Die treibende Kraft

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sven Grünewald

Die Liebe zum Reisen auf zwei Rädern durch die Welt begleitet Udo Erath sein Leben lang. Mit dieser Erfahrung macht der Mahr-Geschäftsführer das Göttinger Familienunternehmen seit einem Jahr fit für die Globalisierung. Für faktor öffnet der ,Schrauber‘ exklusiv seine Türen zu Haus und Werkstatt im Odenwald und zeigt, was ihn persönlich bewegt.

Wer die Doppelgarage aus gelben Klinkern in Mühltal bei Darmstadt betritt, fühlt sich sofort in eine Werkstatt versetzt. Sechs Motorräder – der Familienfuhrpark auf zwei Rädern – sind hier geparkt. Bis auf die Herkules von 1979 sind alle BMWs. Mountainbikes lehnen an den Wänden, Reifen stapeln sich, zwei Beiwagen, Kisten, eine Werkbank. Davor sitzt Udo Erath auf einem umgedrehten Eimer und beschäftigt sich mit einer schwarzen BMW R51/3, Baujahr 1953. Die Räder sind ausgebaut, die Vordergabel ist ebenfalls auf einem Eimer aufgebockt, das Lichtglas fehlt, Kabel hängen aus der Fassung heraus. Das Motorrad ist Eraths aktuelles Restaurationsprojekt, momentan arbeitet er an der Elektrik der Lichtanlage.

Erath ist vor gut einem Jahr als dritter Mann in die Geschäftsführung des Göttinger Messtechnikherstellers Mahr gewechselt. Dort verantwortet er die Bereiche Produktion und Supply-­Chain-­Management, Forschung und Entwicklung sowie das Qualitätsmanagement. Seine Aufgabe: das mittelständische Familienunternehmen fit für den globalen Markt zu machen. Die Aufgabe ist wie maßgeschneidert für den Ingenieur, der sein Handwerk noch von der Pike auf gelernt hat.

„Ich bin als Sohn des Dorfschlossers aufgewachsen“, erzählt der einst auf der Schwäbischen Alb geborene Geschäftsführer. „Mein Vater hatte eine kleine Werkstatt, das war mein Spielplatz als Kind. Er hat sehr präzise Teile gebaut, wobei Messgeräte von Feinprüf, heute Mahr, zum Einsatz kamen.“ Später begann der Sohn selbst eine Lehre zum Maschinenschlosser – im Anschluss wurde ihm nahegelegt, ein Ingenieurstudium aufzunehmen. „Das war schon als Kind mein Traum, auch wenn ich damals nicht wusste, was das ist. Aber ich war vom Beruf meines Vaters fasziniert.“ Erath lernte sich durch die Bildungsinstanzen hoch, machte seine mittlere Reife nach, dann das Fachabi und studierte anschließend Elektrotechnik.

Eine Sache, die ihm dabei wichtig war: Reisen. So tourte er zwei Monate mit einem VW-­Bus durch Schottland und Irland, spielte währenddessen Gitarre auf der Straße oder im Pub, um sich Geld oder ein Guinness zu verdienen. Auch die USA standen auf dem Programm, nach dem Studium war es so weit. Mit einem alten Freund aus Schul­- und Studienzeiten ging es – wieder in einem VW-­Bus – für sechs Monate durch die Staaten.

„Während der Reise haben wir in Alaska zwei BMW-­Motorradfahrer getroffen, und bei einem Glas Bier haben wir uns dann gesagt: Einmal im Leben müssen wir mit solchen Maschinen von Alaska nach Feuerland fahren.“ Das war 1992. Sieben Jahre später war dann der große Moment für die beiden Freunde gekommen. Es passte alles. Sowohl Erath als auch sein Freund hatten nach dem Studium angefangen, bei Kuka Roboter zu arbeiten. „Dann war mein Projekt in den USA und seins in Schweden beendet. Da haben wir gesagt: Jetzt machen wir eine Auszeit und verwirklichen uns diesen Traum.“ Das Ziel: die Panamericana, das große Highway­-System, das einmal von Nord nach Süd durch beide Amerikas führt – mit einer kurzen Unterbrechung zwischen Panama und Kolumbien. Dieses Teilstück fehlt bis heute.

