Der Wundenheiler

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Plasma-Experte Wolfgang Viöl stellt unter Beweis, wie wichtig Transferleistungen aus der Wissenschaft für das Wohl der Menschen sein können.

Ein kleiner Moment der Unachtsamkeit reicht meist schon aus, und eine schmerzhafte Wunde beschäftigt uns über Tage.

„Wo finde ich jetzt nur ein verflixtes Pflaster?“, fragt man sich, während man die Blutung mit einem Papiertaschentuch prophylaktisch – und nicht unbedingt antibakteriell – zu unterdrücken versucht.

Die nächsten Tage begleitet uns der Ärger über das inzwischen zwar gefundene und aufgeklebte, aber auf die Dauer hinderliche, feuchte und zunehmend schmutzige Pflaster sowie nach dessen Entfernung der über die dunklen, standhaften Klebereste auf der inzwischen verblichenen, schrumpeligen Haut. Nervige Erfahrungen, die sich im Leben – auch abhängig vom eigenen (Un-)Geschick oder (Un-)Glück – mehr oder weniger häufig wiederholen und auf die sich durchaus verzichten ließe. Doch zum Glück forscht der Göttinger Professor Wolfgang Viöl, um uns allen diesen Leidensdruck zu nehmen. Und nicht nur er selbst, sondern auch die Familie des Naturwissenschaftlers beteiligte sich am Projekt Wundenheilung.

„Wir forschten vor zehn Jahren an der Verbesserung von Holzstrukturen und ich fragte mich: Wie kann man dieses Wissen zum Wohle von Menschen einsetzen? Es folgten einige schmerzhafte Erfahrungen für mich und meinen Sohn, der als Proband mitwirkte“, erinnert sich der Vizepräsident der HAWK.

Doch was haben Holzstrukturen und menschliche Wundenmiteinander zu tun? Die Antwort: Beide lassen sich durch Plasmatechnologie beeinflussen. Plasma bezeichnet – neben fest, flüssig und gasförmig – den vierten Aggregatzustand. Mehr als 99 Prozent der gesamten sichtbaren Materie im Universum existiert in Plasmaform.

„Diese Technologie zu nutzen, ist in etwa so, als versuche man, Gewitterblitze zu zähmen“, erklärt Viöl diese aufregende Methode, um aber sofort zu beschwichtigen: „Auch wenn wir mit 15.000 Volt und 80.000 Grad Celsius heißen Elektronen arbeiten, so besteht doch im Anwendungsbereich keine Gefahr.“

Das ein oder andere Zwicken verspürten Viöl und sein Sohn bei den vielen Testreihen dennoch. Ein Jahr dauerte es, bis Schmerzfreiheit erreicht war. Das Ergebnis ist das PlasmaDerm Handgerät, mit dem auf Basis der Plasmatechnologie Wunden und Krankheitserscheinungen schneller geheilt oder Beschwerden gelindert werden können. Sowohl Diabetespatienten sowie Neurodermitis- und Schuppenflechtengeplagte freuen sich über den unkomplizierten Einsatz des neuen Gerätes. Nur 90 Sekunden dauert die schmerzfreie, lediglich etwas Kribbeln verursachende Behandlung. Neben der direkt spürbaren Verminderung der Beschwerden und der Beseitigung aller heilungshemmenden Keime verfügt das Gerät noch über eine weitere tolle Fähigkeit, wie Viöl berichtet:

„Wir können multiresistente Keime töten.“

Heute ist es kaum zu glauben, dass für dieses Projekt anfangs die Türen bei potenziellen Partnern in der Medizin verschlossen blieben. Man fragte Viöl, ob er sich für einen Wunderheiler halte. Nach den großen Fortschritten der letzten Jahre dürfte sich der eine oder andere Skeptiker inzwischen in den Allerwertesten beißen. Nicht nur der Einsatz des PlasmaDerm in vielen Praxen beweist, dass sich Viöl mit seiner innovativen Idee keineswegs auf dem Holzweg befand. Auch der Sieg beim bundesweiten Wettbewerb ,Starke Fachhochschulen – Impuls für die Region‘ mit 80 Teilnehmern unterstreicht die Bedeutung der Entwicklung. Mit der Auszeichnung sind Fördergelder in Höhe von 6,5 Millionen Euro verbunden, die die HAWK für die nächsten vier Jahre ihrer Forschungsarbeit erhält. Eine herausragende Bestätigung für die Arbeit des Entwicklungsteams.

„Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt damit unsere Forschungs- und Innovationspartnerschaft. Mit dieser Sicherheit können wir 20 neue Mitarbeiter in die Forschung integrieren und ein neues Gebäude auf den Zietenterrassen errichten“, sagt Viöl und blickt optimistisch in die Zukunft seines Projekts.

Zur Person
Wolfgang Viöl ist Vizepräsident der HAWK (Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst) im Bereich Forschung und Transfer sowie Leiter des Fraunhofer Anwendungszentrums für Plasma und Photonik (APP) auf den Göttinger Zietenterrassen. Das APP ist eine Kooperation des Braunschweiger Fraunhofer­Instituts für Schicht­ und Oberflächentechnik IST und der HAWK­-Fakultät Naturwissenschaften und Technik am Standort Göttingen.

Hier geht’s zum Interview mit Wolfgang Viöl und Gerd Litfin vom Plasma-Forschungsprojekt aus der faktor-Ausgabe vom Winter 2016: Schmerz lass nach