Frei in der Zelle

Text von: Heidi Niemann

In Göttingen gibt es ein ungewöhnliches Kunstwerk, das bislang nur wenige Menschen zu Gesicht bekommen haben: die einstige Zelle des Psychiatrie-Patienten Julius Klingebiel. Zugleich zeugt sie von einem dunklen Kapitel in der 150-jährigen Geschichte der Psychiatrie in Göttingen.

Immobilie mit über 2.320 Quadratmetern Nutzfläche und 9.000 Quadratmetern Grundstück in ruhiger Lage am südlichen Stadtrand von Göttingen – all das klingt nach einem städtebaulichen Filetstück. Doch die Liegenschaft im Tonkuhlenweg 23, für die das Land Niedersachsen derzeit eine neue Nutzung sucht, ist sehr speziell. Das Gebäude sieht aus wie eine Festung und ist ringsum von einer meterhohen Mauer umgeben. Jahrzehntelang waren in dem sogenannten ,Festen Haus‘ psychisch kranke Straftäter untergebracht, die wegen besonderer Gefährlichkeit oder Fluchtgefahr nicht in anderen Kliniken behandelt werden konnten. Anfang des Jahres sind die letzten dort untergebrachten Maßregelvollzugspatienten in eine neue Spezialklinik umgezogen, die nur wenige Meter entfernt liegt. Seitdem steht das Haus leer und das Land Niedersachsen als dessen Eigentümer vor einem Problem: Einer der Räume beherbergt ein ganz besonderes Kunstwerk und steht deshalb unter Denkmalschutz.

©Alciro Theodoro da Silva

©Alciro Theodoro da Silva

Der knapp zehn Quadratmeter große Raum, der den Behörden so viel Kopfzerbrechen bereitet, befindet sich im ersten Stock hinter der Tür mit der Nummer 117. Auf der linken Seite befinden sich ein Waschbecken und ein Klosett, an der Stirnseite ein hohes vergittertes Fenster, das nur wenig Licht hereinlässt. Nicht gerade eine attraktive Ausstattung – doch was den Raum so besonders macht, sind seine Wände. Kein freier Zentimeter.

Die Malereien stammen von dem Psychiatriepatienten Julius Klingebiel (1904 – 1965). Zwölf Jahre lang hat er in dieser Einzelzelle gelebt und fast jeden Quadratzentimeter mit Bildern ausgefüllt. Nur einen schmalen Streifen unter der Decke ließ er frei. Klingebiel malte Bilder aus der Erinnerung, wie die Hirsche mit der auffälligen Fellzeichnung und den ausufernden Geweihen, die in vielen Abschnitten vorkommen, oder den aufmerksamen Tiger über deren Köpfen – möglicherweise aus dem Hannoveraner Zoo Mitte der 1920er-Jahre. Der Patient fügte Ornamente, Landschaften, Bildnisse unbekannter Frauen, Porträts von Hitler, Göring und Wilhelm II., Wolkenkratzer, Ozeanriesen und, neben den Hakenkreuzen, immer wieder christliche Symbole zu einer flächendeckenden, häufig mosaikartigen Wandbemalung zusammen.

Heute gelten seine Wandmalereien als einzigartiges Beispiel der sogenannten Outsider-Kunst, wie Kunsthistoriker die Werke von Menschen mit psychischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen nennen. Klingebiels Malereien sind aber nicht nur ein ungewöhnliches Gesamtkunstwerk. Sie zeugen auch von einem besonders dunklen Kapitel der Geschichte der Psychiatrie in Göttingen – eine Geschichte, die in diesem Jahr 150 Jahre alt wird.

