Der Nobelpreisjäger

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Christian Vogelbein

Fotograf Peter Badge über seine Begegnungen mit Menschen, die ihn und die Welt bewegten.

Die Ledermütze sitzt tief, der Mantelkragen ist hochgeklappt. Es ist eisig kalt in Göttingen, und Peter Badge, groß und schlank, macht sich absichtlich klein und flüstert beinahe, wenn er von seiner alten Heimat spricht. Von den Dingen, die sich in den vergangenen 20 Jahren hier verändert haben. So lange, meint er, sei er jetzt schon nicht mehr hier gewesen. Seitdem: New York, Tokio, Kapstadt.

Immer dabei: seine Kamera. Analog, natürlich. Und davor: Nobelpreisträger, mittlerweile mehr als 400 Gesichter. Im Frühjahr 2017 veröffentlicht der Fotograf zusammen mit dem Verleger Gerhard Steidl aus Göttingen jedes einzelne von ihnen in einem neuen Buch. Augen, Nasen und Münder, die die Welt verändert haben. Mit einigen von ihnen hat Badge mehr Zeit verbracht als bloß ein paar Foto-,Klicks‘.

Badge redet leise und überlegt, aber was er spricht, sprudelt bunt und hell.Es geht um Begegnungen zu besonderen Menschen, die Beeindruckendes geschaffen haben – und das selbst oft gar nicht wissen. Kennen Sie John Nash? Genau. Aus ,A Beautiful Mind‘, verkörpert von Russell Crowe, ausgezeichnet mit dem Oscar für den besten Film. Eine Biografie. Der wahre John Nash litt, trotz oder wegen seines Genies, an psychischen Störungen. Oft wurde ihm nachgesagt, verschroben zu sein. Für Peter Badge wurde Nash wie ein Vater, ein Mentor.

Und es begann alles mit ein paar Fotos. Badge erzählt von launigen Momenten. Stundenlanges Aussuchen der richtigen Mahlzeit im Restaurant und ewige Diskussionen über einfache Zusammenhänge.

Nash ist einer dieser wundervollen Geister, die Badge in einer Weise porträtiert, die nicht mehr loslässt. Bei denen ein zweidimensionales Bild schnell noch vier bis 18 neue Dimensionen erhält. Es zeigt einen Mann, versunken und verloren in seinen Gedanken. Am Ende aber immer ein Genie. John Nash hat nicht wirklich den Nobelpreis gewonnen. Der ,Nobelpreis für Wirtschaft‘ ist eigentlich ein Preis im Gedenken an Alfred Nobel, gestiftet von Banken und Unternehmen. Die Verleihung findet aber zusammen statt. Die Auszeichnung ist ebenso wichtig wie der ,echte‘ und eint sie alle zu echten Berühmtheiten.

Die meisten von ihnen seien jedoch introvertiert, blieben lieber im Hintergrund, so der Mann hinter der Linse. Er hat sie alle getroffen. Das Ergebnis: Freundschaften fürs Leben und Fotos für die Ewigkeit.

Es überrascht fast, dass ein Mann mit solch einer Vita wie Peter Badge, der 1974 in Hamburg geboren wurde und irgendwann nach Göttingen kam, so nach innen gekehrt wirkt. Badge gibt seinen Gedanken Zeit und sieht keine Not für ausgesprochene Ausrufezeichen. Das gibt dem Zuhörer Zeit zu verstehen. Wenn manchmal das R noch hamburgisch rollt und die Antworten jeder windigen Frage widerstehen – wie einst Helmut Schmidt im Fallwind der Alster.

In Göttingen beginnt die Fotokarriere von Peter Badge, als Fotograf für Zeitungen. Dann kamen die Aufträge und Projekte. Schließlich, im Jahr 2000, die Anfrage, sämtliche Nobelpreisträger zu porträtieren. Nicht sein einziges großes Projekt, aber eben genau das, das nun unwiderruflich mit seiner Arbeit, seinem Wirken und seiner Person verbunden ist.

Der schüchterne Künstler und die großen Persönlichkeiten. Genau diese Kombination ist vielleicht sein großes Glück, denn viele der Preisträger öffnen sich dem ,Hamburger Jung‘ nach wenigen Minuten. Die Fotos entstehen nicht im Studio, sondern zufällig und nebenbei. Meistens. Erst wird stundenlang, manches Mal tagelang geredet. Dann macht es klick, vielleicht fünf- oder zehnmal. Und fertig. Am Ende dürfen die Preisträger entscheiden, welches Foto ,das Foto‘ wird. Badge findet aber Mittel und Wege, seine persönlichen Favoriten zu ,pushen‘.

