Das Rennen gegen die Zeit

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Marisa Müller

Wer bremst, verliert! Horst Klank und seine Samojeden haben eine jahrelange Siegestour hinter sich. Nun folgt seine schwerste Herausforderung, der Weg in den Ruhestand: Nach fast 40 Jahren hängt der Weltmeister die Geschirre nach und nach an den Haken.

„Hey, lass es ruhiger angehen. Ruhestand ist doch was Schönes“, sagt das Engelchen zur Linken. „Neeeeiiiiiiiiin, die TransAlp kannst du ruhig noch mal fahren. Und mit den Hunden Schweden auf eigene Faust durchqueren. Wähle das Abenteuer“, ruft das Teufelchen auf Horst Klanks rechter Schulter. Ein Dilemma, mit dem sich der dreimalige Weltmeister und achtmalige Europameister des Schlittenhundesports schon länger herumschlägt. Horst Klank ist 58 Jahre alt. Er hat alles erreicht, was möglich ist.

„Noch ein Titel mehr oder weniger, darauf kommt es auch nicht an“

– sagt er fast überzeugend und lacht verschmitzt. Seine wettergegerbte Haut und die Lachfältchen an den Augen erzählen die Geschichte eines Lebens, das sich immer um seine Samojeden gedreht hat. „Ich war 18 Jahre alt, hatte mit Hunden nichts am Hut – und dann kam Stupsi, mein erster Rüde“, erinnert sich Klank. Ein Schlittenhund in einer Zweizimmerwohnung. „Und ich hatte ja keine Ahnung. Sitz und Platz sollte er machen. Stattdessen bin ich mit langem Arm hinter ihm her gestolpert“, erzählt er weiter. Schnell war klar: Das sind Hunde mit sehr speziellen Anforderungen.

Um seinem neuen Freund gerecht zu werden, besuchte Klank 1979 sein erstes Schlittenhunderennen. Wer es heute mit der Schlittenhundecommunity zu tun bekommt, muss erstmal am südniedersächsischen Champion vorbei, dem seine Popularität in Fachkreisen zwar bewusst ist, deren Ausmaße allerdings nicht. Eine Sammlung von Zeitungsausschnitten und Fotografien liegt vor ihm auf dem Tisch. Der Ofen in der Ecke verströmt wohlige Wärme, auf der Holzbank vor dem Fenster bunt geblümte Sofakissen, ein Ohrensessel in der Ecke der gemütlichen Wohnküche. Klank erzählt – vom ersten Rennen, von den Anfängen, von seinen Erinnerungen:

Überall waren Siberian Huskys, Alaskan Malamutes, Grönlandhunde und auch andere Samojeden. Erstmal zugucken. Dosenbier am wärmenden Lagerfeuer, nette Typen – da war es um uns geschehen.“

Ein Geschirr und ein Fahrrad bildeten den Anfang einer steilen Karriere. Aktuell wohnen bei den Klanks 13 Schlittenhunde in Riekenrode in der Nähe von Gleichen. Aber keine neuen mehr, da ist sich der durchtrainierte Rudelchef sicher. Denn es kann nicht ewig so weitergehen. Körperlich belastend. Morgens um 5 Uhr aufstehen, füttern, dann zur Arbeit. Nach Feierabend – Klank arbeitet als kaufmännischer Angestellter bei einem Bauund Einrichtungsmarkt – geht es direkt weiter. Anspannen, eine Tour drehen, Training.

© Alciro Theodoro da Silva

© Alciro Theodoro da Silva

Bis in den späten Abend verschiedene Gruppen in den Auslauf lassen. Da bleibt kaum Zeit für Anderes. In diesem Jahr hat er sich nur drei Rennen vorgenommen, die beiden größten norddeutschen und ein schönes an der See, wie er sagt. Pullman City Quest Schlittenhunderennen, sechs Hunde, sechs Kilometer, Platz fünf im Januar. Das Oberharzer Schlittenhunde Adventure Clausthal- Zellerfeld wurde wegen zu wenig Schnee abgesagt. Und das Strandrennen Baltic Lights auf Usedom? Mehr Promi-Event als richtiger Sport, bei dem Klanks Hunde an die prominenten Teilnehmer ausgeliehen wurden. Die Wanduhr tickt. Klank wirkt zufrieden.

„Jetzt kürzer zu treten hat pragmatische Gründe. Ich werde schließlich nicht jünger“

– erzählt der 58-Jährige und spricht dabei von Hochleistungssport. Langstreckenrennen mit bis zu 150 Kilometern, wie die TransAlp Vaudoise, bei der über sechs Tage die Schweizer Alpen überquert werden, seien anstrengend. „Zwei Monate brauche ich schon, um mich davon wieder richtig zu erholen“, sagt er. Außerdem seien die Trainingsbedingungen schwierig. Kaum Schnee in den letzten Jahren, und die Streckenlängen rund um Riekenrode seien zu gering, um die entsprechende Trainingsintensität gewährleisten zu können. Vor rund 35 Jahren waren das Klanks kleinste Probleme. „Stupsi brauchte einen Freund. Denn wer ist schon gern alleine“, erzählt Klank schmunzelnd.

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