…dann leben sie noch heute

© M. Lefrançois
Text von: faktor

Generationen sind mit ihnen zu Bett gebracht worden, und auch heute noch sind sie bei Groß und Klein bekannt und beliebt: die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Das Jahr 2013 steht in unserer Region ganz im Zeichen der beiden Forscher und Sammler.

Ein Jahr lang wird der 200. ,Geburtstag‘ der Kinder- und Hausmärchen gefeiert, die von den Brüdern erstmals am 20. Dezember 1812 veröffentlicht wurden.

Im Festjahr unter dem Titel ,GRIMM 2013‘ kommen noch zwei weitere feierliche Anlässe zusammen: der jeweils 150. Todestag von Jacob Grimm sowie des jüngeren Bruders Ludwig Emil, der als Maler einige Bekanntheit erreichte.

Gründe genug also für ein umfangreiches Themenjahr. Der Chor der Gastgeber ist unglaublich vielstimmig: An allen Stationen Deutschlands, an denen die Brüder Grimm gewirkt haben, werden Veranstaltungen für Jung und Alt geboten.

Auch der Verein Göttinger Märchenland, der seit 1991 etwa alle zwei Jahre Märchenwochen im Alten Rathaus ausrichtet, hat für das Grimm-Jahr besondere Höhepunkte im Programm: Die Ausstellung ,Die Geschichte der Märchenillustration‘, in der auch Werke von Ludwig Emil Grimm gezeigt werden, wird im Juni 2013 in Kooperation mit ,GRIMM 2013‘ im Kloster Germerode sowie im September und Oktober 2013 im Gebäude des Landkreises Göttingen zu sehen sein.

Und in Kooperation mit der Deutschen Märchenstraße hat der Verein die CD ,gesottenes und gebratenes‘ mit ausgewählten Texten der Urfassung von 1812 herausgebracht, szenisch intoniert von den ,Stillen Hunden‘, Stefan Dehler und Christoph Huber.

Die Urfassung, in der 86 Märchen zusammengetragen waren, war damals ein regelrechter Flop. Kaum jemand wollte eines der 900 Bücher haben, die unbebildert daherkamen.

Märchen wie ,Der Froschkönig‘, ,Dornröschen‘ und ,Rotkäppchen‘ waren zwar darin enthalten, aber die Sprache war noch eine ganz andere. Derb, grausam und keinesfalls kindgerecht kam die erste Version daher.

Weder die ursprüngliche Intention der beiden Sprachwissenschaftler, das es für Forscher als Grundlage für weitere wissenschaftliche Arbeiten genutzt wird, realisierte sich, noch fand das Buch Anklang bei der Bevölkerung.

Denn der Ladenhüter enthielt nicht etwa romantische Erzählungen, die zum Vergnügen der Leser geschrieben waren. Sondern es handelte sich um Geschichten, die den Brüdern Grimm zugetragen wurden. Und diese achteten dabei zunächst nicht auf wohlfeile Formulierungen.

Bereits in ihrem Studium der Rechtswissenschaften, das sie in Marburg absolvierten, entstand die Idee, bislang anscheinend nur mündlich überlieferte, volkstümliche Märchen für die Nachwelt zu bewahren.

Jacob und Wilhelm Grimm interessierten sich damals für die historische Entwicklung deutschsprachiger Literatur und lernten so auch Achim von Arnim und Clemens Brentano kennen. Die beiden Schriftsteller – Vertreter der Heidelberger Romantik – ermutigten sie geradezu, nach dem Studium 1806 mit dem systematischen Sammeln und Aufzeichnen zu beginnen.

Im Kasseler Land fanden Jacob und Wilhelm viele ,Beiträger‘. Zu den wichtigsten Quellen der Märchensammlung zählte später Dorothea Viehmann, die – entgegen einer Beschreibung der Grimms – keine alte Bäuerin, sondern eine gebildete Frau mit hugenottischen Wurzeln war.

