ebenso speziellen wie fragwürdigen Kunstfertigkeiten geben. Möglicherweise wird auch der Anteil derjenigen Menschen noch weiter zunehmen, die Kunstwerke nur noch als Statussymbol und Kapitalanlagen betrachten.

Unsere kulturelle Entwicklung und die Entwicklung unseres Frontalhirns sind offenbar weitaus enger miteinander verbunden und in viel stärkerem Maß voneinander abhängig, als wir das bisher für möglich gehalten haben. Auch wenn diese von den kultur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen schon lange gehegte Vermutung in den letzten Jahren durch eine ständig wachsende Zahl naturwissenschaftlicher Befunde aus dem Bereich der Hirnforschung, der Entwicklungsneurobiologie, der Bindungsforschung und der Entwicklungspsychologie gestützt wird, so ist dennoch davon auszugehen, dass es noch einige Zeit dauern wird, und dass noch erhebliche Widerstände zu überwinden sein werden, bis sich diese Erkenntnis innerhalb der Gesellschaft ausbreitet.

Nichts fürchten wir Menschen so sehr wie das, was diese Erkenntnis uns abverlangt: Verantwortung zu übernehmen für unser Handeln, für die von uns gestaltete Welt und für all das in dieser Welt, was Kinder gegenwärtig noch daran hindert, ihr Hirn so zu benutzen, dass es nicht zu einer Kümmerversion dessen wird, was daraus hätte werden können. Denn zum Zeitpunkt seiner Geburt ist jeder Mensch noch ein Künstler.

Wie sich die Lust am Entdecken und Gestalten wiedererwecken läßt

Das Gehirn ist eine Baustelle. Zeitlebens kann man neue Erfahrungen machen und in den oberen Stockwerken Erweiterungen vornehmen. Je fester und breiter das Fundament angelegt ist, desto größer und stabiler kann das Bauwerk werden. Je dürftiger und je wackliger das Fundament geworden ist, desto größer wird die Gefahr, daß das darauf gebaute Haus entweder sehr schief oder sehr wacklig wird. Viele Stockwerke lassen sich auf solch schwachen Fundamenten auch nicht errichten.

Dieses Bild hätten viele Menschen auch ohne die neueren Erkenntnisse der Hirnforscher genutzt, um zu beschreiben, wie Kreativität entsteht, wie sie gefördert werden kann und wodurch sie eingeschränkt wird. Und auch die Erweiterung dieses Bild um die soziale Dimension und die genaue Kenntnis der soziokulturellen Strukturierung des menschlichen Gehirns ist gut mit dem Bild der Baustelle beschreibbar: wenn alle Menschen eines bestimmten Kulturkreises traditionsgemäß ihre Häuser auf eine bestimmte Weise erbauen, gleichen sich eben auch die Fundamente, die Höhe und die Stabilität der Häuser in dieser Region weitgehend.

Ausgehend von diesem Bild läßt sich nun auch recht gut beschreiben, unter welchen Voraussetzungen Menschen in der Lage wären, ihr Gehirn auf eine andere Weise zu benutzen, wie es ihnen also gelingen kann, ihre bisherigen, eingefahrenen und im Gehirn gebahnten Haltungen, Denkweisen und Überzeugungen zu verändern und nach neuen, kreativen Lösungen zur Gestaltung ihrer Lebenswelt und ihrer Beziehungen zu suchen:

1.    Traditionell gewachsene, d. h. transgenerational überlieferte Denkstrukturen und Vorstellungen haben sich nicht ohne Grund so herausgeformt, wie sie nun einmal in einer bestimmten Kulturgemeinschaft geworden sind. Sie hatten ursprünglich immer eine bestimmte, das Leben sichernde und den Zusammenhalt der Gemeinschaft festigende Funktion.

Es ist daher wichtig, nach den Gründen für die Entstehung bestimmter Denkmuster im eigenen Kopf wie auch in den Köpfen aller anderen Mitglieder der betreffenden Kulturgemeinschaft, also der Familie, der Sippe, der Kommune, der Region, des Landes etc. zu suchen, in die man hineingeboren und in der man aufgewachsen ist.

Wer sich auf dieses nicht ganz leichte, weil sehr angstbesetzte Unterfangen einlässt, wird feststellen, daß manche dieser Gründe durchaus realistisch und noch immer vorhanden sind, während andere Ursachen auf längst vergangende Ereignisse und Erfahrungen der betreffenden Gemeinschaft zurückgehen, also ihre damalige Bedeutung längst verloren haben und nur noch historisch zu verstehen sind.

Oft sind diese alten Denkmuster aber für die Bewältigung neuer Herausforderungen nicht nur recht nutzlos, sondern enorm hinderlich. Wer das zu durchschauen und zu unterscheiden lernt, befindet sich auf dem Weg der Selbsterkenntnis. Er kann das vollziehen, was die entscheidende Voraussetzung für die Wiedererweckung von Kreativität, Entdeckerlust und Neugier ist: das Loslassen von übernommenen Vorstellungen, die das eigene Denken behindern.

