Zwischenstopp

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sebastian König

Die Göttinger Basketball-Legende Wilbert Olinde über das alte Pfannkuchenhaus, Schwergewichte und die Nachteile der ,Stadt, die Wissen schafft‘

Die kahle schwarze Platte auf dem Kopf und ein breites Grinsen im Gesicht – an den Markenzeichen der Göttinger Basketball-Legende Wilbert Olinde hat sich bis heute nichts geändert. Mit seiner positiven Energie und seiner Fröhlichkeit zieht er die Menschen schnell in seinen Bann. So war es auch schon 1977, als er aus den USA nach Deutschland kam. Hier sollte er in der beschaulichen Leinestadt für den ASC 46 Göttingen, damals noch SSC Göttingen, in der Basketball-Bundesliga auf Korbjagd gehen. ASC-Coach Terry Schofield hatte den 2,02-Meter-Mann hierher gelockt. „Terry sagte, ich könne meine Leidenschaft Basketball hier weiter verfolgen, und das gefiel mir gut“, erinnert sich Olinde. Schofield schrieb in einem Brief von der schönen Stadt, einer anderen Art Basketball zu spielen und davon, dass Olinde das Fernsehen bei drei Programmen vergessen könne. „Über Details hat er mich wohl bewusst im Unklaren gelassen“, erzählt Olinde herzhaft lachend, während er bei ‚Hellas‘ sitzt und in der Speisekarte blättert. Er hat sich auf der Durchreise durch seine alte Heimatstadt für faktor Zeit genommen – und für einen Zwischenstopp bei seinem Lieblingsgriechen in der Kurze-Geismar-Straße.

„Als ich damals nach Deutschland kam, merkte ich erst am Flughafen in Frankfurt, auf welches Abenteuer ich mich eingelassen hatte. Ich verstand so gut wie kein Wort, obwohl ich in der Schule Deutsch gelernt hatte.“ In Göttingen angekommen, bezog er zunächst eine Wohnung in einem alten Fachwerkhaus am Posthof – welches auf ihn nicht besonders vertrauenserweckend wirkte. „Sie sagten mir, dass ich hier nur kurz wohnen würde, da das Haus bald abgerissen werde.“ Auch der erste Blick in die Godehardhalle, wo der ASC seine Bundesligapartien austrug, überraschte ihn. „An der University of California lief ich vor ca. 12.000 Menschen auf, hier gab es Tribünen für etwas mehr als 2.000 Zuschauer.“ Gespielt wurde mit Gummianstatt mit Lederbällen. Und auch seine Rolle im Team war neu für ihn: „Als einziger Amerikaner war ich nicht mehr Teil einer homogenen Gruppe, sondern musste auf dem Feld viel Verantwortung übernehmen.“

Alles in allem ein mittelmäßiger Einstieg. Abschrecken ließ sich Olinde aber nicht. Denn er wollte ohnehin nur ein Jahr bleiben und dann zurück in die USA, um Jurist zu werden. „Von diesem Plan habe ich meinem Trainer natürlich nichts erzählt“, sagt er. Erneut umspielen Lachfalten seine Augen. Und es sollte sowieso alles ganz anders kommen. Obwohl das erste Jahr sportlich nicht gut lief und der ASC beinahe abgestiegen wäre, freundete sich die ‚Schwarze Perle‘ – wie er liebevoll von den Fans genannt wurde – immer mehr mit Göttingen an. Besonders die alten Fachwerkhäuser, die Fußgängerzone und der Lebensstil faszinierten ihn: „Die Menschen hatten mehr Zeit füreinander als in den USA.“ Gemütliche Spaziergänge und die entspannten Gespräche gefielen dem damals 22-Jährigen. „Land und Leute haben mich überzeugt, länger in Deutschland zu bleiben.“ Aus ‚länger‘ wurde bis dato der Rest seines Lebens. Rückblickend für ihn eine gute Entscheidung: Insgesamt drei Meisterschaften und zwei Pokalsiege errang er mit dem ASC. Aber auch abseits des Basketballfeldes lief es rund. Olinde lernte seine spätere Frau kennen, studierte BWL, nahm 1983 die deutsche Staatsbürgerschaft an und startete zwei Jahre später bei der Gothaer Versicherung. Weitere zwei Jahre später beendete er seine Basketballkarriere und konzentrierte sich fortan auf den Beruf. „Irgendwann wollte ich mehr international arbeiten, was bei der Gothaer nicht möglich war.“ Deshalb verließ er Göttingen vor gut 20 Jahren, um in Hamburg bei Barclaycard zu arbeiten. Seitdem lebt er mit seiner Familie in der Elbmetropole.

