Die Ironie des Gewöhnlichen

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Christian Vogelbein

ELCH-Preisträger Gerhard Glück erzählt, wie er bereits als Schüler seine Lehrer-Karikatur unter der Hand zu Geld machte und welche Aufträge er heute ablehnt.

Witze über Namen sind für die meisten guten Publizisten und Journalisten eine No­GoArea. Wenn ein Mann namens Glück einen Satirepreis gewinnt, brechen hüben und drüben aber offenbar die Dämme. Der Mann heißt Gerhard Glück (Foto), der Preis war der ELCH­Preis, und der wurde jüngst in Göttingen an den Kasseler verliehen. Dabei stecken in dem gebürtigen Frankfurter viel mehr als ein paar einfache Witze. Für faktor sprach Cartoonist Gerhard Glück über jene Leidenschaft, die seine Kunst überhaupt erst möglich macht: das Sammeln.

Gerhard Glück wohnt stilecht: Altbauvilla, noble Kasseler Gegend, großer Garten. Kein Künstlerviertel, sondern gediegen. Wer in seinem Haus die Zimmer betritt, muss durch große Türen gehen. Gleich nach der ersten – der Haustür – finden sich fünf Glasstufen an der Wand, darauf alte und neue Zinnfiguren mit unterschiedlichen Motiven, Formen und Farben. An der Garderobe werden die Figuren zu alten Autos und Spielsachen aus Blech und sind mindestens 50 Jahre alt. „Damit spielen meine Enkel“, erzählt ein höflicher Glück, hängt die Jacke auf, bittet in ,die gute Stube‘. „Kaffee?“ Klar.

Glück malt – analog, mit echter Farbe auf echtem Papier, mit Wasser und Pinsel, mit Blick und Tageslicht. Seine Bilder sind unverkennbar Gerhard Glück. Sein Stil, seine Farben, seine Perspektiven – vor allem aber sein Humor. „Satiriker würde ich mich nicht nennen“, antwortet er auf eben diese Frage. Sein Werk hat auch immer eine Botschaft, seine Bilder sind das Forum für die Nachricht. Eine Plattform. Was er ihr gibt, ist etwas sehr Persönliches. Nämlich auch immer ein Stück von sich selbst. Glück zündet sich eine Zigarette an, fragt galant. Es werden viele weitere in sehr kurzer Zeit folgen.

Er ist Jahrgang 1944, seine Kinder –  als Architekten und Werbefachleute auch irgendwie in der Kunst gelandet – haben ebenfalls Kinder. Glück ist also ein Großvater. Dabei begann es auch bei ihm mit der Kunst schon im Kindsalter. Karikaturen von seinen Lehrern hat er in sein Heft gezeichnet. „Einmal kam ein Lehrer in der Pause zu mir und wollte unbedingt die Karikatur eines Kollegen sehen“, erinnert sich Glück.
Schon damals war der Pennäler Glück ein echter Profi: Die Karikatur des Lehrers als Fotoabzug gab’s unter der Hand für kleines Geld zu kaufen. Aus der Spielerei wird schließlich ernst, als Glück sich für Aufträge bezahlen ließ.

Er illustrierte für Zeitungen und Magazine, früher für die HNA und die ZEIT. Am Telefon waren Redakteure von Cicero, bis heute von der Neuen Zürcher Zeitung und dem Satireblatt Eulenspiegel und natürlich von der Süddeutschen Zeitung. Wenn ein Verlag etwas auf sich hielt, arbeitete er mit Glück zusammen. Und Glück lieferte. Formal war es ein Auftrag und eine Dienstleistung. Manchmal, so erinnert sich Glück, aber waren es auch knallharte Verhandlungen um jeden Pinselstrich. „Manche Aufträge mussten übers Wochenende fertig sein, für andere Motive hatte ich etwas mehr Zeit.“ Heute ist der 72­Jährige entspannter und lässt den Hörer auch mal liegen.

Spötter mögen behaupten, er habe den Absprung geschafft. Viel früher schon, denn die Institution Schule – obwohl sie ihm als Kind und Jugendlichem langweilig erschien – ließ ihn nie los. Er wurde Kunstlehrer, zeichnete nebenbei für Verlage – und blieb schließlich dabei.