2.    Wer Altes loslassen und Neues Denken will, braucht Mut. So unzweckmäßig auch das Festhalten an alten, gebahnten Denkmustern sein mag, so leisten sie doch etwas sehr Bedeutsames: Sie sind vertraut und bieten – vor allem dann, wenn viele andere Menschen auch so denken und mit den selben Einstellungen und Überzeugungen herumlaufen – Sicherheit.

Sich davon zu lösen macht Angst. Deshalb müssen Menschen, die neues Denken wollen, diese Angst überwinden. Das einzige Gegenmittel gegen Verunsicherung und Angst – auch das können die Hirnforscher inzwischen mit Hilfe ihrer bildgebenden Verfahren objektiv und empirisch nachweisen – ist Vertrauen. Wer kreativ sein will, braucht also Vertrauen in sich selbst, in seine eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten, in die eigenen Erfahrungen und das eigene Wissen.

3.    Selbstvertrauen ist zwar eine notwendige, jedoch noch keine hinreichende Voraussetzung für die Aufrechterhaltung und Wiederentdeckung von Entdeckerfreude und Gestaltungslust und damit für das Auffinden kreativer und innovativer Lösungen.

Allzuleicht verschmort die individuelle Entdecker- und Gestaltungslust im eigenen Saft. Sie orientiert sich dann in erster Linie an den eigenen Interessen und rekrutiert sich primär an den eigenen Ressourcen, den eigenen Kenntnissen, den eigenen Erfahrungen, den eigenen Fähigkeiten. Wirklich kreativ werden Menschen erst dann, wenn es ihnen gelingt, ihre in ihren jeweiligen Lebenswelten individuell erworbenen Fähigkeiten, Kenntnisse, Begabungen und Vorstellungen mit denen anderer Menschen zu verschmelzen.

Dazu freilich bedarf es der Begegnung und des vertrauensvollen Austausches von Menschen mit möglichst verschiedenen soziokulturellen Erfahrungen. Damit derartige Begegnungen und ein solcher wechselseitiger Austausch zwischen sehr unterschiedlichen Menschen stattfinden kann, müßte das Band gestärkt werden, das Menschen über ihre unterschiedlichen Herkünfte, ihre unterschiedlichen Ausbildungen und ihre individuellen kulturspezifischen Eigenarten hinweg verbindet.

Dazu müßten wir genau das überwinden, was uns als Kleingruppen bisher so fatal zusammengehalten und unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmt hat: Die Angst vor allem Fremden. Deshalb ist die entscheidende Voraussetzung für die Entfaltung unseres kreativen Potentials die Überwindung der individuellen Angst durch die Stärkung von wechselseitigem Vertrauen.

Sachbücher zum Weiterlesen:

1.    G. Hüther: Biologie der Angst, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 1997.
2.    G. Hüther: Die Evolution der Liebe, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 1999.
3.    G. Hüther: Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2001.
4.    G. Hüther: Die Macht der inneren Bilder, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2004.
5.    G. Hüther, H. Bonney: Neues vom Zappelphilipp. Walter Verlag Düsseldorf, 2002.
6.    G. Hüther, I. Krens: Das Geheimnis der ersten neun Monate. Walter Verlag Düsseldorf 2005.
7.    K. Gebauer, G. Hüther: Kinder brauchen Wurzeln, Walter Verlag Düsseldorf, 2001.
8.    K. Gebauer, G. Hüther: Kinder suchen Orientierung, Walter Verlag Düsseldorf, 2002.
9.    K. Gebauer, G. Hüther: Kinder brauchen Spielräume, Walter Verlag Düsseldorf, 2003.
10.    K. Gebauer, G. Hüther: Kinder brauchen Vertrauen. Patmos Verlag Düsseldorf 2004.
11.    C. Nitsch, G. Hüther: Kinder gezielt fördern. Gräfe und Unzer, München, 2004.
12.    M. Storch, B. Cantieni, W. Tschacher und G. Hüther: Embodiment. Huber 2006
13.    W. Bergmann, G. Hüther: Computersüchtig. Kinder im Strudel der Medien. Walter 2006
14.    J. Prekop, G. Hüther: Die Schätze unserer Kinder. Kösel Verlag 2006



 
Kurzvita:

Prof. Dr. Gerald Hüther ist Neurobiologe und leitet die Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen und des Instituts für Public Health der Universität Mannheim/Heidelberg. Wissenschaftlich befaßt er sich mit dem Einfluß früher Erfahrungen auf die Hirnentwicklung, mit den Auswirkungen von Angst und Stress und der Bedeutung emotionaler Reaktionen. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und populärwissenschaftlicher Darstellungen (Sachbuchautor).

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