Der aus Hannover stammende Schlosser Julius Klingebiel war 1939 als „gefährlicher Geisteskranker“ in die Psychiatrie eingewiesen worden. Nach zwei schweren Arbeitsunfällen bekam er anfallartige starke Kopfschmerzen und fühlte sich verfolgt – die Ärzte attestierten ihm eine paranoide Schizophrenie. 1940 wurde er als Opfer der NS-Rassengesetze zwangssterilisiert und in das sogenannte Verwahrungshaus nach Göttingen verlegt. Obwohl er als an Schizophrenie erkrankt und unheilbar gemeldet worden war, überlebte er die Tötungsaktionen der Nationalsozialisten. Warum er nicht deportiert wurde, ist unklar. Der damalige Klinikleiter Gottfried Ewald (1934 – 1954) nahm eine ambivalente Position zum NS-Regime ein. Auf der einen Seite befürwortete er die angeordnete Zwangssterilisation von psychisch Kranken. Er war aber auch der erste Psychiater, der im August 1940 in einer Denkschrift gegen das Euthanasie-Programm zur Ermordung psychisch Kranker protestierte. Mindestens 70 Patienten konnte er vor der Deportation bewahren. 238 Patienten aber wurden 1940/41 aus der Göttinger Klinik deportiert, mindestens 185 von ihnen danach auch getötet.

Nach dem Krieg kam Klingebiel 1951 in die Einzelzelle mit der Nummer 117. Bald darauf begann er, sich mit seinen Wandmalereien eine eigene Welt zu erschaffen. Dabei mischte er Farbe aus allen Materialien, die er zur Verfügung hatte: Kohlereste, Steine, Baumrinde, Spucke, Brot, Milch und Urin. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits seit mehr als zwölf Jahren in der Psychiatrie untergebracht. Sein Fall zeigt, dass auch nach dem Ende der NS-Zeit die Rechte psychisch Kranker missachtet wurden: Klingebiel blieb bis zu seinem Tod 1965 eingesperrt, ohne dass es je einen richterlichen Beschluss gegeben hätte.

©Alciro Theodoro da Silva

©Alciro Theodoro da Silva

Das ,Feste Haus‘, in dem er so viele Jahre abgeschottet von der Außenwelt verbrachte, war 1909 als zusätzliche Einrichtung der damaligen ,Königlichen Landesirrenanstalt zu Göttingen‘ erbaut worden. Die 1866 auf dem Leineberg im gotischen Stil errichtete Spezialanstalt für nervenkranke Patienten, die später als Landeskrankenhaus (LKH) fungierte, war das erste psychiatrische Krankenhaus in Göttingen. Zuvor hatten die Behörden im damaligen Königreich Hannover bei einer sogenannten ,Irrenzählung‘ den Bedarf für eine solche Einrichtung ermittelt. Sie entschieden sich für den Standort Göttingen, weil sich durch der neuen Klinik, Ludwig Meyer, übernahm gleichzeitig die neu eingerichtete Professur für das Studienfach an der Georg-August Universität.

Göttingen war damit nach der Berliner Charité und der Universität München die dritte Universitätspsychiatrie in Deutschland. Klinikleiter Meyer war Verfechter einer freiheitlichen Psychiatrie, die auf Zwangsmittel weitgehend verzichtete. Behandlung und Pflege, so sein Credo, seien der beste Schutz. Mit diesem Konzept hatte er bereits als Klinikleiter in Hamburg für Aufsehen gesorgt, als er die damals üblichen Zwangsjacken kurzerhand ausmusterte und auf dem ,Dom‘ versteigern ließ. In Göttingen seien erst gar keine Zwangsjacken angeschafft worden, berichtet heute der langjährige ärztliche Direktor des LKH Göttingen, Manfred Koller, der sich intensiv mit der Geschichte der Göttinger Psychiatrie befasst hat und heute im niedersächsischen Sozialministerium in Hannover tätig ist. Als das Deutsche Theater vor einigen Jahren in den Beständen nach Mustern für Zwangsjacken anfragte, fiel die Antwort entsprechend negativ aus.
Durch einen spektakulären Kriminalfall hat die Göttinger Psychiatrie indes Eingang in die Filmgeschichte gefunden. Der Göttinger Klinikdirektor Ernst Schultze (1912 – 1934) war 1924 zum psychiatrischen Gutachter von Fritz Haarmann bestellt worden. Friedrich ,Fritz‘ Heinrich Karl Haarmann, 1879 in Hannover geboren, war ein Serienmörder, der wegen Mordes an 24 Jungen und jungen Männern im Alter von zehn bis 22 Jahren angeklagt wurde. Die Original Verhörprotokolle von Schultzes Gesprächen mit Haarmann aus dem Jahr 1924 dienten als Grundlage für den preisgekrönten Film ,Der Totmacher‘ (1995) mit Götz George in der Hauptrolle.