Zahlreiche Märchen beigesteuert haben auch Marie und Jeannette Hassenpflug sowie die Familie Wild – und hiervon insbesondere Dorothea Wild –, ebenfalls aus der Wiege der Hugenotten.

Sie heiratete später Wilhelm Grimm und führte den unzertrennlichen Brüdern den Haushalt. Bewusst oder unbewusst, die meisten ,Erzähler‘ hatten ihrerseits ergiebige Quellen: So erzählte man sich beispielsweise im französischen Raum seit langem die Märchen von Charles Perrault, die sich einer großen Beliebtheit erfreuten.

Und auch die aus dem Italienischen stammenden Märchenmotive von Giambattista Basile, der als erster großer Märchenerzähler in Europa gilt, fanden wohl Einzug in die Sammlung der Kinderund Hausmärchen.

Ungeachtet des Misserfolgs, arbeiteten die Brüder weiter an ihrem Werk. Der zweite Band, der 1815 veröffentlicht wurde, verkaufte sich noch schleppender. Erst die Neuauflage 1819 mit inzwischen rund 200 Märchen, für die Wilhelm Grimm seinen eigenen, romantischen Märchenstil durchsetzte und alle Texte kindgerecht überarbeitete, entwickelte sich allmählich zum Bestseller.

Doch wirklich bekannt wurde das Werk schließlich erst in seiner ,Kleinen Ausgabe‘ von 1825, in der 50 ausgesuchte Märchen stilistisch überarbeitet und durch die wunderbaren Illustrationen von Ludwig Emil Grimm, des jüngeren Bruders, ihren Zauber entfalten konnten.

Von da an traten die Kinder- und Hausmärchen ihren Siegeszug in alle Welt an. Bis heute wurden sie in mehr als 160 Sprachen übersetzt und gelten nach der Luther-Bibel als wichtigste Publikation deutschen Kulturguts.

2005 hat die UNESCO die ersten Handexemplare zum Weltdokumentenerbe geadelt. Es ist eine große Würdigung der beiden Brüder, die sich Zeit ihres Lebens für die Literatur, aber auch die Demokratie einsetzten.

Das Leben der Brüder

Geboren werden Jacob (1785) und Wilhelm Grimm (1786) im hessischen Hanau als erste von sechs Geschwistern. Der Vater ist Jurist und zieht mit der Familie 1791 nach Steinau, wo er die angesehene Stellung des Amtmannes antritt.

Als er im Jahr 1796 mit 44 Jahren an einer Lungenentzündung stirbt, stellt dies die Familie vor große Herausforderungen. Eine Tante mütterlicherseits, die in Kassel als Hofdame der Landgräfin dient, ermöglicht den Brüdern eine gute Schulbildung am Kasseler Friedrichsgymnasium und anschließend das Jura-Studium in Marburg.

Es beginnt ein Jahrzehnt des Sammelns und Publizierens, neben den Kinder- und Hausmärchen weitere Bücher, darunter ,Altdänische Heldenlieder, Balladen und Märchen‘ (1811), ,Die Lieder der alten Edda‘ (1815) und ,Deutsche Sagen‘ (Bd. 1 1816, Bd. 2 1818).

Nach ihrem Studium ziehen die Brüder nach Kassel zurück und leben dort auch kurzzeitig mit Achim von Arnim und Clemens Brentano zusammen. Im Jahr 1808 stirbt die Mutter, und Jacob – nun für den Unterhalt der Familie verantwortlich – wird zunächst Privatbibliothekar von Jérome Bonaparte, zu der Zeit westfälischer König und später Mitglied des königlich-westfälischen Staatsrates.

Wilhelm dagegen bleibt aufgrund seiner äußerst anfälligen Gesundheit bis 1814 ohne Anstellung. Als Napoleon Bonaparte 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig besiegt wird, kehrt auch der hessische Kurfürst nach Kassel zurück. Jacob Grimm wird zum Legationssekretär ernannt und nimmt am Wiener Kongress und an Verhandlungen in Paris teil.

