Ein echter Bulle

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Christian Vogelbein

Wie Unternehmer Thomas Kemner sich immer wieder neu erfindet und jetzt mit einem Blockhaus seinen großen Traum verwirklicht.

Vogelgezwitscher mitten im Winter. Das Zirpen und Quietschen bei Temperaturen um null Grad kommt vom Band, Lautsprecher beschallen den Vorplatz des riesigen Blockhauses mitten an der Kasseler Landstraße. Exotische Jungbäume säumen den Weg. Ein Hauch von Nordamerika mitten im Göttinger Industriegebiet – zwischen Hähnchenbräter und Cocktailbar. Das Timberjacks BBQ-Restaurant, das im November seine Türen öffnete, versucht den Spagat zwischen Nische und bezahlbarer Grundversorgung. Es prahlt mit seiner Andersartigkeit: Aus der Zeit gefallen, aus dem Land gefallen. Wie aus einem anderen Universum verspricht es hinter seinen Türen eine ganz andere Welt.

„Es geht hier nicht um mich“, sagt der Boss, Thomas Kemner.

Nicht um ihn, seine Persönlichkeit oder seine Geschichte. Wer ins Restaurant hineinblickt, kann dennoch viel über den Kopf hinter dem Projekt erfahren. Darüber, dass er über viele Jahre Nordamerika kennen und lieben lernte. Dass er gutes Essen schätzt und es Blödsinn sei, Kunden mit Konservierungsmitteln und zu viel Zucker zu blenden.

„Timberjacks ist echt und ohne Filter“, erklärt der Geschäftsführer.

Mitten im Raum steht ein falscher Plastik- Bulle, eine echte Bullriding-Maschine. Der 46-Jährige besitzt eine moderne Form von Selbstbewusstsein. Nicht laut, aber bestimmt. Etwas schlaksig, aber entschlossen und überzeugt vom eigenen Weg. Und der war bisher ziemlich erfolgreich. 2010 hat er das Vapiano in Göttingen groß gemacht, verkauft seit mehr als 20 Jahren Importware und Ami-Klamotten im großen Stil. Studiert hat er eigentlich Forstwirtschaft, es zog ihn raus in die Natur und zum Holz. Das Timberjacks ist nun ein Manifest all seiner Eindrücke, seiner Ideen und Ideale. Zwei Jahre reifte der Plan wie ein edler Tropfen in seinen Gedanken. Und dann wieder dieser Satz:

„Aber darum geht es nicht.“

©Alciro Theodoro da Silva

©Alciro Theodoro da Silva

Am Eingang stehen alte Schränke voller Gläser und Merchandise. Überall findet sich das Logo von Kemners Modemarke. Fußball läuft auf der beeindruckend großen LED-Leinwand über der Theke nicht. Dafür aber Imagefilme, Eigenwerbung.

„Trotzdem“, und da wird Kemner deutlich, „ist das Restaurant ein Projekt für sich und nicht bloß ein Marketinginstrument.“

Das Timberjacks ist pure Subjektivität. Big in America bedeutet auch Big in Göttingen. Das Baumstamm-Haus ist riesig. Die Stühle sind mit Jeansstoff überzogen, das Essen kommt in kleinen Holzschalen. Durch ein Fenster an der Decke fallen winterliche Sonnenstrahlen auf eine kleine Fläche der meterhohen, grün bepflanzten Wand.

„Schlau, oder?“, fragt Kemner.

Dabei ist es reiner Zufall. Das riesige Grün ist ein Hingucker in der sonst von gedeckten Tönen dominierten Inneneinrichtung. Durch ein großes ,Schaufenster‘ lassen sich Rinderhälften vor dem Kauf und Verzehr anschauen, das Kaminfeuer lodert auf voller Stufe, der Abzug mitten im Raum wirkt gigantisch. Die Speisekarte kennt nur Rindfleisch und Geflügel, die Kuchen werden in der Küche selbstgemacht, und bei den acht Biersorten sind nur zwei – wie Kemner sagt – „klassische Fernsehbiere“ dabei. Das Timberjacks setzt auf Szene. Kemner spricht von einem Risiko – die Investition, die Idee und der Wunsch, der Kunde möge sich darauf einlassen. Zweifeln will er nicht.

Was noch fehlt? Events. Live-Musik, Tanz, Action. Vielleicht eine Carshow? Klar, eine Bullriding-Maschine sei schon etwas Besonderes. Aber der Platz soll auch für all die anderen Dinge genutzt werden, die dem Chef noch einfallen. Thomas Kemner will seine Gäste mitnehmen, dahin, wo er schon gewesen ist. Sie sollen es schmecken und sehen, das, was er liebt. Dass das in Göttingen funktioniert, davon ist er überzeugt. Das Haus soll Strahlkraft besitzen, und deshalb steht es auch dort, wo es steht, und nicht etwa in der Innenstadt. Dass sich der eine oder andere von der Autobahn ins Timberjacks verirrt, gehört zum Tagesgeschäft. Auch Kemner selbst nimmt sich lieber ein bisschen raus – aus Göttingen und den neugierigen Blicken auf ihn. Er ist Unternehmer, Genießer und Lebemann. Ob sein neuestes Projekt gelingt, sieht er in den kommenden Monaten.

„Darauf kommt es an.“