Abgehoben von der Masse

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Text von: Stefan Liebig

Marcel Kyas lebt derzeit in China. Der Wirtschaftswissenschaftler aus Göttingen ist dort, um Lebenserfahrung zu sammeln, aber auch, um sich für den deutschen Arbeitsmarkt interessant zu machen.

Die Folgen der Leistungsgesellschaft in Deutschland sind kaum zu übersehen: Abiturienten werden immer jünger, danach schnell der Bachelor, mal ein Praktikum und fix zum Master. Fertig ist der 23-jährige Ökonom. Dass der eine oder andere da erste Anzeichen einer Midl ifeCrisis erkennen lässt, sollte niemanden überraschen!“, sagt Marcel Kyas. „Ein junger Masterabsolvent mit grandiosen universitären Leistungen, aber ohne nennenswerte Arbeitserfahrung lernt dann, dass er damit für A rbeitgeber nicht zwangsläufig attraktiv ist.“ Marcel absolvierte 2016 seinen Bachelor an der Georg-A ugust-Universität und wagte im Anschluss den Sprung nach China, wo er derzeit lebt. Auf diese Weise erfuhr er im vergangenen halben Jahr, wie viel Mut es erfordert, den vorgegebenen Weg zu verlassen und neue Herausforderungen zu suchen. Doch gerade so – oder vielleicht sogar nur so – ergibt sich die Möglichkeit, sich von der Masse ab zuheben: indem man außeruniversitäre Erfahrungen sammelt.

Das Abheben fällt Marcel in Fernost sicher nicht schwer – schon allein wegen seiner hellblonden Haare, denn die sind dort quasi ein USP. Sogar mehrere Heiratsanträge habe er seit seiner Ankunft im Januar erhalten. „Jedenfalls schon mehr als in meinen 24 Jahren in Deutschland“, erzählt er augenzwinkernd.

Der Grund für seinen Entschluss, Deutschland für einige Zeit den Rücken zu kehren: Marcel möchte seinen Horizont erweitern. Nachdem er während zwei längerer Praktika bereits mögliche Arbeitsfelder erkundet hatte, will er nun eine neue Kultur kennenlernen und sich dabei Soft Skills und Sprachkenntnisse aneignen, die für spätere Jobs bedeutsam sind.

Dabei spielt dem geborenen Westersteder der Zufall in die Karten, denn er kann seine persönlichkeitsformende Reise mit seinem liebsten Hobby verbinden: Sein gutes Netzwerk im Schachbund, dem eine chinesische Anfrage vorlag, verhalf ihm zu dem wohl einmaligen Stellenangebot. Bis Juli trainiert er in der selbst in China weitgehend unbekannten Millionenstadt Bengbu als Freiwilliger Schachtalente im Einzel- und Gruppentraining. Zudem unterrichtet er in Schulen und tritt gelegentlich simultan gegen 15 bis 30 Schüler gleichzeitig an.

Als erfahrener Bundesligaspieler, der aktuell zum Kader der Göttinger Oberligamannschaft gehört, gibt ihm das Fachwissen die nötige Sicherheit, um den sprachlichen Barrieren und den kulturellen Unterschieden angemessen gegenüberzutreten. Denn Chinesisch zu lernen, ist eine große Herausforderung. Im Restaurant könne er seine Wünsche schon ganz gut rüberbringen, und sonst helfen auch schon mal Chinesisch-Apps weiter – so vermeide er weitgehend, aufs Englische ausweichen zu müssen.

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Denn leider hatte vor der Reise die Zeit für ein intensiveres Sprachstudium gefehlt. In dem halben Jahr zwischen Zusage und Abreise absolvierte der sportbegeisterte Wirtschaftswissenschaftler einen wahren Organisationsmarathon, der ihm aber schlussendlich zum nötigen Visum und den erforderlichen Papieren verhalf.

Und die Anstrengungen haben sich bereits gelohnt. Marcel ist erleichtert, wie gutmütig und hilfsbereit die Erwachsenen und wie wissbegierig die Kinder vor Ort sind. „Vor meiner Reise war ich nervös, doch ich wurde vom ersten Tag an freundlich aufgenommen und fühlte mich direkt heimisch“, erzählt er. Negativ schätzt er hingegen die Erfahrungen mit dem Smog ein. Eine Problematik, der er sich zwar bewusst war, deren Ausmaß er aber erst jetzt hautnah miterlebt. Den chinesischen Alltag hatte er sich „langweiliger“ vorgestellt. „Ich erlebe jeden Tag ,Highlife‘ und habe mich auch bereits an den hohen Lautstärkepegel gewöhnt – insbesondere an den turbulenten Straßenverkehr mit dem teilweise exzessiven Einsatz der Autohupen.“

Eine fremde Kultur so intensiv kennengelernt zu haben, schätzt Marcel als dauerhaften Vorteil ein – auch für seine potenziellen künftigen Arbeit geber in der Zukunft. „Durch meine akademische Ausbildung kann ich Probleme vermeiden, bevor sie auftreten. Das ist die Basis, um rücksichtsvoll mit den Kindern zusammenarbeiten“, erklärt er und bringt damit Studium und Auslandsaufenthalt auf einen Nenner. Er sieht für sich zudem nicht nur einen Gewinn auf menschlicher Ebene, sondern ist überzeugt, dass er langfristig davon profitiert, seine Komfortzone verlassen und sich selber besser kennengelernt zu haben. Schließlich erhofft er sich einen weitreichenderen Blick für die Geschehnisse in der Wirtschaftswelt, die sich immer stärker vernetzt und immer internationaler wird.

Für seine angestrebte Karriere baut Marcel ganz konkret auf den großen Erfahrungsschatz, den er sich in China aneignet – einem immer wichtiger werdenden globalen Wirtschaftsakteur. Denn für seine berufliche Zukunft strebt er eine Vertiefung der im Studium erworbenen Kenntnisse in seinem Schwerpunkt Unternehmensführung an, den er b ereits durch internationale Projekte der Uni Göttingen ergänzt hat.

Wenn er im Sommer wieder in Deutschland ist, soll irgendwann der Masterabschluss folgen – überstürzen will er es allerdings nicht. „Ich möchte vorher noch weitere Arbeits- und Auslandserfahrung sammeln“, sagt Marcel. „Vielleicht sehe ich das Ganze zu romantisch, doch ich denke, wir sollten nicht in ein Hamsterrad geraten, sondern uns auch Zeit geben, um unser Leben zu leben.“ Ob sich dieses Leben am Ende dann in seinem Fall in Deutschland oder im Ausland abspielt, lässt er noch offen.