©Alciro Theodoro da Silva

©Alciro Theodoro da Silva

Der Psychiater kam in seinem Gutachten zu dem Ergebnis, dass der Serienmörder voll zurechnungsfähig sei und keine Schuldunfähigkeit vorliege. Nachdem Haarmann am 19. Dezember 1924 zum Tode verurteilt worden war, erfolgte am frühen Morgen des 15. April 1925 seine Hinrichtung, unbemerkt von der Öffentlichkeit, im Hof des Gerichtsgefängnisses in Hannover durch Enthaupten mit dem Fallbeil. Sein Kopf wurde einem Hirnforschungsinstitut in Göttingen zur Verfügung gestellt. Dort wurde später festgestellt, dass Haarmann früher eine Hirnhautentzündung durchgemacht haben musste, was zu Hirn- und Wesensveränderungen führen kann. Wahrscheinlich war Haarmann – entgegen dem psychiatrischen Gutachten – wegen einer seelischen Störung schuldunfähig.

Viel wichtiger für die Entwicklung der Psychiatrie war jedoch das Wirken des späteren Klinikleiters Ulrich Venzlaff (1968 – 1986). Dieser gilt als Pionier der forensischen Psychiatrie in Deutschland, sein Handbuch ,Psychiatrische Begutachtung‘ ist bis heute ein Standardwerk für Mediziner und Juristen. Venzlaff setzte sich vehement dafür ein, die aus heutiger Sicht menschenunwürdigen Behandlungs- und Lebensbedingungen der psychisch Kranken zu verbessern und die Klinik nach außen zu öffnen. Unter seiner Leitung wandelte sich das LKH von einer psychiatrischen Anstalt zu einem modernen Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Psychotherapie. Seit der Privatisierung der Landeskrankenhäuser im Jahr 2007 gehört die Klinik auf dem Leineberg zum Asklepios-Konzern. In dem Fachklinikum wird das gesamte Spektrum psychischer Erkrankungen behandelt. Neben diesem stationären Angebot gibt es noch vier weitere Tageskliniken in Göttingen und Seesen.

Seit rund 50 Jahren gibt es noch einen wichtigen Zweig in der Geschichte der Göttinger Psychiatrie, ein weiteres psychiatrisches Krankenhaus. 1955 zog die Universitätsnervenklinik in ein neues Gebäude in der Von-Siebold-Straße ein. Heute verfügt die Universitätsmedizin Göttingen über zahlreiche Abteilungen und Spezialambulanzen, die ein breites Spektrum an Forschungsrichtungen und Therapieansätzen abdecken: eine Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, eine Klinik für Kinder- und Jugendtherapie und Psychotherapie sowie eine Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Eine bundesweit einzigartige Konstellation gibt es zudem in der Forensik: Der Leiter des Ludwig-Meyer-Instituts für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, Jürgen Müller, ist gleichzeitig Chefarzt der Asklepios Klinik für forensische Psychiatrie.

Das einstige ,Feste Haus‘ befindet sich übrigens trotz Privatisierung weiter im Besitz des Landes, da dieser Bereich des Maßregelvollzugs aus verfassungsrechtlichen Gründen von der Privatisierung ausgeschlossen war. Das Finanzministerium muss sich jetzt mit der kniffligen Frage befassen, wie man das Gebäude künftig nutzen und gleichzeitig die Klingebiel-Zelle retten kann. Um die potenziellen Verwertungsmöglichkeiten abwägen zu können, will das Land zunächst ein Gutachten einholen. Dieses soll Aufschluss darüber geben, ob und mit welcher Technik das denkmalgeschützte Kunstwerk versetzt werden könnte – und was ein Transfer kosten würde.