Sie kauften sich fast identische Motorräder, „weil man aus zwei immer noch eines machen kann, sodass wir auch nach Hause kommen, wenn alles schief läuft“. Die Maschinen wurden noch etwas modifiziert, und dann stiegen die Abenteurer in den Flieger nach Toronto.

Von Toronto ging es über Detroit nach St. Louis und Kansas City. „Da habe ich dann meine Frau – eine Amerikanerin – kennengelernt. Beim BMW­ Händler“, erzählt Erath. Sie hat die beiden dann per Motorrad begleitet und später mit ihnen eine Querfeldeintour durch die Rocky Mountains gemacht, wo ihre Familie eine Hütte hatte.

„Dann sind wir Richtung Norden durch Kanada nach Alaska, mit einem Abstecher nach Inuvik zu den Inuit hoch.“ Sie wohnten dort ein paar Tage, aßen gemeinsam mit den Einheimischen – und begannen dann ihre lange Tour nach Süden. Von Alaska die Küste runter, durch Nationalparks und wieder zurück an die Küste, bis es über die Grenze nach Mexiko ging, wo sie eine zweiwöchige Pause einlegten – für einen Spanisch-­Crashkurs. Der habe gereicht, so Erath, um nach dem Weg fragen, einkaufen oder Angelegenheiten mit dem Zoll klären zu können.

Es ging weiter, über den Panama­-Kanal – „ein faszinierendes Erlebnis“ – und dann per Flugzeug nach Kolumbien. „Wir sind in Zentral­ und Südamerika immer mit offenen Armen willkommen geheißen worden“, beschreibt der heute 49­-Jährige seine Erfahrungen, auch wenn sie einmal auf Rebellen mit vorgehaltenen Maschinenpistolen trafen, die sie aber ohne Komplikationen durchwinkten. Nach einem Abstecher nach Venezuela ging es an der Westküste Südamerikas entlang südwärts, Weihnachten wurde in Quito, Ecuador, gefeiert. Atacama­-Wüste, Santiago de Chile und weiter durch das Valle Central, wohin italienische Siedler ihre Kultur mitgebracht hatten. „Es sieht dort aus wie in Italien. Mit Tomatenständen an der Straße und viel Weinbau.“ Weiter südlich lebten wiederum viele deutsche Immigranten. „Dort sieht es aus wie im Allgäu – mit Fachwerkhäusern, und an der Bäckerei steht das Wort ,Kuchen‘.“

Von Chile fuhren sie nach Argentinien und dort die Atlantikküste südwärts, bis sie nach Feuerland übersetzten und am Ende der Welt anlangten. Die Bilanz: achteinhalb Monate Reisezeit, 67.000 zurückgelegte Kilometer, zwei Rahmenbrüche durch die Belastung von 17.000 Kilometern unbefestigter Straße, die aber von Dorfschmieden wieder zusammengeschweißt werden konnten. Und Eraths spätere Frau war mit ihrem ersten Kind schwanger.

