Die Saubermänner

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefanie Waske

Wie ,Gute Gründer‘  Wasser reinigen und dabei  Energie gewinnen.

Braunes schlammiges Wasser kann Paul Bauer faszinieren. Eklig und dreckig würden andere die dunkle Brühe in dem durchsichtigen Plastikmessbecher bezeichnen. Der Geschäftsführer der Flexbio Technologie aus Göttingen hingegen hält das Gefäß mit Stolz in die Höhe. „Natürlich sieht es nicht gut aus“, sagt er. Doch der 29-Jährige erzählt begeistert davon, was die trübe Masse namens Belebtschlamm alles kann. Vor allem, dass sie nicht dreckig ist, sondern die Flüssigkeit gerade säubert. Die Probe stammt aus der Metallcontainer-Anlage, in der er heute steht. Diese hat sein Geschäftspartner Waldemar Ganagin entwickelt: Ungefähr so groß wie eine Garage, reinigt sie Wasser und produziert dabei Biogas, das beispielsweise wieder zum Heizen im Unternehmen genutzt werden kann.

Genau diese Erfindung wurde nun mit der Urkunde ,Gute Gründer‘ ausgezeichnet – von der GWG Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung Göttingen und der WRG Wirtschaftsförderung Region Göttingen gemeinsam mit dem faktor. „Die Gründer haben ein innovatives Verfahren entwickelt. So werden 90 Prozent des im Abwasser enthaltenen Kohlenstoffs in Klärgas umgewandelt“, erklärt Jury-Mitglied und GWG-Geschäftsführerin Ursula Haufe. Aber auch das Geschäftskonzept habe sie überzeugt. Vor zwei Jahren ging Flexbio an den Markt und bietet seitdem Abwasser-, Biogas- und Wasseraufbereitungstechnik an und entwickelt Versuchsanlagen für Labore.

An diesem Tag hängt hellblauer Dunst über dem Harz. Die Anlage steht auf dem Gelände einer Biogasanlage nahe Bad Gandersheim, eingerahmt von hügeligen Korn- und Maisfeldern. Wäre sie nicht leuchtendblau, würde sie neben den großen Gasspeichern nicht auffallen. Es riecht etwas unangenehm säuerlich nach Silage aus vergorenem Mais und Viehdung, den Stoffen, die hier zu Energie werden sollen. Sie lagern wenige Meter entfernt. Eine dicke Bodenplatte und Wände aus Beton schirmen sie ab, eine Folie obenauf ebenso. Denn während die spätere Energie quelle lagert, lösen sich Stoffe. Die machen der Umwelt zu schaffen, säuern die Böden, erklärt Bauer. „Sie nehmen der Umwelt den Sauerstoff.“ Was direkt aus den Silos an Sickerwasser abfließt, bereitet ihre Anlage nicht auf. Dieses wird direkt in die Biogasanlage eingespeist. Dennoch bleibe genügend weniger belastetes Oberflächenwasser übrig.

An dieser Stelle kommt ihre Forschung und Entwicklung ins Spiel – das, was für Außenstehende unsichtbar im Container geschieht. Das Konzept hat Bauer bereits vielen Behörden und Kunden vorgetragen. Mit der Zielgruppe der Landwirte fremdele er nicht, macht der junge Unternehmer humorvoll deutlich: „Ich bin ja auch vom Namen her Bauer.“ Statt Anzug und Krawatte trägt der Geschäftsführer Jeans und Strickjacke. Er deutet auf das Wasserbecken vor der Tür. Es sieht aus wie ein Gartenteich, nur ohne Fische und Pflanzen. Dieses Oberflächenwasser wird stetig ins Innere des Containers gepumpt. Zunächst erwartet es die erste Reinigungsstufe. Diese ist mit kleinen Kunststoffkörpern gefüllt, auf denen die Mikrobiologie sitzt und aus den eingetragenen Verunreinigungen unter anaeroben Bedingungen, also unter Ausschluss von Sauerstoff, Biogas erzeugt.

Bauer zeigt einen weiteren mit Wasser gefüllten Plastikbecher und deutet auf schwarze, kaum sichtbare Partikel: Das seien die kleinen Helfer. Nach kaum einem Tag erreicht das Wasser das ,Belebtbecken‘. Aus ihm stammt die braune schlammige Probe. Bauer schmunzelt bei der Frage, was denn dort lebendig sei. „Alles ist in Bewegung“, sagt er. Die Zahl der Bakterien wachse und wachse. Dabei bauten sie schädliches Ammonium ab. Der Gründer hebt den Plastikbehälter erneut in die Höhe: Nach 20 Minuten hat sich an der Oberfläche klares Wasser gebildet, die braune Masse ist abgesunken. Der Unternehmer hält die Nase über das Gefäß. „Es riecht auch nicht mehr.“ So gereinigt, gelangt das Wasser in die letzte Stufe, in ein Sedimentationsbecken. Dies trennt das gereinigte Oberflächenwasser von den Mikroorganismen. Bauer zeigt einen weiteren Behälter mit klarer Flüssigkeit.

