Das Rennen gegen die Zeit

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Marisa Müller

Wer bremst, verliert! Horst Klank und seine Samojeden haben eine jahrelange Siegestour hinter sich. Nun folgt seine schwerste Herausforderung, der Weg in den Ruhestand: Nach fast 40 Jahren hängt der Weltmeister die Geschirre nach und nach an den Haken.

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Anfang der 1980er-Jahre das erste Rennen. „Zu Hochzeiten hatten wir 20 Samojeden, und ich war immer unterwegs. Freitags nach der Arbeit mit dem Transporter und den Hunden nach Österreich. Samstags und sonntags Kurzstreckenrennen. Und sonntagnachts wieder zurück, um montags pünktlich bei der Arbeit sein zu können“, beschreibt Klank das Pensum seiner erfolgreichen Zeit. Bei der Lektüre der Zeitungsartikel vergangener Tage lässt sich erahnen, wie das Leben als einer der erfolgreichsten Musher, so heißen die Schlittenhundeführer im Fachjargon, sein muss. „Seit dem Abriss meiner Achillessehne habe ich es nicht wieder zur alten Form geschafft“, erklärt er. Sechs Jahre ist das nun her, und trotz Verletzung gab es damals noch die EM-Silbermedaille. Aber auch danach standen Jahr für Jahr weiterhin mindestens zehn Renntermine im Kalender. Trainiert wird noch heute von April bis September, je nach Wetterlage mit Schlitten oder Wagen. Zusätzliche Gewichte fordern die Kräfte der Hunde. Die letzten drei Tage vor einem Rennen gibt es dann kein Training mehr. „Dann haben sie noch mehr Lust, richtig Gas zu geben“, erklärt Klank. Zeit endlich eine Runde zu drehen. Schließlich glitzert der frisch gefallene Schnee verlockend in der Nachmittagssonne, und die Samojeden drehen bei Minusgraden erst so richtig auf.

Dreizehn Augenpaare sind auf ihn gerichtet. Horst Klank steht in warmer Outdoor-Bekleidung, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, vor den Zwingern aus weichem, hellem Holz. Angespannte Stille. Seine Frau Carmen sortiert die acht Geschirre, legt sie breit. Bevor sie mit ihrem Mann und den Schlittenhunden die meiste Zeit draußen verbrachte, sich eine Menge Windjacken zulegte und Pläne wie Ferien auf Mallorca auf Eis, bestanden keine Vorstellungen über ein solches Leben.

„Horst war ein verrückter Kollege, der immer nur seine Hunde im Kopf hatte.“

Heute kann sich Carmen Klank ein Leben ohne die Meute nicht mehr vorstellen. Dicke Eiskristalle haben sich gebildet. Es knirscht unter den Sohlen der warmen Winterschuhe. Nasti winselt leise hinter dem Gitter, wedelt vorsichtig, winselt erneut. Das lässt Gloy nicht auf sich sitzen. Lautes Gebell, in das die übrigen Samojeden eifrig mit einstimmen. „Die wissen genau, was jetzt kommt“, ruft Horst Klank gegen die Mehrstimmigkeit seiner vierpfotigen Begleiter an. Nasti, die Leithündin, umstreicht seine Beine. Der 14-jährige Smirre und die ängstliche Fundhündin Katinka aus Spanien bleiben mit einigen anderen zu Hause. Trauriges Geheul von Katinka. Ihr Bruder Carlo läuft mit. Und ohne ihn behagt es ihr gar nicht. „Die beiden stammen von der Samojeden-Nothilfe. Ihnen muss etwas Schlimmes zugestoßen sein“, vermutet Klank traurig.

Für seine Vierbeiner hat er vorgesorgt. Sollte ihm und seiner Frau etwas passieren, gibt es Freunde, die sich mit den Tieren auskennen und die im Notfall einspringen.

Während der neuziger Jahre war das Klank’sche Rudel samt Musher für drei Jahre in Finnland. Ein einsames Holzhaus mitten im Wald. Haushohe Kiefern säumten die Lichtung. Der Schnee lag meterhoch. „Immer wieder waren Touristengruppen da, die ein Schlittenhundeevent für ihre Ferien gebucht hatten“, erzählt Klank, den die Ruhe der finnischen Einöde bis heute nicht loslässt. Minus 20 Grad Celsius. Für jeden seiner Hunde baute Klank eine eigene Hundehütte. Den Hunden kann die Kälte nichts anhaben. „Ich habe mir trotzdem Sorgen gemacht und für jede Hütte einen Vorhang genäht“, erzählt Klank und grinst, wohl wissend, wie die Geschichte ausging.

„Kein Dank, denen war’s egal. Die haben die bunten Vorhänge aufgefressen und lagen anschließend satt und zufrieden auf den Dächern ihrer Hütten.“

Für sich selbst habe er das getan. Genau wie alles andere, was mit den Hunden zu tun hat. Wenn er vom hohen Norden spricht, leuchten seine Augen.

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