Ein Stück Anden in Varlosen

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Christian Vogelbein

Wie ein Bauer aus Göttingen der Alpaka-König Norddeutschlands wurde

Wenn Sie mehr über die Alpakas im Niemetal erfahren möchten, lauschen Sie doch der Audiodatei vom Interview mit Züchter Henrik Ludewig und faktor-Autor Christian Vogelbein:

Diese und weitere Audiodateien finden Sie auch HIER auf dem Podcast „Schachtier“ von Christian Vogelbein.

Leichter Puderschnee bedeckt die hügeligen Felder entlang der Kreisstraße 202. Wo sonst Kartoffeln in der Erde wachsen und Kühe auf den Weiden grasen, bietet sich seit ein paar Jahren ein ganz besonderer Anblick. Wollige Alpakas kreisen ihre Bahnen. Zur Winterzeit ein Stück Anden- Gebirge mitten im Niemetal. Dutzende Tiere in 26 Farben, fast alles Weibchen, fast alle niedlich, und alle gehören einem Mann: Henrik Ludewig. Der 29-Jährige ist ein kräftiger Mann, die Ruhe selbst und ein richtiger Anpacker. Vor fast zehn Jahren sah er auf einem Feld bei Bremen Alpakas stehen. Der Eindruck wurde zu einer Idee, und diese begann zu reifen. Denn eigentlich sah er die Zukunft für den landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern stehen – und sprang auf den Alpaka-Zug auf. Damals setzte der Jung-Landwirt auf klassisches Vieh: Kühe, Schweine und Hühner. Die neue Masterfrage: Wie lässt sich mit Alpakas Geld verdienen? Er fand die Antwort, und heute gehört seine Zucht zu den bedeutendsten Deutschlands. Verdient wird am Fell – und an verkaufter Liebe.

©Alciro Theodoro da Silva

Auf dem eisigen Feld zwischen Heuballen und Wasserstelle sind Gummistiefel und eine warme Jacke die beste Ausrüstung. Henrik Ludewig packt mit seinen fast zwei Metern Körperlänge beherzt zu, nimmt eines der Alpakas auf den Arm und zeigt, worauf es ankommt.

„Das Fell kräuselt sich etwas und wird dadurch stabiler. Genau das wollen wir haben“, sagt er.

Zwei Arten züchtet er auf den Wiesen von Varlosen bei Göttingen: Huacaya und das Suri. Das Huacaya-Alpaka hat feines, gleichmäßig gekräuseltes Fell und nur wenige harte Grannenhaare. Das Suri-Alpaka hingegen hat keine Kräuselung im Haar, sondern gelockte Strähnen, die am Tier herabhängen. Dadurch wirken Suris schlanker als Huacayas. Das feste Fell ist besonders beliebt.

Der Winter macht ihnen nichts aus. Alpakas sind die Anden gewohnt, bis -40 Grad stecken sie locker weg.

„Nur diese feuchte Kälte, die wir in Europa manchmal haben, mögen sie nicht“, sagt Ludewig.

Allerdings würden sich die Tiere auch nie beschweren. Viel zu friedfertig sind sie, viel zu lieb. Viel wärmer als auf den Wiesen und Feldern ist es im Shop der Ludewigs. Wollmützen, Pullover – die Muster und Farben kennt jeder Weihnachtsmarktbesucher. Für Ludewig und seine Familie ist dann Hochsaison. Stammkunden fahren ganzjährig den Laden auf dem Hof der Familie an. Einen Internet-Shop gibt es nicht. Nicht mehr.

„Das haben wir mal versucht, aber das ist viel zu viel Arbeit und hat sich auch nicht gelohnt“, erzählt der Junglandwirt.

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Er mag es lieber handfest und ehrlich. Aber wie kommt das Vlies vom Feld als Mütze ins Regal? Schließlich ist das Fell keine gewöhnliche Wolle. Die Rasiermaschine führt Henrik Ludewig selbst. Das Fell kommt nach Bayern, die Wolle nach Österreich.

„Dort gibt es ein altes Paar, das die nötigen Maschinen hat, um alles so zu produzieren, wie wir uns das vorstellen.“

Wenn die mal nicht mehr sind, bekommt Ludewig ein Problem.

„Aber da arbeiten wir schon dran“, sagt er zuversichtlich.

Was dann zurück kommt, ist meist nur zum Teil aus Alpakawolle – aber zu einem wesentlichen. Trotzdem können sich Kleidungsstücke aus Alpaka-Wolle einem gewissen Image nicht entziehen, das über die Jahre beinahe zu einem Klischee gereift ist. Die matten Farben, die immer gleichen Muster und diese Mützen mit den Bommeln. Studienräte und Grünen-Wähler. T-Shirts oder moderne Pullover sieht man auch in Ludewigs Lager nicht. Zu aufwändig sei die Produktion, zu kräftig das Garn. Und die Farben?

„Wir setzen auf die Grundfarben, wie sie vom Tier kommen“, sagt Ludewig.

Aber der Markt verlangt den Wandel. Und was die Österreicher nicht können, sind eben diese ausgefallenen Farben. Die kommen dann aus Peru – dem Mutterland der Alpakas. Oder? Tatsächlich ist Peru nicht die ,Hauptstadt‘ der Alpakas. Die größten Zuchten finden sich in Neuseeland.

„Die sind schon ein paar Jahrzehnte vor uns auf die Idee gekommen, das Alpaka zu züchten und zu vermarkten“, erklärt Ludewig.

In seiner Stimme macht sich Erstaunen breit, als würde er von einer ganz anderen Liga sprechen. Ein paar Preise haben auch Ludewigs Vorzeige-Alpakas schon abgeräumt. Die Juroren schauen bei den Wettbewerben auf Körperhaltung und Fellqualität. Mal nach Augenschein, mal nach Labortests. Haardicke, Fülle und Anzahl des Deckhaars. Die Vorteile: Je dekorierter das Tier, desto teurer die Zucht. Mehrere Tausend Euro lassen es sich die Züchter europaweit kosten, wenn Ludewigs Zuchtbulle an die Stute darf. Dank DNA-Test und Stammbuch lässt sich genau prognostizieren, wie gut die Kinder am Ende aussehen.

„Das Tier ist süß und niedlich, aber am Ende ist es ein Nutztier“, sagt Ludewig

©Alciro Theodoro da Silva

Und damit auch ein knallhartes Business. Geht eine Zucht daneben, kann ein Alpaka-Weibchen keine Kinder mehr tragen oder taugt ein Männchen nicht als Zuchtbulle, landet das Tier auch mal auf dem Teller. Oft komme das aber nicht vor.

„Ich sehe das so: Wenn das Tier ein paar Jahre ein schönes Leben hatte, können wir es irgendwann erlösen.“

Die meisten der Tiere werden 20 Jahre alt und älter. Und bis ein Alpaka wirklich krank ist, muss schon einiges passieren.

„Die Tiere können eine Menge ab, zur Not gewinnen sie sogar Energie aus dem eigenen Urin zurück.“

Die Anden-Gene prägen. Die Hügel von Varlosen sind zwar nicht ganz die Gebirgsketten der Anden, trotzdem genießt Henrik Ludewig die Zeit mit seinen Tieren.

„Manchmal fahre ich rauf und beobachte die Tiere eine Weile. Das beruhigt und entspannt, das ist ganz schwer zu beschreiben“, erzählt er.

Irgendwann, verspricht er, will er nach Peru reisen und die Luft atmen, die auch die letzten wilden Alpakas kennen. Und die ist dünn, kalt – und voller Freiheit.