Fachleute beschreiben seine Arbeit heute für die sogenannte komische Kunst als essenziell und wegweisend. Er ist der Loriot unter den Malern, Künstlern und Satirikern. Er nimmt sich den naiven Spießer vor, den eingefahrenen Alltag oder den absurden Standard. Dreht ihn nach seinem Willen und verpasst diesen Dingen eine Würze, die oft erst beim zweiten Schmecken richtig loslegt.

Es ist diese messerscharfe Kombination aus gesellschaftlichem Spiegel in seiner gesamten Komplexität und der Leichtigkeit des Witzes, die Glück in diesem Jahr schließlich auch den ELCH­Preis eingebracht haben. Der Künstler wirkt bescheiden, beinahe introvertiert – aber auf gar keinen Fall verschlossen. Im Wohnzimmer stehen gläserne Schränke voller gesammelter Werke aus Glas und Porzellan. Die Wände tragen Bilder – kein einziges ist von Glück selbst. Die tatsächliche Magie entsteht im Obergeschoss.

Doch im Treppenhauswinkel sind sie dann – Ausstellungsbilder mit Motiven von des Meisters Pinsel. Zwei, vielleicht drei, aber kein einziges Original. Das Atelier ist eigentlich eine Malstube, viel kleiner als gedacht. Auf der einen Seite eine Modelleisenbahn mit Gebirge, Fachwerkhäusern und Miniaturhafen. In der Mitte trennt ein Computer den kleinen Raum – den benutzt Glück aber nur zu Recherchezwecken. Sich gegenüber stehen ein Regal mit Fachliteratur und eines mit – da ist es schon wieder – Blechspielzeug.

Und direkt am Fenster liegt sie: die kleine Malecke. Zwei Gläser mit Wasser, Farbe, ein Papierbogen, mehr nicht. Die Wände sind nikotingelb, vielleicht doch ein Lehrerzimmer?

In seiner Arbeit findet sich oft der magische Witz. Vor allem aber auch die Genauigkeit eines echten Handwerkers. Denn der Kunstlehrer Glück achtet sehr genau auf sein Handwerk, lobt es, nutzt es und pflegt es leidenschaftlich. Hat er sich vermalt, landet das Papier im Müll. „Meistens arbeite ich unter Tageslicht“, erzählt Glück. Einmal half eine Lampe aus, und alle Farben waren falsch. „Die Wirkung war hinüber.“ Das Papier wird zerrissen und das Werk neu begonnen. Das ist konsequent, wie es nur ein Meister sein kann, der zu gern sich selbst in die Rolle des Schülers zurechtweist und so neuen Anlauf nimmt.

Neu ist, dass sich Glück inzwischen für seine Arbeit viel mehr Zeit nimmt und genauer auswählt, welche Aufträge er annimmt und welche er beiseite legt. Meist geschieht dies zugunsten eigener Ideen, die in ihm schlummern und unbedingt aus ihm rauswollen. Gerhard Glück ist ein genussvoller Beobachter, ein Voyeur für den Moment, sammelt Augenblicke, filtert sie durch seinen ganz eigenen Charakter und zaubert eine eindrucksvolle, direkte Nachricht in seine Figuren und Linien auf das Papier. Der Humor beißt manchmal, ein anderes Mal schleicht er sich langsam durch die Synapsen des Betrachters, ehe er seine volle Wirkung entfaltet. Das Schelmische und Komische hat er sich dabei aus der Jugend bewahrt. Genauso wie seinen kindlich­frischen Blick und die Fähigkeit, sich von einfachen Situationen begeistern und inspirieren zu lassen.

Dafür hat Glück auch immer eine kleine Kamera dabei. Für die winzigen alltäglichen Momente, die seinen Gedanken sonst zu entwischen versuchen. Ohne zu zögern, nimmt er sie auf und verwandelt sie in seine Kunstwerke. Es ist der neugierige Blick, der eine Inspiration für Glück erst möglich macht. Seine Sammlungen aus Vergangenem und Blechspielzeug erinnert ihn immer wieder daran. Und natürlich seine Enkelkinder.