Fieber-Zeit

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Text von: Stefan Matysiak

Göttingen war nicht nur Filmstadt, sondern beherbergte in der Nachkriegszeit das größte deutsche Zeichentrickfilm-Studio.

Als vor bald 60 Jahren die Kopiermaschinen der Filmatelier Göttingen GmbH die Rollen eines neuen Kinostreifens auszuspucken begannen, sollte dies ein ganz besonderer Film werden.

Mit seinen 73 Minuten war „Tobias Knopp – Abenteuer eines Junggesellen“ zwar nicht übermäßig lang, für Deutschland bedeutete er jedoch eine Premiere: Das 1949/1950 gedrehte Werk war der erste abendfüllende Trickfilm Deutschlands.

Der von der Göttinger Alfa-Film-Produktion und der EOS-Film aus Bad Sachsa produzierte Streifen ist heute zwar weitestgehend vergessen. Doch mit ihm schrieb Göttingen kurz nach dem Krieg nicht nur im Bereich des Spielfilms, sondern auch im Bereich der Tricktechnik deutsche Filmgeschichte.

„Tobias Knopp“, der auf der gleichnamigen Bildergeschichte von Wilhelm Busch basierte, sprengte alle bis damals in Deutschland erreichten Dimensionen. Jedes der rund 300.000 einzelnen Filmbilder war handgemalt. Die Zeichnungen addierten sich schließlich zu zwei Kilometern Zelluloid. Mehr als 100 Zeichner waren rund ein Jahr lang intensiv beschäftigt.

Und weil das Anspitzen der Stifte zu stark von der eigentlichen Zeichenarbeit ablenkte, stellte die Produktionsfirma, so berichtete der „Spiegel“ anlässlich der Premiere, eigens „ein Fräulein ein, das nichts zu tun hatte, als Bleistifte zu spitzen“. Für die Zeichnungen verantwortlich war der EOS-Film-Eigner Gerhard Fieber.

Fieber, der schöne Künste studiert hatte, war in den 1930er Jahren in der Werbefilmabteilung des großen deutschen Filmkonzerns Ufa gelandet, wo auch mit Tricktechnik gearbeitet wurde. 1941 erteilte die Spitze der Reichsführung den Auftrag, Walt Disney Konkurrenz zu machen und einen Spielfilm zu zeichnen. Sowohl Adolf Hitler als auch sein NS-Propagandaminister Joseph Goebbels liebten Trickfilme.

Goebbels begeisterte sich in Privatvorstellungen besonders für Disneys „Schneewittchen“. Hitler bevorzugte dagegen Micky Maus. „Er freut sich sehr darüber“, schrieb Goebbels 1937 in sein Tagebuch, nachdem er dem „Führer“ zu Weihnachten zwölf Micky-Maus-Streifen geschenkt hatte, „er ist ganz glücklich über diesen Schatz.“

Auch das deutsche Volk hatte Disneys Trickfilme noch Mitte der 1930er Jahre enthusiastisch gefeiert. Doch weil der Staat nicht über ausreichend Devisen verfügte, stoppte der Nachschub. Mit dem Kriegseintritt der USA begann die NS-Führung schließlich massiv Stimmung gegen derlei amerikanische Kulturbeiträge zu machen. Der Staat müsse statt dieser Filme für eine dem deutschen Wesen angemessene Trickfilmkultur sorgen, beschloss deshalb die Reichsführung 1941. Und ordnete die Gründung der Deutschen Zeichenfilm GmbH an.

Diese Gesellschaft sollte das große und international überaus erfolgreiche US-Vorbild noch übertreffen und zugleich die Bevölkerung vom Kriegsalltag ablenken. Chefzeichner des ersten und einzigen Films, den die Deutsche Zeichenfilm GmbH 1943 auf die Leinwand bringen sollte, wurde der später für „Tobias Knopp“ verantwortliche Gerhard Fieber.

Sein Produkt, der 18-Minuten-Streifen „Armer Hansi“, war nach dem Vorbild Disneys gut gezeichnet. Der Trickfilm hatte – zumal als Vorfilm der „Feuerzangenbowle“ – sehr gute Kritiken und bekam den Deutschen Kulturfilmpreis.

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