Nicht immer sind es nur seine Fotos von Nobelpreisträgern. Auf vielen ist er selbst mit den „alten Männern“ und Frauen, wie er sagt, zu sehen. Immer wird gelacht und gelebt – oder besser erlebt. Badge ist nicht technikversessen. Digital fotografiert er nur mit dem Handy, im Urlaub oder für einen Schnappschuss. Für seine Porträts arbeitet er analog. Weil ihm die Körnung besser gefällt, sagt er. Und weil es sich besser anfühlt.

Manchmal hilft die Technik auch dabei, eine Brücke zu schlagen: die Kameras, die Apparaturen, die Lichter und die kunstvolle Spielerei. „Jimmy Carter war Hobbyfotograf und zeigte mir seine Bilder und seine Kamera und wollte alles wissen“, erzählt Badge. Dabei stecke die wahre Arbeit nicht im Auslösen des Blitzlichtes. Es sei viel komplizierter. „Das schwierigste ist, überhaupt einen Termin mit einem Nobelpreisträger zu bekommen“, sagt er. Und diese Termine führen ihn quer durch die Welt, an abgelegene Orte.

Einen Besuch in Nordkorea bezeichnet der Fotograf nicht nur politisch als Augenöffner. Das von der Weltöffentlichkeit weitestgehend isolierte kommunistische Land besuchte er auf Einladung zusammen mit drei befreundeten Nobelpreisträgern. Ein begleitender BBC- Reporter, der sich laut Badge „alles andere als gut benommen“ habe, brachte die Gruppe in ziemliche Schwierigkeiten und verschaffte dem Briten eine kurze Nacht in Gewahrsam, bevor er schließlich des Landes verwiesen wurde.

Ob Nobelpreisträger rund um den Globus etwas gemeinsam haben? Einen Charakterzug, der sich wie ein roter Faden durch diese Namensliste zieht? Das genetische Geheimrezept? Bemerkt habe er nur eines: „Alle sind dort, wo sie jetzt sind, angekommen. Auch schon vor der Preisverleihung. Niemand hat auf den Preis hingearbeitet. Diese stille Größe und Ruhe, bei allen. Das ist toll“, verrät der Fotograf. Das mag daran liegen, dass die meisten Nobelpreisträger alt und gesetzt sind. Oder aber, dass sie von sich und ihrer Arbeit überzeugt sind. Nicht arrogant, sondern mit Leidenschaft. Doch es gäbe auch leuchtende Sterne unter ihnen. Preisträger, die herausragen. Nicht ob ihrer Leistung, aber aufgrund ihres Wesens. Sie bleiben in Erinnerung.

„Als Barack Obama den Raum betrat – magisch. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich habe noch nie einen so schönen, charismatischen Mann gesehen“, erzählt Badge. Diese Eleganz sei es gewesen, diese Präsenz im Raum. Für welche Leistung Obama den Friedensnobelpreis bekommen hat, sei nicht so wichtig. Es geht um das Foto – und den Händedruck. „Nelson Mandela – gleiches Spiel.“ Das Porträt von dem Friedensnobelpreisträger ist eines seiner berühmtesten. Es führt normalerweise die Ausstellungen an. Weil auch die Leistung der Person die Welt anführt.

Und es sind eben diese Geschichten, die Badges fotografierten Gesichtern letzten Endes eine Seele, gar einen Geist verleihen. Für den Foto grafen entstehen Freundschaften zu großen Persönlichkeiten. Für den Betrachter großartige Bilder zu freundlichen Menschen. Etwas, das alle Aufnahmen verbindet.

Badge investiert dabei vor allem eines: Zeit. „Auch ich werde älter“, sagt der Mittvierziger. Zeit ist etwas, das sich Peter Badge heute nimmt – und sie lässt, wie sie ist. Vielleicht haben die Begegnungen in all den Jahren doch ihre Spuren hinterlassen: eine innere Ruhe. Er ist die Angst der Jugend los. Die Gedanken, wo das Leben wohl hingehen wird.

Dafür hat er eine Liste mit Namen. Namen von Menschen, die unbedingt noch vor seine Kamera müssen. „Der aktuelle Papst zum Beispiel. Ein toller, ein unglaublicher Typ. Was der macht, ist beeindruckend.“ Es müsse nicht immer ein Nobelpreisträger sein. Aber das kann ja noch werden.