Schließlich verbringen die Brüder Grimm ab 1816 als Bibliothekare in Kassel 13 schaffensreiche Jahre, die Jacob als die „ruhigste, arbeitsamste und vielleicht auch fruchtbarste Zeit“ ihres Lebens beschreibt.

So veröffentlicht Jacob Grimm 1819 den ersten Band der ,Deutschen Grammatik‘, die maßgeblich zum folgenden weltweiten Ruhm der Brüder als Väter der Germanistik beiträgt. Im selben Jahr erhalten beide die Ehrendoktorwürde der Universität Marburg.

1829 erscheint Wilhelm Grimms Hauptwerk ,Die deutsche Heldensage‘, eine noch heute beachtete Belegsammlung der Gattung. 1830 folgt Jacob Grimm dem Ruf an die berühmte Göttinger Universität und nimmt dort die Stelle eines Bibliothekars und ordentlichen Professors an – unter der Bedingung, dass auch sein Bruder Wilhelm als Bibliothekar angestellt wird.

Dieser wird später ebenfalls als Professor eingesetzt.

Sie leben in der heutigen Goetheallee Nr. 6 und halten ihre Vorlesungen im Erdgeschoss des Hauses. Als Bibliothekare sind sie bereits gut ausgelastet, zu ihren Vorlesungen kommen zahlreiche Studenten. Viel Zeit für eigene wissenschaftliche Forschung bleibt ihnen nicht.

Dennoch veröffentlichen die Brüder auch in den acht Göttinger Jahren eine Vielzahl an Schriften, darunter den ersten Band der viel beachteten ,Deutschen Mythologie‘ sowie mit ,Reinhart Fuchs‘ die Erforschung dieses mittelalterlichen Tierepos.

Als im Jahr 1837 mit dem Tod Wilhelms II. die 123-jährige Personalunion zwischen Großbritannien und Hannover endet, besteigt Ernst August als neuer König von Hannover den Thron und hebt umgehend die erst 1833 in Kraft getretene liberale Verfassung auf. Es regt sich Protest unter den Gelehrten.

Als ,Göttinger Sieben‘ formulieren die Brüder Grimm gemeinsam mit fünf weiteren Professoren ihre Forderung nach freiheitlicher Gesinnung schriftlich.

Ein Schreiben, das in ganz Deutschland bekannt wird, ihnen aber beruflich schadet. Unter anderem wird Jacob Grimm der Georg-August-Universität verwiesen.

„Auch die Poesie, der Geschichte Widerschein, unterlässt es nicht, Handlungen der Fürsten nach der Gerechtigkeit zu wägen. Solche Beispiele lösen dem Untertanen seine Zunge, da wo die Not drängt, und trösten über jeden Ausgang“, kommentierte er 1838 den Entzug seiner Lehrtätigkeit.

Er zieht zurück nach Kassel, wohin ihm sein Bruder Wilhelm ein Jahr später folgt. Dann ein erneuter Wendepunkt in ihrem Leben: Einer Einladung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm folgend, siedeln die Brüder Grimm 1841 nach Berlin über. Dort lehren und forschen sie ohne materielle Sorgen an der Friedrich-Wilhelm-Universität, der späteren Humboldt-Universität, als Mitglieder der preußischen Akademie der Wissenschaften.

Sie beginnen ihre Arbeit am ,Deutschen Wörterbuch‘, das Ausdruck einer „erstarkten liebe zum vaterland und untilgbaren begierde nach seiner festeren einigung“ ist, so Jacob Grimm.

Dies schreibend in einer Zeit, in der das Deutsche Reich in eine Vielzahl Klein- und Kleinststaaten zerfallen ist. Ein Zustand, den sie kritisieren. So stellt Jacob Grimm 1848 während der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche folgenden Antrag zum Artikel 1 der Grundrechte: „Das deutsche Volk ist ein Volk von Freien, und deutscher Boden duldet keine Knechtschaft.

