Der Hochprozentige

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: faktor

Text von: Marisa Müller und Christian Vogelbein

Clemens Freiherr von Wendt und seine erfolgreiche Schnapsidee zur Positionierung eines Dorfes

Ein dunkelgrün lackiertes Holztor versperrt den Weg auf den Gutshof in Güntersen, auf dem Clemens Freiherr von Wendt schon wartet. Bereit, seine Geschichte, seine persönliche Schnapsidee, zu erzählen. Die Tür knarzt in den Angeln, schwingt auf, dahinter eine Auffahrt mit Kopfsteinpflaster, niedrige Hecken, knorrige Bäume, zwitschernde Vögel und liebevoll gepflegte Blumenkübel, die am Fuße der Treppe den Aufgang zum Herrenhaus säumen. Die Wendt-Dynastie, altehrwürdig und bis ins 12. Jahrhundert nachvollziehbar, duftet geradezu nach Traditionen – und hin und wieder auch nach Doppelkorn. Zu verantworten hat das niemand Geringeres als der Hausherr selbst, der als Rechtsanwalt und ehemaliger Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Mitte e. V. außer einem gelegentlichen Grappa nach einem gelungenen Abendessen so rein gar nichts mit Hochprozentigem am Hut hatte. Bis zur 950- Jahr-Feier des beschaulichen 650-Seelen- Örtchens Güntersen.

„,Papi spinnt‘ – das haben meine Kinder am Anfang gesagt“, erzählt von Wendt im Plauderton und kommt damit gleich aufs Thema zu sprechen.

Doch was als Scherz begann, ist heute wiederbelebtes ländliches Brauchtum: ‚Echter Alter Günterser‘ in Halbliterflaschen.

Die wachen blauen Augen von Clemens von Wendt huschen über seinen Hof. Wo früher einmal Kühe im Stall und Arbeiter auf dem Feld waren, erinnert heute nur noch die Erzählung an diese vergangenen Tage. Statt des Misthaufens im Zentrum des Gevierts steht dort heute ein plätschernder Springbrunnen. Die Wassertropfen glitzern in der warmen Sonne. Ein unter dem Rand des Brunnens verborgenes Messingschild zeugt von seiner Errichtung zur Hochzeit einer der vonWendt-Töchter. Früher wurde dieser Schnaps hier direkt auf dem Hof gebrannt. Ursprünglich Kartoffelschnaps, später dann herkömmlicher Korn unter der Marke ‚Echter Alter Günterser‘. Dann kam lange Zeit nichts.

In seinem Büro nimmt der 70-Jährige auf einem roten Cocktailsessel Platz, springt sogleich wieder auf und wühlt in Aktenstapeln. Einige Papiere dokumentieren den langen Weg von der Idee bis zum Produkt. Bei der Feier des Dorfjubiläums habe er zunächst nur aus „Spaß an der Freude“ für den Crêpe- Stand seiner Kinder die alten Etiketten auf neuen Korn geklebt. Das kam so gut an, dass der Freiherr unter die Spirituosenhersteller ging. Als erfahrener Anwalt beantragte er, noch vor definitiven Plänen, die Markenrechte. Doch dann geriet das Vorhaben ins Stocken. Keiner wollte den Korn für Güntersen herstellen. Zu klein sei die Stückzahl, zu hoch der Verlust bei der Umrüstung einer Brenn- und Abfüllanlage.

„Da war es fast aus, bevor es begonnen hatte“, erzählt von Wendt.

Nur mit einfachem Korn sei es heutzutage schwer, jemanden hinterm Ofen hervorzulocken, so der Hausherr. Deshalb habe er an eine Weiterentwicklung und die Veredelung des Produkts geglaubt. Herausgekommen ist ein Kornbrand (38 Vol.-%), der zwei Jahre in Eichenfässern gelagert wird, produziert in kleiner Stückzahl von einer Auftragsbrennerei im Rheinisch-Westfälischen. Inzwischen führen einige Läden und Gaststätten in der Region das Produkt. Auch viele Privatkunden ordern bereits den Schnaps – von Göttingen über Kassel bis nach Hannover, Berlin, Düsseldorf und München.

Und „es wird fleißig nachbestellt“, sagt von Wendt, und im Unterton schwingt ein wenig Stolz mit. Dennoch sei noch kein klassischer ,Return of investment‘ in Sicht.

Doch darum geht es dem Wiederentdecker der Tradition im Grunde auch gar nicht:

„Mein Ziel war und ist es, mit dieser Schnapsmarke unserem Dorf und der Region ein Stück ländlich-bäuerliches Brauchtum mit modernem Auftritt zurückzugeben.“

Es sei vor allem auch eine Imagekampagne – für Güntersen und für seine Heimat.

„Wichtig ist, dass in Dörfern positiv besetzte Alleinstellungsmerkmale mit Wiedererkennungswert vorhanden sind oder neu gestaltet werden“, sagt von Wendt. „Gerade junge Menschen und Familien können so in ihrer Entscheidung bestätigt werden, das Dorf als Wohn- und bestenfalls auch als Arbeitsort der Stadt vorzuziehen“.

Er wirbt für den Standort Dorf.

Und seine Strategie macht Schule. Inzwischen hat sich in Güntersen auch eine Milchtankstelle etabliert. Diese wurde von Landwirt Jens Timmermann und dessen Frau direkt am Kuhstall eingerichtet und ist ein großer Erfolg. Täglich zwischen 8 und 22 Uhr können Kunden hier frische und unbehandelte Milch zapfen. Der Nachbar von Familie Timmermann, Marco Ilse, hat im Frühjahr mit der Bienenhaltung begonnen und verkauft – im Pavillon der Tankstelle – einen ganz hervorragenden Honig, so von Wendt, der ebenfalls sehr gut angenommen wird. Diese beiden kleinen unternehmerischen Neuentwicklungen zusammen mit seinen Schnapsaktivitäten haben von Wendt zu der werbenden Formulierung veranlasst:

,Echt Güntersen – das Dorf, wo Milch und Honig fließen, und Echter Alter Günterser!‘

„Von einer formellen gemeinsamen Vermarktung der drei Produkte haben wir bisher abgesehen, weil Milch, Honig und Schnaps vielleicht im Auge der Kunden nicht unbedingt zusammenpassen“, erklärt er. „Aber das Dorf Güntersen und seine Produkte sind mit dieser Überschrift doch gut abgebildet.“

Wie es jetzt für ihn und seinen Schnaps weitergeht? Aktuell wird die Marketingstrategie optimiert. Wichtig sei eine stabile Marktlage, so von Wendt, alles andere zähle für die Zukunft vorerst nicht. Auf dem Hof an der Hauptstraße und der Brennereistraße sieht er zukünftig auch Möglichkeiten kultureller, geschäftlicher, sozialer, touristischer oder privater Events und Märkte.

„Dazu müssten allerdings einige Gebäudeteile der Hofanlage noch weiter ertüchtigt werden.“

Orla, seine Münsterländerhündin, hat sich mittlerweile unter den Tisch im Vorzimmer verkrochen. Die Wendt-Ahnen, gemalt in Öl, schauen ehrfürchtig von den Wänden herab. Parkett im Tafelmuster, rote Vorhänge mit goldenen Ranken, Tischsets mit Wildenten – von Wendt passt in die Szenerie seines Heims. Gemütlich, unaufdringlich, stilvoll, aber persönlich. Eben ein echter Alter Günterser.