„Die Reise hatte viele besondere Momente“, erzählt der Mahr-­Geschäftsführer. „Wenn man von Kolumbien aus die Anden hochfährt, durch die Wolken decke stößt und auf der anderen Seite Richtung Orinoco die Wolken dahinziehen sieht, da bleibt einem das Herz stehen.“ Besonders beeindruckt hätten ihn jedoch die Menschen mit ihrer Mentalität. „Die machen viel mit dem Herz.“ Der Wert von Eraths Motorrad sei etwa genauso groß wie das Lebenseinkommen eines Bauern in Ecuador. Und trotzdem seien sie immer eingeladen worden, um ihre Geschichte zu erzählen. Die Gastfreundlichkeit sei beeindruckend gewesen, sagt er. „Das hat mich als Mensch auch sehr verändert“, betont Erath. Dass die Menschen dort ungeachtet materieller Werte sich Herzlichkeit und Fröhlichkeit bewahrt haben und große Familien, viele Kinder, Hunde und Katzen um sich versammeln. „Bei uns sind die Leute x-­mal so reich, aber ständig miesepetrig.“ Was er für sich mitgenommen habe, sei, sich am Leben zu erfreuen oder einen gemütlichen Kaffee wertzuschätzen. „Lebensfreude, die habe ich aus Südamerika mitgebracht.“ Es sei auch eine wertvolle Lektion für den aktuellen Umgang mit den Flüchtlingen in Deutschland. Die meisten Menschen seien froh, wenn man ihnen nichts tut. Daher sollte es mehr Offenheit geben, meint Erath, auch wenn er sich dessen bewusst ist, dass es nicht einfach ist, auch kulturell, solche Flüchtlingsströme zu integrieren. „Aber man muss sich bewusst machen, aus welcher Not sie kommen. Meine Großmutter war auch Flüchtling aus den Ost gebieten.“

All diese internationalen Erfahrungen haben nicht nur Eraths Persönlichkeit geprägt – sie sind auch ein wichtiger Schlüssel für seinen neuen Job, den er seit gut einem Jahr in der Geschäftsführung von Mahr innehat, denn er soll die Internationalisierung des Unternehmens voranbringen. Aufgaben, die er auch schon für Kuka Roboter übernommen hatte. Nach einem kurzen Abstecher zu einer ,Heuschrecke‘ – Firmen kaufen, flott machen, verkaufen – wechselte er wieder als CEO in den Anlagen­ und Maschinenbau zurück. Dort stieß er auf die Anzeige von Mahr – freilich ohne zu wissen, um welches Unternehmen es ging, denn skizziert war nur die Aufgabe. „Mich hat sehr angesprochen, eine globale deutsche Firma in eine international agierende Corporation zu überführen. Auf der technologischen Seite war es die Kombination aus Highend­-Hightech und Standardtechnik.“

Dann ging alles sehr schnell, bei Mahr sind die Entscheidungswege kurz. Jetzt ist Udo Erath ganz in seinem Element, 30 bis 40 Prozent seiner Arbeitszeit ist er unterwegs. Das war immer ein Teil seines Lebens, sagt er, er könne sich nur schwer an einen reinen Bürojob gewöhnen. Seine Aufgabe: alle Unternehmensprozesse weltweit zu harmonisieren. Vom Vertrieb über das Marketing zu den Kernprozessen der Entwicklung, Produktion, Supply Chain bis hin zu Finanzprozessen. „Und natürlich, die Produkte zu modernisieren, sich mit dem Produktportfolio global aufzustellen, um auch global agieren zu können.“

Damit einher geht auch eine strategische Neuausrichtung, nämlich, die Abhängigkeit von der Automobilbranche etwas zu reduzieren – von weit über 50 Prozent auf weniger als 50 Prozent. Den Verbrennungsmotor sieht Erath noch lange nicht am Ende, aber man konzentriert sich dennoch auch auf die Elektromobilität, für die er gerade in Ballungsräumen gute Chancen sieht. „Wir sind aber auch in der Optik stark unterwegs, in der wir uns innovationsführend mit neuen Messtechniken für asphärische Linsen am Markt positionieren.“ In den Bereich wurden sieben Jahre Forschung investiert, die nun zur Marktreife geführt haben. So etwas könne nur ein familiengeführter Mittelständler machen, so Erath. Mahr wächst in einem stabilen Marktumfeld, gewinnt also Marktanteile dazu. Vor allem in den USA und Asien sieht Erath noch viel Luft nach oben. Dort wurde stark investiert, um diese Märkte auszubauen. Das Wachstum werde stark organisch verlaufen, auch wenn man sich natürlich regelmäßig umschaut, ob es lohnenswerte Übernahmen gibt. „Wir haben ein sehr anspruchsvolles Wachstumsziel.“