Fremde Unfreie, die auf ihm verweilen, macht er frei.“ 1854 erscheint der erste Band des ,Deutschen Wörterbuchs‘. Jacob kommt in der ihm verbliebenen Zeit bis ,F‘.

Erst 1961 wird dieses gewaltige Projekt, dank Generationen weiterer Wissenschaftler, fertiggestellt.Die Arbeitsstelle des ,Deutschen Wörterbuchs‘, die seit 1960 an dessen Aktualisierung arbeitet, befindet sich an der Göttinger Akademie der Wissenschaften.

„Dass eine Neubearbeitung des Grimm’schen Wörterbuchs notwendig geworden ist, hängt mit der langen Bearbeitungsdauer des Werkes zusammen, sodass es in weiten Teilen heute als hoffnungslos veraltet gelten muss“, erklärt der Leiter der Arbeitsstelle, Volker Harm.

Die Neubearbeitung sollte aktuellen wissenschaftlichen Standards entsprechen und zugleich den Ideen und Prinzipien der Begründer des Werkes verpflichtet bleiben.

Harm geht davon aus, dass die Buchstaben A-F voraussichtlich 2016 fertig gestellt sein werden. Die Brüder Grimm hätten die Neubearbeitung ihres monumentalen Werkes wohl begrüßt: „bücher dieser art werden erst gut bei zweiter auflage“, schrieb Jacob Grimm einmal über das Wörterbuch.

Die Autoren hätten die Nachhaltigkeit ihrer Werke und ihres Wirkens gewiss gefreut.

1859 stirbt Wilhelm Grimm in Berlin, vier Jahre später sein Bruder Jacob. Beide fanden ihre Ruhestätte auf dem St.-Matthäus- Kirchhof in Berlin-Schöneberg. Seit 1975 vermarktet der Verein Deutsche Märchenstraße die Brüder Grimm und ihre Märchen.

Auf rund 700 Kilometern von Hanau bis Bremerhaven reihen sich mittlerweile gut 50 Mitgliedsstädte und -gemeinden, die der Strecke ihre Struktur geben. In den Bereichen Gastronomie, Hotels, Freizeitparks verfügt die Deutsche Märchenstraße bislang über 20 Partner.

Als zentrale Veranstaltung zeigt die große Ausstellung des Landes Hessen ,EXPEDITION GRIMM Leben und Werk der Brüder Grimm‘ – zu sehen vom 27. April bis 8. September 2013 in der Kasseler documenta- Halle.

Die Schau präsentiert wertvolle Manuskripte und persönliche Erinnerungsstücke der Brüder; Werke des ebenfalls erfolgreichen Bruders Ludwig Emil verdeutlichen das damalige Leben der Familie Grimm.

Völlig neue Perspektiven auf das vielfältige Wirken der Brüder eröffnet ein Erlebnisparcours auf 800 Quadratmetern Fläche. In Göttingen, wo Jacob und Wilhelm Grimm acht Jahre lang lebten und arbeiteten, haben sich nicht viele Zeichen ihrer Gegenwart erhalten.

Die Brüder-Grimm-Allee ist nach ihnen benannt, an deren Ende Ecke Hainbundstraße der 1959 eingeweihte Brüder-Grimm-Stein steht, der das Märchen ,Brüderchen und Schwesterchen‘ illustriert. Ihr Wohnhaus in der Goetheallee 6 steht nicht mehr, doch befindet sich am heutigen Gebäude eine Gedenktafel.

Wer ,auf den Spuren der Brüder Grimm‘ wandeln will, kann im Göttinger Tourismusbüro eine themenbezogene Stadtführung buchen. Sie bietet nicht nur einen Rundgang zu den Wohn- und Wirkungsstätten ihrer Zeit, sondern beleuchtet auch ihre Rolle bei den ,Göttinger Sieben‘.