„Aussitzen ist grundfalsch“

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sebastian König

Allergie-Experte Thomas Fuchs über hilfreiche Tipps und Unsinn zu unserer Haut

Herr Fuchs, bald ist es wieder soweit: Die Heuschnupfenzeit beginnt. Welche Tipps haben Sie für Betroffene?

Zunächst einmal ist Heuschnupfen eigentlich nicht der richtige Begriff. Denn nicht das Heu, sondern Blütenstäube oder Schimmelpilzsporen lösen die Reaktionen aus. Oft verbirgt sich dahinter eine Pollenallergie. Zur akuten Behandlung helfen kortisonhaltige Nasensprays und Antihistaminika. Um dauerhaft eine Verbesserung zu erreichen, empfehle ich die viel zu selten angewandte Immuntherapie.

Wie funktioniert diese?

Dem Patienten werden über drei bis fünf Jahre regelmäßig und in steigender Dosis Pollenextrakte zugeführt. Dadurch entwickelt sich eine Toleranz, und künftige Kontakte verlaufen weniger heftig. Die Immuntherapie hilft besonders bei Allergien gegen Insektengifte und wird von den Krankenkassen übernommen.

Welches sind neben Pollen und Insektengiften die häufigsten Allergieauslöser?

Da sind die Kontaktallergien zu nennen. Hier gibt es eine ,Hitliste‘ der auslösenden Stoffe. Auf Rang eins stehen Metalle wie Nickel oder Kobalt. Es folgen Düfte, die in Parfums, Weichspülern oder Lacken vorkommen. Auf dem Vormarsch befinden sich bestimmte Konservierungsstoffe, die Methylisothiazolinone – abgekürzt MCI oder MI. Sie sind sehr weit verbreitet. Ich warne eindringlich davor, diese Stoffe an die Haut zu lassen. Sie lösen Reaktionen ähnlich Verbrennungen aus. Fatal ist vor allem, wenn die Menschen die Konservierungsstoffe immer wieder auf die Haut geben, weil sie keinen Zusammenhang zwischen den (beispielsweise) Kosmetika und der Hautreaktion herstellen.

Wie lassen sich Kontaktallergien behandeln?

Dabei hilft nur eines: die auslösenden Stoffe und Materialien zu meiden. Dies ist auch die sinnvollste Gegenmaßnahme bei Tierallergien. Wer versucht, eine Allergie auszusitzen, reagiert grundfalsch. So leiden ungefähr 90 Prozent der Betroffenen ihr ganzes Leben lang unter den Symptomen. Allergien werden selten besser, sondern eher schlimmer. Rund 50 Prozent der Pollenallergiker leiden zum Beispiel irgendwann an Asthma.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang von alternativen Behandlungsmethoden?

Es gibt unglaublich viel Unsinn, der den Leuten aufgeschwatzt wird. Wenn Leute zum Beispiel einen Magneten in einer kleinen Holzschachtel um den Hals tragen, um Allergien zu vermeiden, ist das nur ärgerlich. Denn das bringt gar nichts. Besteht ein Allergieverdacht, sollte der Betroffene unbedingt einen Allergologen aufsuchen. Dabei handelt es sich um Ärzte aus verschiedenen Fachrichtungen, die eine Zusatzausbildung absolviert haben und sich daher mit allergischen Reaktionen auskennen. Sie stellen mit Blutuntersuchungen, Haut­ oder Provokationstests den genauen Auslöser für die jeweilige Reaktion fest.

Ist es möglich, sich prophylaktisch zu schützen?

Nein! Denn es ist kaum geklärt, warum ein Mensch auf einen Stoff allergisch reagiert und ein anderer nicht. Eine Allergie kann man im Übrigen in jeder Altersstufe erwerben. So können Menschen auch im hohen Alter zum ersten Mal eine allergische Reaktion zeigen.

Herr Fuchs, vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Thomas Fuchs leitete bis März 2016 die Allergieabteilung der Universitätsmedizin Göttingen in der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Georg- August-Universität. Eigentlich hatte Fuchs im Bereich Neurochirurgie promoviert, orientierte sich dann aber in Richtung Dermatologie um. Nach seinem altersbedingten Ausscheiden wechselte der Vizepräsident des Ärzteverbandes der Allergologen zum Medizinischen Experten Centrum (MEC) in Göttingen. Hier gibt der 69-Jährige seine Erfahrungen zum Thema Allergien an Patienten weiter, die sich eine Zweitmeinung zu ihrem Krankheitsbild einholen möchten.