Und auch Erath persönlich hat noch einige Ziele, zu denen stets, wie sein ganzes Leben lang, eine Maschine mit zwei Rädern gehört. „Es gab eigentlich nie eine Zeit, in der ich kein Motorrad hatte“, erzählt er rückblickend. Bereits mit 15 machte er einen Mofa­-Führerschein, um auf der ländlichen Schwäbischen Alb ein Stück Unabhängigkeit zu haben. Seine amerikanische Ehefrau brachte weitere Motorräder mit in die Familie. Auch die Kinder wurden schon früh an das Hobby herangeführt und fahren heute ebenfalls. Der Traum von einem Oldtimer und das Hobby Restauration begleiteten Erath schon lange, er schob sie jedoch immer wieder vor sich her. Dazu gekommen ist er dann eher durch Zufall. Ein Freund aus den USA besaß zwei alte Nachkriegs­-BMWs, die Erath schon lange bewundert hatte. Genau an Eraths 43. Geburtstag rief dieser Freund ihn an und meinte, dass er eine dritte Maschine im Hühnerstall entdeckt habe, ob Erath Interesse daran hätte. Er hatte und begann damit sein erstes Restaurationsprojekt in den USA, bei Kansas City, wo die Familie ihre Sommer verbringt. „Das war ein Glücksfall“, sagt Erath heute. „Ich dachte danach eigentlich, dass ich nicht noch eine Maschine kaufen würde.“ Doch wieder meldete sich der Zufall in Form eines alten Bekannten, der ihm eine BMW R25/2 von 1952 anbot – in Einzelteilen auf verschiedene Kisten verteilt, quasi ein Selbstbaumodell. Zwei Jahre hat die Vollrestauration gedauert.

Sein aktuelles Projekt, die R51/3, will Erath bis Ende des Jahres fertig haben. Ein aufwändiges Verfahren: Erst wird die Maschine in ihre geschätzt rund 1.500 Einzelteile zerlegt, jedes begutachtet und repariert oder ersetzt. „Dann wird das Puzzle Stück für Stück zusammengesetzt und geschaut, ob alles zusammen funktioniert.“ Ist das der Fall, wird die Maschine noch einmal auseinandergebaut und zum Lackieren gegeben. Und dann? „Sind die Maschinen Teil der Familie“, sagt Erath und lacht. Sie zu verkaufen, käme nicht infrage. Jedes Bike hat seine Rolle. In den USA stehen Cross­ Motorräder für das Buschland der Familienfarm seiner Ehefrau. Auf der Panamericana­Maschine macht Erath längere Fahrten rund um Darmstadt, ein Motorrad ist für Gäste, die Oldtimer nutzt er für Fahrten zu Oldtimertreffen oder zum Bäcker. Für die Stadt sei die Maschine ideal und sie knattere so schön … Und bald wird man dieses Knattern auch in Göttingen hören. Denn der Umzug mit der Familie ist bereits fest geplant.

Zur Person

Udo Erath, Jahrgang 1968, stammt aus Geislingen an der Steige auf der Schwäbischen Alb. Nach einer Lehre zum Maschinenschlosser studierte er Elektrotechnik an der Fachhochschule in Ulm. Seine berufliche Stationen waren die Heidelberger Druckmaschinen AG, Werkzeugbau Wolf, Kuka Roboter, Kobusch, ISRA und Eisenmann. Im Februar 2017 hat Erath in der Zentrale des Göttinger Unternehmens Mahr seine Tätigkeit als Geschäftsführer aufgenommen. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Noch lebt die Familie in Mühltal bei Darmstadt, der Umzug nach Göttingen ist jedoch fest geplant.

Zum Unternehmen

Die Mahr Gruppe ist ein deutscher Mittelständler für Fertigungsmesstechnik mit weltweit rund 2.000 Mitarbeitern und Produktionsstandorten in Deutschland, Tschechien, Nordamerika und China. Das Unternehmen wurde 1861 von Schlossermeister Carl Mahr in Esslingen bei Stuttgart gegründet. Eine Göttinger Tochtergesellschaft, die Feinprüf GmbH, wurde 1936 gegründet. 1994 wurde der Hauptsitz nach Göttingen verlegt. Mahr wird inzwischen in fünfter Generation familien geführt.