Göttingen ganz hinter sich zu lassen, kommt für ihn aber nicht infrage. Etwa viermal pro Jahr besucht er die alte Heimat. Oft ist er bei seinen Besuchen beruflich unterwegs und gibt Seminare für Führungskräfte. Denn inzwischen hat er sich selbständig gemacht – passender Weise unter dem Label ‚Black Pearls‘ arbeitet Olinde nun als ‚Inspirationscoach‘. „Mein Ding war es schon immer zu sehen, welche Potenziale in einem Menschen stecken.“ Und diese Potenziale zu wecken, ist nun sein Ziel. Natürlich spielt Basketball in seinen Seminaren noch immer eine große Rolle. „Beim Sport vergessen die Leute ihr Büro, und sie lernen, auch mal über Fehler zu lachen.“ Selbst aktiv gespielt hat der heute 60-Jährige zuletzt 2010 in einer Freizeitgruppe. Als immer mehr junge Spieler dazukamen und ein Trainer geholt werden sollte, war Olinde raus. „Auf Drills hatte ich keine Lust mehr“, sagt er lachend. Wenn ihn der Job mal wieder nach Göttingen verschlägt, sucht er gern seine Lieblingsplätze aus früheren Jahren auf. So legt er regelmäßig einen Stop an seiner ersten Wohnung am Posthof ein. „Denn das Haus ist doch nie abgerissen worden.“ Dies zeige für ihn die Beständigkeit, die Göttingen in vielerlei Hinsicht auszeichnet. „Das Unigelände hat sich kaum verändert, und es gibt immer noch Geschäfte wie Betten Heller, Cron & Lanz oder eben meinen Lieblingsgriechen ‚Hellas‘.“ Daneben sind für Olinde auch die Göttinger Bäckereien ein gutes Stück Heimat: „In Hamburg gibt es keine ‚Campingwecken‘, deshalb bringe ich immer einen ganzen Schwung von hier mit.“ Göttingen sei nach wie vor eine junge, lebendige Studentenstadt mit viel Grün – und doch habe sie sich weiterentwickelt. „Sie ist optisch schöner und heller geworden, aber ich vermisse das alte Flair mit den kleinen, familiengeführten Geschäften.“ So fehlt ihm der alte Tabakladen am Nabel, in dem die Tickets für die Basketballspiele verkauft wurden, ebenso wie das Pfannkuchenhaus.

Wenn er in Hamburg oder während seiner vielen Reisen mit Menschen über Göttingen spricht, fällt ihm eines auf: „Fast jeder war schon mal hier oder kennt jemanden, der hier war.“ Dies beschränke sich aber meistens auf die Zeit des Studiums. Der allgemeine Tenor sei, dass Göttingen zum Studieren super ist, aber zum Leben zu klein. Das sei jedoch ein großer Irrtum: „Denn gerade die Größe kann ein Riesenvorteil sein.“ Die kurzen Wege innerhalb der Stadt sparen enorm viel Zeit, die in sinnvolle Dinge investiert werden kann. Auch das kulturelle Angebot hebt Olinde hervor: „Es gibt genügend Theater, Kinos und Veranstaltungsorte – langweilig wird es hier nicht.“ Die Lokhalle steche dabei heraus, sei aber noch nicht bekannt genug. „Die Leute wundern sich immer nur, warum sogar große Stars nach Göttingen kommen.“ Bei dem Herausstellen der Merkmale als Stadt zum Arbeiten und Leben sieht Olinde daher Defizite. „Göttingen als ‚Stadt, die Wissen schafft‘ stellt die Universität überall in den Vordergrund. Das macht es anderen Bereichen schwer, besser wahrgenommen zu werden.“

Eine der wenigen positiven Ausnahmen seien die Bundesliga-Basketballer der BG 74 Göttingen, die gerade erst wieder den Klassenerhalt geschafft haben. „Die lange Tradition und eine außergewöhnliche Fankultur sorgen für ein sympathisches Bild über die Grenzen der Stadt hinaus.“ Leider sei es für die Verantwortlichen jedoch schwer, genügend Mittel zu generieren. „Es gibt zwar einen starken Mittelstand, doch für den Profisport bräuchte es noch einige echte ‚Schwergewichte‘“, so Olinde. Da diese allerdings nicht in Sicht seien, sieht er große Schwierigkeiten, den Standort auf Dauer in der Bundesliga zu halten. „Aber ob mit oder ohne Bundesligabasketball, Göttingen ist wunderbar, und ich werde auch in Zukunft gerne hier sein“, sagt die ,Schwarze Perle‘, lacht und verabschiedet sich in Richtung Posthof.

Wilbert Olinde kam 1977 als Basketballspieler aus Los Angeles nach Göttingen und spielte zehn Jahre für den SSC und den ASC 46 Göttingen in der Bundesliga. Dreimal wurde er in dieser Zeit Deutscher Meister und zweimal Pokalsieger. Er studierte BWL an der Universität und lernte in Göttingen seine spätere Ehefrau kennen. 1983 nahm er die deutsche Staatsbürgerschaft an. Im Anschluss an seine Basketballkarriere arbeitete er zunächst für die Gothaer Versicherung. Dann zog es ihn nach Hamburg, wo er für Barclaycard tätig war. 2003 machte sich der Vater von drei Kindern selbständig und arbeitet heute unter dem Firmennamen ,Black Pearls‘ als Inspirationscoach. www.black-pearls-world.com