Die Wasserproben lädt er in sein Auto und macht sich auf den Weg nach Göttingen. Auf die Proben warten bereits Mitarbeiter der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK), um sie wie jede Woche zu analysieren. Nicht zufällig teilen sich das Fachgebiet Nachhaltige Energie- und Umwelttechnik und Flexbio im Weender Gewerbegebiet Büroräume und Labore: Das Unternehmen entstand dort 2014 aus einem gleichnamigen Forschungsprojekt der HAWK. Waldemar Ganagin hat es geleitet. Mit Unterstützung des EXIST-Stipendiums für Gründer aus Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen begann im Jahr darauf die Unternehmensentwicklung. Charme der Wissenschaft strahlt auch Flexbio aus: Der Besprechungsraum könnte kaum weniger schlicht und zweckmäßig ausfallen.

Welcher der Geschäftsführer sich mehr für Abwasser begeistert, lässt sich kaum sagen: Der 37-jährige Ganagin zögert nicht lange bei der Frage, was ihn täglich antreibe: Ihn fasziniere es, Neues zu entwickeln, mit ihrer Technik der Umwelt helfen zu können, beispielsweise in Asien oder Afrika. „Ich wollte nicht für die Schublade forschen“, erklärt er mit Nachdruck. Sieben Anlagen seien seit 2015 ausgeliefert, die achte im Bau. Das klingt wenig. „Schritt für Schritt geht es weiter“, betont der Wirtschaftsingenieur. Jedes fertige Projekt sei eine Referenz, die neue Kunden überzeugen könne. Doch von der Idee bis zum Betrieb einer Anlage vergingen oft zwei Jahre. Grund: Jedes Abwasser sei anders, jeder Kunde brauche eine andere Kapazität.

Langsames Wachstum sei auch wirtschaftlich sinnvoll: Bereits von Beginn an arbeitet Flex bio selbsttragend, erklärt Ganagin. Gerade haben sie eine neue Produktionsstätte in Gittelde bei Osterode eröffnet. Hier sollen in Zukunft ihre Container gebaut werden. Am jetzigen Standort bleibt die Forschung. „Hier ist immer noch eine Hochschule“, sagt Ganagin. Dies vertrage sich nicht mit einer Produktionsstätte, wo regelmäßig 40-Tonner die fertigen Anlagen abholen.

Der Bedarf ist da, da sind sich beide Geschäftsführer sicher. Sie erreichten Anfragen von Biogas anlagen, aus der Lebensmittelverarbeitung, von Schlachtbetrieben und von der Getränkeindustrie. Und zwar aus der ganzen Welt. Sie tüfteln an Lösungen für Abwässer von Hotels in Indien oder Schlachthöfen in Peru. Eine Versuchsanlage für Sickerwasser einer Deponie in China steht bereits. Brauer zählt auf: „Wir sind im Gespräch mit Bangladesch, den Golfstaaten, Afrika und Südamerika.“ Die Projekte dürften den guten Gründern also für die kommenden Jahre nicht ausgehen.

,Gute Gründe(r)‘
Im Juli verliehen WRG-Geschäftsführer Detlev Barth und Landrat Bernhard Reuter, gemeinsam mit Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler und GWG-Geschäftsführerin Ursula Haufe, die Urkunde ,Gute Gründe(r)‘ an Waldemar Ganagin und Paul Bauer, die beiden Geschäftsführer der Flexbio Technologie GmbH, einem UmweltTechnologie-Unternehmen mit ressourcenschonenden und nachhaltigen Lösungen für die Abwasserbehandlung und Biogas. Die Urkunde ,Gute Gründe(r)‘ wird zweimal im Jahr von der GWG und der WRG gemeinsam mit faktor an neu gegründete Unternehmen vergeben. Die Auszeichnung, so die Jury, werde besonders an neue, vielversprechende und tragfähige Geschäftsideen vergeben, die in besonderer Weise geeignet seien, „ein positives Gründungsklima in Göttingen zu fördern und Mut zu machen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen“.